International
USA

Selenskyj spielt seine Trumpfkarte aus

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (links) und US-Präsident Donald Trump.
Donald Trump schiesst auf seine Social-Media-Plattform wieder gegen Selenskyj.Bild: EPA

Trump spottet über Selenskyj – dieser spielt seine Trumpfkarte aus

Trump verspottet den ukrainischen Präsidenten, doch die Eskalation im Nahen Osten macht Kiews drohnenbasierte Luftabwehr plötzlich zum strategischen Exportgut.
04.03.2026, 09:4704.03.2026, 09:47
Bojan Stula
Bojan Stula

Donald Trump kann es nicht lassen. In einem Post auf Truth Social am Dienstag bezeichnet er den ukrainischen Präsidenten als «P. T. Barnum», den sensationsheischenden Showbiz-König des 19. Jahrhunderts. Wolodimir Selenskyj habe gratis amerikanische High-End-Waffen im Wert von Milliarden eingesackt, und nur dank Trumps Weitsicht hätten die fehlenden Bestände rechtzeitig wieder aufgefüllt werden können.

«Ich halte es für eine gute Entscheidung, iranische Militärziele anzugreifen.»
Wolodimir Selenskyj

Das ist ein schlechter Lohn für den Ukrainer, war er doch einer der allerersten Staatschefs, der den neuerlichen US-Angriff auf den Iran unterstützte. «Ich halte es für eine gute Entscheidung, iranische Militärziele anzugreifen», sagte Selenskyj zur italienischen Zeitung «Corriere della Sera» und verwies auf die iranischen Waffenlieferungen an Russland. Doch welche Folgen hat die jüngste Nahost-Eskalation für die Osteuropäer? Welche Chancen eröffnen sich? Welche Gefahren drohen?

Ukrainische Luftabwehr als Exportschlager

Trumps Tiefschlag gegen Selenskyj trifft die Stimmung im Westen nicht, im Gegenteil: Viele Kommentatoren verweisen angesichts der iranischen Raketen- und Drohnen-Schläge auf die ukrainische Expertise in Sachen Flugabwehr. Der US-Buchautor Michael Weiss bezeichnet deshalb die Ukraine als «Lichtjahre voraus im Wissen, wie man einen modernen Krieg führt». In den sozialen Netzwerken kursiert schon der Slogan: «Nato, behalte die Nerven und tritt der Ukraine bei.»

Dieses Renommee wirft Selenskyj jetzt ganz bewusst in die Waagschale, um im Windschatten der Iran-Eskalation Bonuspunkte für die Ukraine zu sammeln. Dazu setzt er Posts in arabischer Sprache ab und verhandelt mit dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Muhammad bin Zayid. «Die Situation im Nahen Osten zeigt, wie schwierig es ist, einen hundertprozentigen Schutz vor Raketen und Schahed-Drohnen zu gewährleisten», sagte er am 1. März in seiner Abendansprache. «Alle sehen jetzt, dass unsere Verteidigungserfahrung in hohem Masse unersetzlich ist.»

Die Ukraine habe gelernt, iranische Drohnen nicht nur militärisch abzufangen, sondern auch technisch zu analysieren, Produktionsketten nachzuvollziehen und Gegenmassnahmen rasch anzupassen. Dieses Know-how will Kiew nun weitergeben. Selenskyj betont, sein Land sei bereit, «diese Erfahrung zu teilen» – insbesondere mit jenen Staaten, die die Ukraine seit Beginn der russischen Vollinvasion unterstützt haben.

Grossbritannien hat bereits angekündigt, ukrainische Experten beizuziehen, um Partner im Golf bei der Abwehr iranischer Drohnen zu unterstützen. Premierminister Keir Starmer erklärte, man werde «Experten aus der Ukraine gemeinsam mit unseren eigenen Fachleuten einsetzen, um Golfstaaten beim Abschuss iranischer Drohnen zu helfen».

Selenskyj seinerseits unterstrich im Interview mit dem «Corriere della Sera», dass Investitionen in die ukrainische Drohnenindustrie europäischen Partnern wertvolle Gefechtserfahrung verschaffen würden – denn «Flugzeuge und Raketen allein reichen nicht aus, um iranische Drohnen abzuwehren».

Angst vor Engpässen bei Patriot-Raketen

Gleichzeitig warnt Selenskyj vor möglichen Folgen für die eigene Verteidigung. Die Ukraine ist bei ihrer Luftabwehr stark auf das US-System Patriot angewiesen – das nun auch im Nahen Osten verstärkt gebraucht wird. «Es könnte schwierig werden, Raketen und Waffen für die Verteidigung unseres Luftraums zu beschaffen», fuhr der ukrainische Präsident im gleichen Interview fort.

epa11404625 President of Ukraine Volodymyr Zelensky stands in front of a 'Patriot' anti-aircraft missile system during his visit to a military training area in Germany, 11 June 2024. Ukraini ...
Hohe Nachfrage: Die Ukraine setzt auch auf das Patriot-System.Bild: keystone

Auch gegenüber dem Onlineportal Kyiv Independent äusserte sich Selenskyj besorgt: «Natürlich beunruhigt uns diese Frage. Bisher gibt es weder von den Amerikanern noch von den Europäern entsprechende Signale.» Sollte der Krieg andauern, werde die Intensität der Kämpfe «den Umfang der Luftverteidigung beeinflussen, die wir erhalten».

Bereits im vergangenen Jahr hatten sich Lieferungen wegen des 12-Tage-Kriegs zeitweise verzögert. Seit dem Ende der grossangelegten US-Militärhilfen unter der Trump-Regierung ist Kiew fast vollständig auf europäische Finanzierung und eigene Rüstungsproduktion angewiesen. Die Eskalation im Nahen Osten zieht zumindest kurzfristig die internationale Aufmerksamkeit vom russischen Angriffskrieg ab.

Widersprüchliche geopolitische Lage

Einige Beobachter hoffen, der Konflikt mit dem iranischen Verbündeten Moskaus könne einen Keil zwischen Washington und den Kreml treiben. Der Politologe Wolodimir Fesenko fordert gegenüber «Kyiv Independent», man müsse jetzt «unsere partnerschaftliche Haltung gegenüber den USA demonstrieren und die objektiven Widersprüche zwischen den USA und Russland nutzen».

Die britische Politikwissenschafterin Jenny Mathers sieht dagegen bislang keine Anzeichen dafür, dass die US-Feindseligkeit gegenüber Iran die amerikanische Haltung gegenüber Russland grundlegend verändern könnte. Dasselbe gilt für Trumps persönliche Beziehung zu Selenskyj, nimmt man den oben beschriebenen Seitenhieb auf Truth Social zum Massstab. Ob dafür Selenskyjs Annäherung an die Golfstaaten dies auszugleichen vermag, ist eine offene Frage.

Zudem droht kurzfristig ein indirekter Nachteil: Steigen die Ölpreise weiterhin derart an, füllt sich Russlands defizitäre Kriegskasse umso schneller wieder auf.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Iran-Krieg in Bildern
1 / 20
Iran-Krieg in Bildern

USA und Israel haben am 28. Februar 2026 den Iran angegriffen. Diese Aufnahme zeigt den Abschuss einer Rakete von einem Schiff der US-Marine.

quelle: keystone
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Statt über den Iran sprach Trump an der Pressekonferenz lieber über … Vorhänge
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
24 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Der Micha
04.03.2026 10:09registriert Februar 2021
Trump scheint wohl vergessen zu haben, dass er den Krieg vor seiner Amtseinführung beenden wollte. Die klappte bekanntlich nicht. Schon allein deswegen, weil Trump in Putins Hintern kriecht.
732
Melden
Zum Kommentar
avatar
Schlaf
04.03.2026 10:02registriert Oktober 2019
Hat da Krasnov einen Befehl vom Kreml erhalten??
625
Melden
Zum Kommentar
avatar
Sotogrande
04.03.2026 09:57registriert Januar 2026
Der Angriff auf Iran spielt indirekt Putin in die Hände. Die Ukraine wird voraussichtlich über weniger Patriots verfügen und gleichzeitig holt sich Putin mehr Gelder durch die steigenden Ölpreise. Beides wird Trump sowas von egal sein, er verdient ja an steigenden Ölpreisen kräftig mit wie auch seine Entourage.
488
Melden
Zum Kommentar
24
Für diese Passagiere plant die Swiss einen Sonderflug vom Oman nach Zürich
Die Fluggesellschaft Swiss plant für Donnerstag einen Sonderflug von Maskat nach Zürich. Der eingesetzte Airbus A340 wird deswegen am Mittwoch in die Hauptstadt des Omans fliegen.
Mit diesem Flug wolle die Swiss einen Betrag leisten, um den Betroffenen in der schwierigen Situation zu helfen, teilte die Swiss mit. Mit diesem Flug soll vor allem gestrandeten Schweizer Reisenden die Rückkehr aus dem Krisengebiet ermöglicht werden. Maskat gehört nicht zu den regulären Destinationen der Fluggesellschaft.
Zur Story