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F-35 in der Kritik: Europa streitet über die Zukunft der Luftfahrt
Zukünftige Kampfflugzeuge spalten Europa: Ein General kritisiert F-35
Europa wegen zukünftiger Flugzeuge gespalten: Ein General kritisiert F-35
In Sachen Rüstung geht das deutsch-französische Duo oft eigene Wege. Das Projekt Scaf (Système de combat aérien du futur, Luftkampfsystem der Zukunft) dürfte da keine Ausnahme bilden. Der Hersteller Airbus, der Deutschland und Spanien vertritt, wird eine Lösung mit zwei Kampfflugzeugen unterstützen, «wenn die Kunden dies verlangen», und «eine führende Rolle spielen», erklärte dessen Chef Guillaume Faury letzte Woche.
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat seinerseits öffentlich Zweifel an den Zukunftsaussichten dieses 2017 von Deutschland und Frankreich ins Leben gerufenen Kampfflugzeugprojekts geäussert, dem sich zwei Jahre später auch Spanien angeschlossen hatte. Es muss gesagt werden, dass es seit Monaten aufgrund von Spannungen zwischen Airbus und dem französischen Flugzeughersteller Dassault Aviation stillsteht.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Deutschland rügt Frankreich
Aber noch ist nicht alles verloren: Auch wenn es nun offenbar auf zwei Flugzeuge hinausläuft, dürfte der Rest des Scaf-Projekts beibehalten werden. Dazu gehört die Entwicklung von Drohnen, die über ein innovatives digitales Kommunikationssystem miteinander verbunden sind, eine «Kampf-Cloud».
Was das Flugzeug selbst betrifft, so kommt der altbekannte europäische Egoismus wieder zum Vorschein. Dies geschieht vor dem Hintergrund von Sticheleien Deutschlands gegenüber Frankreich, dem vorgeworfen wird, zu wenig in die Verteidigung zu investieren, obwohl es sich für eine europäische Verteidigungssouveränität gegenüber den USA einsetzt. Zwar entsprechen die französischen Finanzen nicht den strategischen Ambitionen von Emmanuel Macron, doch Deutschland, das in einer deutlich besseren finanziellen Lage ist, hat über dreissig Jahre hinweg seine Verteidigungsanstrengungen vernachlässigt – bis die russische Invasion in der Ukraine einen Schock auslöste.
Das Scaf-Projekt: Die Rivalität zwischen Rafale und Eurofighter ist ein Paradebeispiel für die Auseinandersetzungen zwischen Airbus und Dassault, hinter denen Frankreich und Deutschland stehen. Die Programme für die Kampfflugzeuge der vierten Generation, Rafale (Frankreich) und Eurofighter (Vereinigtes Königreich, Italien, Deutschland, Spanien), sollten ursprünglich ein einziges Projekt bilden. Doch dieser Plan scheiterte.
Auf dem Weg zu einem Kampfflugzeug der sechsten Generation
Der französische General Michel Jakowlef, Verteidigungsberater beim Nachrichtensender LCI und ehemaliger stellvertretender Stabschef des Alliierten Kommandos Operationen der NATO, erinnert daran:
In Europa wird aktuell über die Entwicklung eines Kampfflugzeugs der sechsten Generation diskutiert – ein Flugzeug, das mit einem vernetzten Kampfsystem (Kampf-Cloud, Drohnen, Satelliten) ausgestattet ist. Im Vergleich dazu ist das F-35 von Lockheed Martin ein Flugzeug der fünften Generation. Es geht darum, die Technologie noch weiter voranzutreiben.
F-35 sei «Schrott»
Zeigt der französische General, der 2022 im Gespräch mit watson noch in höchsten Tönen von der Schweizer Armee sprach, eine Spur Nationalstolz? Für ihn ist klar: «Die Rafale ist aktuell das Nonplusultra auf dem Markt.» Deutlich weniger schmeichelhaft fällt sein Urteil über Eurofighter und F-35 aus – er nennt sie unverblümt «Schrott».
Für den französischen General liegt darin auch der Grund, weshalb Israels F-35 im zwölftägigen Krieg im Juni nicht in den iranischen Luftraum eindrangen, sondern ihre Raketen bereits vor der Grenze abfeuerten.
Im deutsch-französischen Ringen stellt sich Dassault Aviation quer, und nicht ganz ohne Grund, wie es heisst. Zwar wäre eine vollständige Kooperation für einen neuen europäischen Kampfjet als Nachfolger von Dassault Rafale und Eurofighter Typhoon möglich. Doch Dassault weigert sich, sein gesamtes technologisches Know-how offenzulegen, allen voran das als besonders effizient geltende Radarsystem. Der deutsche Kanzler kritisiert das als egoistisch.
Die Antwort von General Jakowlef:
Gemeint ist – wieder einmal – die Lockheed Martin F-35 Lightning II, die mittlerweile in rund 15 europäischen Staaten fliegt, auch in der Schweiz. Nach Ansicht des französischen Generals zeigt sich Dassault Aviation bei Modernisierungen deutlich flexibler als Washington. «Mit der Dassault Rafale haben ausländische Kunden viel mehr Spielraum als mit der F-35, wenn sie eigene Technologien einbauen wollen», bestätigt er.
Der bislang letzte, aber wohl gewichtigste Kritikpunkt des Generals Jakovlef an die deutsche Seite:
Die 1948 ins Leben gerufene RAND Corporation berät das US-Militär und ist ein amerikanisches Forschungs- und Beratungsunternehmen, das Politik und Entscheidungsprozesse mithilfe angewandter Forschung und strategischer Analysen optimieren will.
«Der Europanzer war ein Fehlschlag»
Während Deutschland und Airbus auf ein sechste Generation umfassendes Scaf hinarbeiten, verfolgt Dassault Aviationeher bescheidene Ziele. Die aktuelle Dassault Rafale, ein Allrounder für Luft, See und Nuklearbewaffnung, gilt als Generation 4,5 und ist somit nahe an der fünften Generation, besitzt jedoch keine Tarnkappentechnologie. Diese dient dazu, dass ein Flugzeug möglichst schwer von Radar, Infrarot-Sensoren oder anderen Aufklärungsmitteln erkannt wird.
Oberst Alexandre Vautravers mischt sich in den deutsch-französischen Zwist ein. Der Chefredaktor der «Revue militaire suisse» kommentiert:
Franzose und Schweizer berichten unterschiedlich
Wir haben Oberst Vautravers gebeten, auf die Kritik von General Jakovlef an der F-35 zu reagieren. Der Schweizer Offizier hatte sich für den amerikanischen Tarnkappenjet ausgesprochen, als die Schweiz ihn als zukünftigen Kampfjet auswählte. Ist es wirklich das Radarsystem, das nicht «top» sei, weshalb die F-35 im Juni den iranischen Luftraum gemieden hat?
Die Version von Oberst Vautravers unterscheidet sich von der des französischen Generals:
Bezüglich des künftigen europäischen Kampfjets bestätigt Alexandre Vautravers:
Gerade jetzt, wo Europa die Verteidigungsautonomie gegenüber den USA betont, stellt sich die Frage: Wie viel technologische Eigenständigkeit ist noch möglich? Fühlen sich die 15 europäischen F‑35‑Nutzer wirklich handlungsfrei? Oder ist Europa nur eine Bühne, hinter der jeder sein Geschäft im eigenen Interesse macht? Fragen, die auch in den kommenden Jahren relevant bleiben.
Am Ende dreht sich alles ums Geld. Frankreich soll 114 Dassault Rafale an Indien liefern, das gerade zugestimmt hat – aber noch ist nichts endgültig. Der Kostenpunkt liegt bei 30 bis 35 Milliarden US-Dollar. Eine Produktionslinie in Indien ist vorgesehen, inklusive Technologietransfer. Heikel, aber nötig: Frankreich ist finanziell weniger flexibel als Deutschland und braucht das Geld, Indien hat es. Zudem setzt der französische Flugzeugbauer, unterstützt von der Regierung, auf Investitionen aus den Emiraten.
Vorerst scheint jeder sein eigenes Spiel zu spielen, mit den eigenen Stärken und Schwächen.
