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F-35 in der Kritik: Europa streitet über die Zukunft der Luftfahrt

Der amerikanische F-35 (oben) und ein Modell eines zukünftigen europäischen Kampfjets.
Der amerikanische F-35 (oben) und ein Modell eines zukünftigen europäischen Kampfjets.
bild: watson

F-35 in der Kritik: Europa streitet über die Zukunft der Luftfahrt

Zukünftige Kampfflugzeuge spalten Europa: Ein General kritisiert F-35

Europa wegen zukünftiger Flugzeuge gespalten: Ein General kritisiert F-35

Frankreich und Deutschland können sich nicht auf die Entwicklung eines gemeinsamen Kampfflugzeugs einigen. Der französische General Michel Jakowlef, ein Befürworter der Rafale, kritisiert die F-35 und den Eurofighter scharf. Der Schweizer Oberst Alexandre Vautravers bietet seine Expertise an.
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03.03.2026, 22:5403.03.2026, 22:54
Antoine Menusier

In Sachen Rüstung geht das deutsch-französische Duo oft eigene Wege. Das Projekt Scaf (Système de combat aérien du futur, Luftkampfsystem der Zukunft) dürfte da keine Ausnahme bilden. Der Hersteller Airbus, der Deutschland und Spanien vertritt, wird eine Lösung mit zwei Kampfflugzeugen unterstützen, «wenn die Kunden dies verlangen», und «eine führende Rolle spielen», erklärte dessen Chef Guillaume Faury letzte Woche.

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat seinerseits öffentlich Zweifel an den Zukunftsaussichten dieses 2017 von Deutschland und Frankreich ins Leben gerufenen Kampfflugzeugprojekts geäussert, dem sich zwei Jahre später auch Spanien angeschlossen hatte. Es muss gesagt werden, dass es seit Monaten aufgrund von Spannungen zwischen Airbus und dem französischen Flugzeughersteller Dassault Aviation stillsteht.

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Deutschland rügt Frankreich

Aber noch ist nicht alles verloren: Auch wenn es nun offenbar auf zwei Flugzeuge hinausläuft, dürfte der Rest des Scaf-Projekts beibehalten werden. Dazu gehört die Entwicklung von Drohnen, die über ein innovatives digitales Kommunikationssystem miteinander verbunden sind, eine «Kampf-Cloud».

Was das Flugzeug selbst betrifft, so kommt der altbekannte europäische Egoismus wieder zum Vorschein. Dies geschieht vor dem Hintergrund von Sticheleien Deutschlands gegenüber Frankreich, dem vorgeworfen wird, zu wenig in die Verteidigung zu investieren, obwohl es sich für eine europäische Verteidigungssouveränität gegenüber den USA einsetzt. Zwar entsprechen die französischen Finanzen nicht den strategischen Ambitionen von Emmanuel Macron, doch Deutschland, das in einer deutlich besseren finanziellen Lage ist, hat über dreissig Jahre hinweg seine Verteidigungsanstrengungen vernachlässigt – bis die russische Invasion in der Ukraine einen Schock auslöste.

Das Scaf-Projekt: Die Rivalität zwischen Rafale und Eurofighter ist ein Paradebeispiel für die Auseinandersetzungen zwischen Airbus und Dassault, hinter denen Frankreich und Deutschland stehen. Die Programme für die Kampfflugzeuge der vierten Generation, Rafale (Frankreich) und Eurofighter (Vereinigtes Königreich, Italien, Deutschland, Spanien), sollten ursprünglich ein einziges Projekt bilden. Doch dieser Plan scheiterte.

Auf dem Weg zu einem Kampfflugzeug der sechsten Generation

Der französische General Michel Jakowlef, Verteidigungsberater beim Nachrichtensender LCI und ehemaliger stellvertretender Stabschef des Alliierten Kommandos Operationen der NATO, erinnert daran:

«Die Franzosen, die über nukleare Abschreckungsmittel verfügen, wollten ein Flugzeug, das Atombomben transportieren und auf einem Flugzeugträger landen kann, aber Deutschland hatte daran kein Interesse.»
General Michel Jakowlef

In Europa wird aktuell über die Entwicklung eines Kampfflugzeugs der sechsten Generation diskutiert – ein Flugzeug, das mit einem vernetzten Kampfsystem (Kampf-Cloud, Drohnen, Satelliten) ausgestattet ist. Im Vergleich dazu ist das F-35 von Lockheed Martin ein Flugzeug der fünften Generation. Es geht darum, die Technologie noch weiter voranzutreiben.

F-35 sei «Schrott»

Zeigt der französische General, der 2022 im Gespräch mit watson noch in höchsten Tönen von der Schweizer Armee sprach, eine Spur Nationalstolz? Für ihn ist klar: «Die Rafale ist aktuell das Nonplusultra auf dem Markt.» Deutlich weniger schmeichelhaft fällt sein Urteil über Eurofighter und F-35 aus – er nennt sie unverblümt «Schrott».

«Zum einen können die Deutschen keine Kampfjets bauen. Zum anderen ist die F-35 zwar offiziell ein Tarnkappenjet, doch ihr Radarsystem ist nicht genügend ausgereift, weshalb sie potenzielle Bedrohungen nicht zuverlässig erkennt.»
General Michel Jakowlef

Für den französischen General liegt darin auch der Grund, weshalb Israels F-35 im zwölftägigen Krieg im Juni nicht in den iranischen Luftraum eindrangen, sondern ihre Raketen bereits vor der Grenze abfeuerten.

Im deutsch-französischen Ringen stellt sich Dassault Aviation quer, und nicht ganz ohne Grund, wie es heisst. Zwar wäre eine vollständige Kooperation für einen neuen europäischen Kampfjet als Nachfolger von Dassault Rafale und Eurofighter Typhoon möglich. Doch Dassault weigert sich, sein gesamtes technologisches Know-how offenzulegen, allen voran das als besonders effizient geltende Radarsystem. Der deutsche Kanzler kritisiert das als egoistisch.

Die Antwort von General Jakowlef:

«Friedrich Merz kritisiert den französischen Egoismus, über den amerikanischen verliert er hingegen kein Wort.»
General Michel Jakowlef

Gemeint ist – wieder einmal – die Lockheed Martin F-35 Lightning II, die mittlerweile in rund 15 europäischen Staaten fliegt, auch in der Schweiz. Nach Ansicht des französischen Generals zeigt sich Dassault Aviation bei Modernisierungen deutlich flexibler als Washington. «Mit der Dassault Rafale haben ausländische Kunden viel mehr Spielraum als mit der F-35, wenn sie eigene Technologien einbauen wollen», bestätigt er.

Der bislang letzte, aber wohl gewichtigste Kritikpunkt des Generals Jakovlef an die deutsche Seite:

«Dassault Aviation weiss ein Programm von Anfang bis Ende zu steuern, während die deutsche Erfahrung zeigt, dass sie dazu nicht in der Lage sind. Die Besonderheit der Governance von Dassault wurde bereits in den 1970er-Jahren in einem Bericht der RAND Corporation sehr gut beschrieben. Zweitrangig versteht man natürlich, dass Dassault nur mässig motiviert ist angesichts der Aussicht auf eine regelrechte Ausplünderung durch eine deutsche Industrie, die bei diesem komplexen Thema klar hinterherhinkt und sich unter dem Deckmantel der Kooperation einen beschleunigten Aufholprozess schenken lassen will.»
General Michel Jakowlef

Die 1948 ins Leben gerufene RAND Corporation berät das US-Militär und ist ein amerikanisches Forschungs- und Beratungsunternehmen, das Politik und Entscheidungsprozesse mithilfe angewandter Forschung und strategischer Analysen optimieren will.

«Der Europanzer war ein Fehlschlag»

Während Deutschland und Airbus auf ein sechste Generation umfassendes Scaf hinarbeiten, verfolgt Dassault Aviationeher bescheidene Ziele. Die aktuelle Dassault Rafale, ein Allrounder für Luft, See und Nuklearbewaffnung, gilt als Generation 4,5 und ist somit nahe an der fünften Generation, besitzt jedoch keine Tarnkappentechnologie. Diese dient dazu, dass ein Flugzeug möglichst schwer von Radar, Infrarot-Sensoren oder anderen Aufklärungsmitteln erkannt wird.

Oberst Alexandre Vautravers mischt sich in den deutsch-französischen Zwist ein. Der Chefredaktor der «Revue militaire suisse» kommentiert:

«Konflikte zwischen Deutschen und Franzosen bei Rüstungsprojekten sind keine Seltenheit. Schon in den 1960er-Jahren gab es Differenzen beim Bau eines gemeinsamen Kampfpanzers, des sogenannten ‹Europa-Panzers›. Daraus wurde nichts: Deutschland entwickelte den Leopard 1, Frankreich den AMX-30. Später wiederholte sich das Muster bei Eurofighter Typhoon und Dassault Rafale.»
Oberst Alexandre Vautravers

Franzose und Schweizer berichten unterschiedlich

Wir haben Oberst Vautravers gebeten, auf die Kritik von General Jakovlef an der F-35 zu reagieren. Der Schweizer Offizier hatte sich für den amerikanischen Tarnkappenjet ausgesprochen, als die Schweiz ihn als zukünftigen Kampfjet auswählte. Ist es wirklich das Radarsystem, das nicht «top» sei, weshalb die F-35 im Juni den iranischen Luftraum gemieden hat?

Die Version von Oberst Vautravers unterscheidet sich von der des französischen Generals:

«Die F‑35 gilt als eines der leistungsfähigsten Kampfflugzeuge. Dass Israels F‑35 ihre Raketen abgefeuert haben, ohne iranischen Luftraum zu überfliegen, erklärt der Franzose damit, dass man verhindern wollte, dass ein abgeschossenes oder havariertes Flugzeug samt High‑Tech in die Hände Irans oder dessen Verbündeter wie Russland oder China fällt.»
Oberst Alexandre Vautravers

Bezüglich des künftigen europäischen Kampfjets bestätigt Alexandre Vautravers:

«Dassault will bestimmte Fertigungsgeheimnisse für sich behalten. Für Frankreich ist die strategische Autonomie in der Verteidigung ein echtes strategisches Ziel.»

Gerade jetzt, wo Europa die Verteidigungsautonomie gegenüber den USA betont, stellt sich die Frage: Wie viel technologische Eigenständigkeit ist noch möglich? Fühlen sich die 15 europäischen F‑35‑Nutzer wirklich handlungsfrei? Oder ist Europa nur eine Bühne, hinter der jeder sein Geschäft im eigenen Interesse macht? Fragen, die auch in den kommenden Jahren relevant bleiben.

Am Ende dreht sich alles ums Geld. Frankreich soll 114 Dassault Rafale an Indien liefern, das gerade zugestimmt hat – aber noch ist nichts endgültig. Der Kostenpunkt liegt bei 30 bis 35 Milliarden US-Dollar. Eine Produktionslinie in Indien ist vorgesehen, inklusive Technologietransfer. Heikel, aber nötig: Frankreich ist finanziell weniger flexibel als Deutschland und braucht das Geld, Indien hat es. Zudem setzt der französische Flugzeugbauer, unterstützt von der Regierung, auf Investitionen aus den Emiraten.

Vorerst scheint jeder sein eigenes Spiel zu spielen, mit den eigenen Stärken und Schwächen.

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