International
USA

US-Häftling in Zelle vergessen: Von Wanzen «aufgefressen»

US-Häftling in Zelle vergessen: Bei lebendigem Leib von Wanzen «aufgefressen»

Ein schreckliches Schicksal erlitt ein Häftling im US-Bundesstaat Georgia. Wie eine Autopsie ergab, starb er an Verwahrlosung. Offenbar wurde er in seiner Zelle einfach vergessen.
23.05.2023, 07:27
Mehr «International»
Ein Artikel von
t-online

Als die Gefängniswärter Lawshawn Thompson leblos in seiner Zelle auffinden, bietet sich ihnen ein fürchterlicher Anblick. Ohne Wasser, ohne Essen, ohne Medikamente und in völlig verwahrlostem Zustand hatte der Insasse vegetiert und war schliesslich auf dem Fussboden zusammengebrochen. Zudem lag Thompson in seinen eigenen Exkrementen. Um ihn herum hatten sich Bettwanzen, Läuse und anderes Ungeziefer breit gemacht.

Lashawn Thompson starb verwahrlost in einem Gefängnis in Atlanta.
Lashawn Thompson starb verwahrlost in einem Gefängnis in Atlanta.Screenshot: Democracy NOW/YouTube

So schildert es Michael Harper, der Anwalt der Familie von Lashawn Thompson, gegenüber US-Medien. «Lashwan wurde im Juni verhaftet in eine Zelle gesteckt und dort zum Sterben zurückgelassen.» Im Juni 2022 hatte die Polizei Thompson wegen des Vorwurfs der minderschweren Körperverletzung verhaftet. Drei Monate später war der 35-jährige Afroamerikaner tot.

Der Fall sorgt in den USA landesweit für Aufsehen, wirft er doch ein düsteres Licht auf das US-Justizsystem. Als Thompson schliesslich aufgefunden wurde, bot sich den Anwesenden einen grauenhaftes Bild. Sein Körper war mit Ungeziefer und Exkrementen regelrecht übersät, wie Fotos belegen, die Anwalt Harper veröffentlichte.

Autopsie bestätigt «schweren Insektenbefall des Körpers»

Eine Vollzugsbeamtin weigerte sich demnach sogar, lebenserhaltende Massnahmen wie eine Herzmassage durchzuführen, obwohl dies in solchen Fällen Vorschrift ist. Die Frau erlitt angesichts des völlig verwahrlosten Gefangenen in der heruntergekommenen Zelle einen Schock.

Eine von den Behörden in Auftrag gegebene Autopsie ergab zunächst, dass Thompson unter ungeklärten Umständen zu Tode kam. Seine Familie erwirkte daraufhin eine weitere Untersuchung der Leiche, diesmal von einem unabhängigen Pathologen – und der fand eine Ursache.

«Lashawn Thompsons Tod resultierte aus extremer Verwahrlosung, einer unbehandelten Schizophrenie, schlechten Lebensbedingungen, mangelnder Hygiene, schwerem Insektenbefall des Körpers, Dehydrierung und einem rapiden Gewichtsverlust», schrieb der Mediziner Roger A. Mitchell Jr. in seinem Obduktionsbericht.

Als Thompson am 12. Juni in die Haftanstalt eingeliefert wurde, wog er 82 Kilogramm. Bei der ersten Autopsie, die am 14. September stattfand, wog er nur noch 67 Kilo. Der Häftling ist also verdurstet, verhungert und wurde von «Bettwanzen aufgefressen», wie sein Anwalt mitteilte. «Dieser Mann erlitt einen unvorstellbaren Tod», sagte Ben Crump, ein anderer Anwalt, der die Familie in dem Fall ebenfalls vertritt.

Das alles geschah, obwohl zwei Justizvollzugsbeamte die Gefängnisleitung laut Protokoll mehrfach auf die unhaltbaren Zustände in Thompsons Zelle hinwiesen. Noch fünf Tage vor seinem Tod informierten sie einen Vorgesetzten darüber, dass es dem Häftling gesundheitlich schlecht gehe und er in medizinische Behandlung müsse. Dennoch wurde Thompson offenbar einfach vergessen.

Behörde räumt schlechte Bedingungen in Haftanstalt ein

Wie das Magazin «Insider» berichtet, ist Thompson nicht der einzige Todesfall in dem Gefängnis. Demnach starben allein im Jahr 2022 im Fulton County Jail 15 Insassen, eine auffallend hohe Zahl, die die US-Strafverteidigerin Sarah Flack laut «Insider» für «astronomisch» hält.

Das Büro des Fulton County Sheriffs bestätigte die problematischen Zustände in der Einrichtung inzwischen und nannte als Gründe für die hohe Zahl an verstorbenen Häftlingen unter anderem eine «marode Infrastruktur, Überbelegung, gewalttätige Auseinandersetzungen unter den Gefangenen und Infektionskrankheiten.»

Thompsons Familie fordert, dass der Tod ihres Angehörigen als Mord eingestuft, die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden und die Haftanstalt geschlossen wird bis sich die Verhältnisse dort bessern. (t-online, cc)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Trotz Pandemie-Ende stimmen wir über das Covid-19-Gesetz ab – das ist der Grund
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
72 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Neruda
23.05.2023 08:17registriert September 2016
Der wurde nicht vergessen. Die Wärter meldet den Vorgesetzten ja, dass er medizinische Hilfe benötigt. Er wurde ermordet.
41213
Melden
Zum Kommentar
avatar
EinBisschenSenfDazu
23.05.2023 07:56registriert September 2022
"und nannte als Gründe für die hohe Zahl an verstorbenen Häftlingen unter anderem eine «marode Infrastruktur, Überbelegung, gewalttätige Auseinandersetzungen unter den Gefangenen und Infektionskrankheiten.»"

Und kein Wort zur absolut unfähigen Gefängnisleitung. Welcome to America.
26810
Melden
Zum Kommentar
avatar
stormcloud
23.05.2023 07:45registriert Juni 2021
Einfach nur pervers und ein schreckliches Ende.
Ob man auch einen Weißen "vergessen" hätte? Wohl nicht....
Ich hoffe, die Verantwortlichen dürfen sich zu den Insassen gesellen und Jahrzehnte lang über ihre grausamen Taten nachdenken.

Mein tiefes Mitgefühl für Thompson 😔
24835
Melden
Zum Kommentar
72
Till (21) verschwand für 7 Jahre von zu Hause – jetzt erzählt er seine Geschichte
Er war gerade 15 Jahre alt, als er von Zuhause weglief. Zurückkehren zu seinen Eltern im deutschen Bundesland Bayern sollte Till erst sieben Jahre später. In einem Interview erzählt er nun seine Geschichte und seine Beweggründe für die Flucht.

Till hatte einfach genug. Genug vom Mobbing, genug von der Angst, genug vor dem Versteckspielen, da er niemandem erzählte, was er in der Schule durchmachen musste. «Ich wurde gemobbt, weil ich zu dick war», sagt er im Gespräch mit der Bild, die ihn nun, sieben Jahre, nachdem sich der Teenager in jener traurigen Situation befunden hatte, interviewte.

Zur Story