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Tödliche Selfies: Behörden geben Touristen Mitschuld an Wellentragödie

epa11270073 Tourists pose for photographs as high waves break on the coast in Brena Baja (La Palma), Gran Canaria, Spain, 10 April 2024. Flooding warnings have been issued along the coast due to high  ...
Lebensgefährlich: Touristen posieren für Bilder bei Brena Baja auf Gran Canaria.Bild: EPA EFE

Tödliche Selfies: Behörden geben Touristen Mitschuld an Wellentragödie

Auf Teneriffa und Lanzarote fordern meterhohe Brecher mehrere Todesopfer – trotz Absperrungen und klarer Warnungen.
09.12.2025, 16:3609.12.2025, 16:36
Ralph Schulze, Madrid / ch media

Die Zahl der Opfer der Wellentragödie auf den Kanaren wird immer grösser: Inzwischen sind seit Sonntag fünf Menschen ums Leben gekommen, eine weitere Person gilt als vermisst. Im Zuge des Seeunwetters, das seit Tagen die spanischen Ferieninseln in Atem hält, ist nun auch ein junger Italiener gestorben, der auf der Insel Lanzarote zusammen mit einem Landsmann beim Angeln von einer Riesenwelle ins Meer gerissen worden war.

Die Behörden sprechen nach den Wellendramen auf Teneriffa und Lanzarote von der schlimmsten Serie von Küstenunglücken seit Jahren – und erheben schwere Vorwürfe gegen ausländische Touristen, die Warnungen ignorieren und Absperrungen durchbrechen.

Der fünfte Tote ist ein 27-jähriger Italiener, der am Montag in der Felsbucht Los Charcones auf Lanzarote zusammen mit einem Landsmann geangelt hatte. Die beiden Hobbyfischer wurden von einem Brecher erfasst und ins Wasser gespült. Einer von ihnen konnte sich mit Unterkühlung und zahlreichen Schürfwunden aus eigener Kraft retten. Der 27-Jährige erlitt dagegen einen Herzstillstand, wurde in kritischem Zustand ins Krankenhaus gebracht – und starb nun an den Folgen.

epa12027368 Clouds gather over the Punta Mujeres area, in Lanzarote (Canary Islands), Spain, 12 April 2025. The Canary Islands government has declared a pre-alert for rain in Tenerife, Gran Canaria, L ...
Wolken ziehen über dem Gebiet Punta Mujeres auf Lanzarote (Kanarische Inseln), Spanien, am 12. April 2025 auf.Bild: EPA EFE

Bereits am Sonntag hatte sich auf Teneriffa das erste Drama ereignet: In einem Naturschwimmbecken unterhalb der Steilküste Los Gigantes hatte eine gewaltige Welle zahlreiche Badegäste ins Meer gerissen. Vier Menschen kamen dabei ums Leben, mindestens eine Person wird noch vermisst. Auch am Dienstag suchten Rettungsmannschaften noch in der Umgebung der Bucht nach weiteren möglichen Todesopfern.

Das Naturbad war polizeilich abgesperrt

Besonders brisant: Der Naturpool war seit dem 3. Dezember gesperrt. Mit grossen gelben Gittern und rot-weissen Bändern mit der Aufschrift «Nicht betreten» hatte die Polizei die als gefährlich geltende Badestelle abgeriegelt, nachdem die Regionalregierung Küstenalarm wegen hoher Wellen ausgerufen hatte.

Doch viele Besucher liessen sich davon nicht beeindrucken. «Sie haben die Absperrbänder einfach ignoriert, sind darüber geklettert oder darunter hindurchgekrochen», klagt Emilio Navarro, Bürgermeister der Gemeinde Santiago del Teide. Die Unglücksbucht liegt auf seinem Gemeindegebiet. Auf den Schildern am Eingang stehe ein deutlicher Warnhinweis – auf Spanisch, Englisch und Deutsch: «Wichtige Information für Ihre Sicherheit: Gefährliche Zone bei starkem Wellengang.» Daneben Fotos, die zeigen, wie eine Welle den gesamten Naturpool überspült.

epa12522865 A huge wave hits a promenade in the city of Arrecife as storm Claudia crosses the islands, in Lanzarote, Canary Islands, southwestern Spain, 13 November 2025. Canary Islands are under aler ...
Eine riesige Welle trifft auf eine Promenade in der Stadt Arrecife, als der Sturm Claudia über die Inseln hinwegfegt, auf Lanzarote am 13. November 2025.Bild: EPA EFE

Bürgermeister Navarro spricht von einem Ort, an dem sich die Wirkung sozialer Medien und der Leichtsinn mancher Besucher gefährlich überlagern: «Die Menschen sehen die Bilder in den sozialen Netzwerken und glauben, sie müssten genau dort baden oder Selfies machen – selbst dann, wenn die Bucht offiziell geschlossen ist.» Unter den rund 20 Personen, die am Sonntag in der gesperrten Bucht waren, befanden sich laut Bürgermeister überwiegend Touristen verschiedener Nationalitäten.

Auch Experten für Küstensicherheit schlagen Alarm. Die vielen natürlichen Meerwasserbecken auf den Kanaren seien für viele Urlauber gefährliche Orte, sagt Sebastián Quintana von der Küstenschutzvereinigung «Canarias 1500 km de Costa». Quintana: «Die Touristen glauben, innerhalb der Mauern sicher zu sein, doch bei starkem Wellengang verwandeln sich diese Becken in tödliche Fallen.» Eine einzige grössere Welle könne den Wasserspiegel plötzlich über die Schutzmauer heben, das ganze Becken fluten und anschliessend das Wasser samt Badenden mit grosser Wucht wieder zurück ins offene Meer reissen.

Quintanas Bilanz für dieses Jahr ist ernüchternd: Rund 65 Menschen sind 2025 bereits an den Küsten der Kanaren ertrunken – eine ähnliche Zahl wie im Vorjahr. Besonders alarmierend: Die meisten Opfer sind Touristen. Ein Grossteil von ihnen befand sich im Wasser oder in Küstennähe, während eine behördliche Warnung wegen «gefährlicher Küstenphänomene» galt oder eine rote Verbotsflagge am Strand wehte. (aargauerzeitung.ch)

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31 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fairness
09.12.2025 17:09registriert Dezember 2018
Wer für ein Selfie das Leben riskiert ist definitiv selber schuld, wenn etwas passiert.
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St.Pauli
09.12.2025 17:29registriert August 2017
Darwin lässt grüssen?
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Heinzbond
09.12.2025 19:47registriert Dezember 2018
Mitschuld??? Wer sich so nah an eine gefährliche Stelle stellt und die Augen nur auf das Smartphone hat, der trägt die volle schuld und Verantwortung für das was passiert...
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