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«Ich bin bestürzt und fassungslos»: VW-Chef Martin Winterkorn stolpert über die Abgas-Affäre und tritt zurück 



Die schwere Vertrauenskrise nach dem Abgas-Skandal in den USA hat VW-Chef Martin Winterkorn zum Rücktritt gezwungen. Nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher in Wolfsburg teilte der Schwabe in einer Erklärung seine Bestürzung mit. Er übernehme die Verantwortung.

Bereits nach dem Auffliegen des Skandals waren Rufe nach einem Wechsel auf der Chefetage laut geworden. Nach einer Krisensitzung am Mittwoch hat Europas grösster Autobauer nun den Rücktritt Wintekorns bekanntgegeben.

«Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen Konzern möglich waren», heisst es in einer Erklärung Winterkorns.

Als Konzernchef übernehme er die Verantwortung für die bekannt gewordenen Unregelmässigkeiten bei Dieselmotoren. Er habe daher den Verwaltungsrat gebeten, mit ihm eine Vereinbarung zur Beendigung seiner Funktion als Konzernchef zu treffen. «Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin», erklärte Winterkorn.

Winterkorns Erklärung im Wortlaut:

«Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen Konzern möglich waren. Als Vorstandsvorsitzender übernehme ich die Verantwortung für die bekannt gewordenen Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren und habe daher den Aufsichtsrat gebeten, mit mir eine Vereinbarung zur Beendigung meiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des Volkswagen Konzerns zu treffen. Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltes bewusst bin. Volkswagen braucht einen Neuanfang – auch personell. Mit meinem Rücktritt mache ich den Weg dafür frei. Mein Antrieb war es immer, dem Unternehmen, vor allem unseren Kunden und Mitarbeitern zu dienen. Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben. Der eingeschlagene Weg der Aufklärung und Transparenz muss weitergehen. Nur so kann wieder Vertrauen entstehen. Ich bin überzeugt, dass der Volkswagen Konzern und seine Mannschaft diese schwere Krise bewältigen werden.»

Winterkorn wusste nichts

Der Interimsvorsitzende Berthold Huber drückte Betroffenheit über den Skandal um manipulierte Messungen beim Schadstoffausstoss von Dieselmotoren aus, der zu einem schweren Vertrauensverlust geführt habe.

Das Präsidium sei entschlossen, «einen glaubwürdigen Neuanfang» zu machen. Winterkorn habe keine Kenntnis von den Machenschaften gehabt, aber die Verantwortung übernommen. Vorschläge zur personellen Neubesetzung würden am Freitag in der Verwaltungsratsitzung besprochen.

epa04944988 (FILE) A file picture dated 19 April 2012 of then Chairman of the Volkswagen (VW) Managing Board Martin Winterkorn (L-R), chairman of Volkswagen Supervisory Board, Ferdinand Piech and Lower Saxony Prime Minister David McAllister prior to the general meeting of car manufacturer  Volkswagen in Hamburg, Germany. Volkswagen on 23 September 2015 announced that Winterkorn is stepping down as chairman of the board after a crisis meeting, as Europe's biggest carmaker struggles to respond to a deepening emissions testing scandal.  EPA/CHRISTIAN CHARISIUS

Piech und Winterkorn
Bild: CHRISTIAN CHARISIUS/EPA/KEYSTONE

«Alle Beteiligten an diesen Vorgängen, die einen unermesslichen Schaden für Volkswagen angerichtet haben, werden mit aller Konsequenz belangt», hiess es in der Erklärung. Zudem soll ein Sonderausschuss eingerichtet werden, um die weitere Aufklärung voranzutreiben.

Rechtliche Schritte gegen Mitarbeiter

Der Konzern gerät unterdessen auch in Deutschland ins Visier der Justiz. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig gab den Beginn von Vorermittlungen gegen VW bekannt. Mögliche rechtliche Schritte gegen verantwortliche Mitarbeiter der Volkswagen AG stünden dabei im Mittelpunkt, hiess es.

Eine von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) eingesetzte Kommission hat mittlerweile in Wolfsburg mit der Prüfung begonnen, ob elf Millionen Dieselautos deutschen und europäischen Regeln entsprochen haben.

Modellfrage offen

Noch unklar sind die Umstände einer möglichen Rückruf-Aktion. «Soweit sind wir noch nicht, wir kennen ja erst seit gestern die Zahl», sagte ein Konzernsprecher und wies auf die sehr komplexe Organisation einer derartigen Aktion hin. Fragen nach den im Einzelnen betroffenen Modellen blieben zunächst unbeantwortet.

In den USA drohen Volkswagen sowohl wegen möglicher Straftaten wie Betrug als auch wegen mutmasslicher Verstösse gegen Umweltgesetze hohe Strafen und Bussgelder. Der Skandal betrifft nach Konzernangaben weltweit rund elf Millionen Fahrzeuge mit Motoren vom Typ EA 189.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer für den Konzern gab es an der Frankfurter Börse. Dort stieg der Kurs der VW-Aktie nach einem zweitägigen dramatischen Kursverfall allmählich wieder.

Aus für Diesel?

Es mehren sich Stimmen, die vor einer Ausweitung des Image-Schadens bei VW auf die gesamte deutsche Exportindustrie warnen. Der Präsident des Autoverbands VDA, Matthias Wissmann, sagte in Frankfurt, man dürfe nicht Hunderte von Zulieferern und Herstellern unter Generalverdacht stellen.

Der Skandal stelle die Abgas-Nachbehandlung und -Reinigung beim Diesel nicht generell infrage. Die deutschen Maschinenbauer fürchten derweil um den guten Ruf des Standorts Deutschland. Der Branchenverband VDMA sieht mit Sorge, dass ein Fehlverhalten auf die gesamte Industrie übertragen werden könnte.

(meg/aeg/sda/reu/dpa)

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