«Für Putin ist Jesus Christus ein Schwächling»: Woran der Kreml-Herrscher wirklich glaubt
Andrej Kordotschkin war viele Jahre orthodoxer Priester der Russisch-Orthodoxen Kirche. Nach seiner öffentlichen Kritik am russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wurde er suspendiert und wechselte 2023 zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel. Heute unterstützt er Geistliche, die wegen ihrer Haltung zum Krieg unter Druck stehen.
Im Gespräch mit CH Media sagt Kordotschkin, welchem Glauben Putin anhängt, warum der russische Präsident gegenüber der Ukraine eine Sprache sexueller Gewalt verwendet und wie die Russisch-Orthodoxe Kirche Priester dazu zwingt, die Soldaten zu unterstützen.
Wladimir Putin soll auch in diesem Jahr am orthodoxen Eisbaden teilgenommen haben, behauptet der Kreml. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren wurden jedoch keine aktuellen Fotos veröffentlicht. Ist Putin Ihrer Meinung nach überhaupt ein gläubiger Mensch?
Andrej Kordotschkin: Würden wir Patriarch Kirill fragen, würde er antworten, dass Russland von einem echten orthodoxen Führer regiert wird, der sich offen zu seinem Glauben bekennt. Andere sind der Meinung, dass Putin kein religiöser Mensch ist, sondern das Thema Kirche nur instrumentalisiere, um die Sympathie der Gläubigen zu gewinnen. Mein Standpunkt ist, dass Putin nicht frei von einer gewissen Religiosität ist, aber dieser Glaube hat nichts mit dem Christentum zu tun.
Sondern?
Tatsache ist, dass Putin sehr wenig über seine Religiosität spricht. Erinnern wir uns an die Rede des russischen Präsidenten im Dezember 2023 über einen geschlechtsneutralen Gott im Westen. Putin war darüber so entsetzt, dass er aus dem Evangelium zitierte: «Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.» Putin selbst wusste nicht, wovon er sprach, da es nicht um einen geschlechtsneutralen Gott ging, sondern um eine geschlechtsneutrale Sprache, die auf Gott anwendbar ist. Das zeigt jedoch, dass Gott nach Putins Verständnis ein Geschlecht hat, und dieses Geschlecht ist männlich.
Putins Religiosität ist geprägt von einer postsowjetischen Vorstellung von Männlichkeit, in der Stärke und Gewalt zentrale Werte sind. Diese Logik ähnelt dem, was Hector Garcia in seinem Buch «Alpha Gott» beschreibt: Menschen, die Macht und Dominanz verherrlichen, erschaffen sich einen Gott nach ihrem eigenen Bild. Auch Putins religiöse Sprache folgt diesem Muster.
Was bedeutet das für seine Politik?
Der Alphamann war vor allem mit Dominanz, Fortpflanzung und der Eroberung von Lebensraum für sich selbst und für diejenigen, die er anführte, beschäftigt. Einschüchterung, Territoriumserweiterung, sexuelle Kontrolle und Gewalt waren seine Hauptbeschäftigungen. Wenn Putin also gegenüber der Ukraine eine Sprache der sexuellen Gewalt verwendet («Ob es dir gefällt oder nicht, ertrage es, meine Schöne» – Anm. d. Red.), sagt dies auch etwas über seine Religiosität aus.
Das heisst, Putin vereint in seiner Religiosität alle möglichen unvereinbaren Glaubensrichtungen?
Wenn Putin beispielsweise sagt, dass die orthodoxe Kirche dem Islam näher steht als den westlichen christlichen Konfessionen, meint er damit nicht die religiöse Lehre und die innere Erfahrung des Menschen, sondern die politische Architektur, in der die staatliche, zivile und geistliche Macht faktisch nicht getrennt sind. Für Putin ist die Funktionsweise des Iran verständlicher als die der Schweiz. Wenn der russische Präsident anlässlich des orthodoxen Weihnachtsfestes die Soldaten anspricht und sagt, dass sie im Grunde die Mission Jesu Christi, des Erlösers, zu Ende führen, ist er bereits Prediger und geistlicher Führer, nicht nur ein Staatsbeamter.
Wie steht Putin in diesem Fall zu Jesus Christus?
Putin hat einmal über die Heiligen Boris und Gleb gespottet, weil sie sich weigerten, mit Gewalt um die Macht zu kämpfen. Wer diese Haltung nicht als Vorbild versteht, kann auch das Opfer Jesus Christus nicht begreifen. Für Putin ist Jesus Christus ein Schwächling.
Vor einigen Jahren wurde eine Recherche darüber veröffentlicht, wie Putin zusammen mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Schoigu in Bädern aus Hirschgeweihen badete. Ist Putin also abergläubig?
Ein Priester berichtete mir, dass der Geheimdienst vor einer kirchlichen Zeremonie in Sankt Petersburg mit einem Tier verschiedene Orte testete, um den Platz des Präsidenten festzulegen. Das zeigt: Putin ist abergläubisch. Er glaubt, dass Worte, Namen und Rituale Wirklichkeit beeinflussen. Dass er seinen grössten Widersacher Alexej Nawalny zu dessen Lebzeiten nie öffentlich beim Namen nannte, folgt derselben Logik: In archaischem Denken verleiht das Benennen Macht.
Welche ideologische Rolle spielt die russisch-orthodoxe Kirche im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine?
Patriarch Kirill verfasste 2022 ein Gebet um das Heilige Russland. Eine Reihe von Priestern weigerte sich, es zu lesen. Dafür wurden sie alle bestraft. Der Text dieses Gebets enthält einen Satz über das vereinte Volk des Heiligen Russlands, der faktisch Putins These vor dem Angriff auf die Ukraine wiederholt. Das heisst, nach Ansicht der russisch-orthodoxen Kirche sind die Ukrainer kein vereintes Volk und haben daher kein Recht auf Staatlichkeit. Tatsächlich haben sie im Rahmen dieser Ideologie nur dann ein Existenzrecht, wenn sie ihre nationale Identität aufgeben. Davon zeugen unter anderem die Folterungen von Ukrainern in den besetzten Gebieten wegen ihrer Weigerung, sich russifizieren zu lassen. Einer der führenden russischen politischen Ideologen, Alexander Dugin, sagt, dass die Ukrainer Russen seien, die den Verstand verloren hätten.
Unter russischen Patrioten ist der Satz «Wir sind Russen! Gott mit uns!» weit verbreitet. Welche zerstörerischen geistig-moralischen Folgen kann eine solche Überzeugung für die Bevölkerung Russlands haben?
«Gott mit uns» sind Worte aus einer biblischen Prophezeiung über das Kommen Gottes in die Welt. In diesem Kontext jedoch verändert sich ihre Bedeutung, und sie werden zu einer Erklärung nationaler Überlegenheit. Nach meinen Beobachtungen verlaufen in den USA und in Russland unterschiedliche Prozesse, doch es gibt etwas, das sie verbindet: das Verlangen nach Grösse («Make America Great Again»). Solche Ideologien gehen fast immer mit Gewalt einher – nach innen wie nach aussen. Russland demonstriert das heute brutal gegenüber der Ukraine und der eigenen Bevölkerung.
Wie kann sich unter solchen Bedingungen in der russischen Gesellschaft ein Gefühl kollektiver Verantwortung herausbilden?
Viele Russen ziehen sich auf die Haltung zurück, nichts beeinflussen zu können. Doch Verantwortung entsteht nur, wenn Wahrheit benannt und Gerechtigkeit hergestellt wird. In welchem Mass sich Russinnen und Russen verantwortlich fühlen werden, hängt in hohem Masse davon ab, ob es Prozesse gegen Kriegsverbrecher geben wird und ob den Menschen die Wahrheit gesagt wird. Als Christen müssen wir über Vergebung und Versöhnung sprechen, doch diese sind unmöglich, wenn es keine Gerechtigkeit und keine Wahrheit gibt. Das ist die Erfahrung des Nachkriegseuropas, und sie ist durchaus auf Russland übertragbar.
