Iran
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Nach Facebook-Protest

Mullahs streuen Mär über Vergewaltigung von Aktivistin (und der Sohn guckte angeblich zu)

Iranerinnen lüften wie Masih Alinejad den Schleier und stellen ihre unverhüllten Selfies online. Jetzt reagierte das Staatsfernsehen mit bizarren Behauptungen auf die Aktion.



Masih Alinejad hat scheinbar die Büchse der Pandorra geöffnet, als sie Anfang Mai Bilder online stellte, auf denen sie ohne das vorgeschriebene Kopftuch durch Teheran fährt: Viele Iranerinnen taten es der Journalistin gleich, fotografierten sich ohne Hijab und luden die Ergebnisse unter dem Hashtag #MyStealthyFreedom bei Twitter oder der entsprechenden Facebook-Seite auf, die mittlerweile fast 440'000 Personen gefällt.

«Wir sind eine Gemeinschaft von Frauen, die Nein zum Zwang von Hijab sagen.»

Die Nachahmerinnen gehen dabei ein hohes Risiko ein, sofern sie ihre Aufnahmen im Iran im öffentlichen Raum machen: Die Sittenwächter verstehen keinen Spass, eine Religionspolizei gibt es ausser im Iran bloss in Staaten wie Saudi-Arabien, Pakistan, dem Jemen, Afghanistan, Ägypten, Malaysia und Nigeria. Also allesamt Länder, in denen Frauen nichts zu lachen haben.

«Freiheit bedeutet, die Wahl zu haben. Was ist besser als auszuwählen, was man trägt?»

«Lehren wir unsere Töchter, tapfer zu sein und sich keinen Hijab aufzwingen zu lassen.»

«Ich habe Alpträume: Ich bin in der Öffentlichkeit und habe mein Kopftuch vergessen.»

«Mein Hijab ist in der Öffentlichkeit schon oft heruntergerutscht. Sie drohten, mich zu verhaften, wenn es noch einmal passiert»

Masih Alinejads Foto hat eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die sich nicht so ohne weiteres stoppen lässt. Wie zuvor bei Protesten von Frauen in Tunesien und anderen islamischen Staaten sind neue Medien, Facebook und Twitter involviert. Das Selfie, das trendige, egozentrisch-konnotierte Selbstportrait, dient plötzlich als Zugpferd der gerechten Sache. Sogar Männer machen mit.

«Selfies sind jetzt ein politisches Thema im Iran.»

Dass den Funktionären das Momentum der Bewegung #MyStealthyFreedom langsam nicht mehr behagt, zeigen nun die Reaktionen des iranischen Staatsfernsehens. 

Dort wurde laut Iran Wire kolportiert, Masih Alinejad sei in ihrer Wahlheimat London angegriffen worden: Sie habe sich berauscht auf der Strasse ausgezogen und sei kurz danach von drei Passanten vergewaltigt worden – vor den Augen ihres Sohnes. Die Macht der BBC habe verhindert, dass der vermeintliche Vorfall publik wurde.

«Lass mich frei im Iran leben. Lass den Wind durch mein Haar wehen.»

«Was für ein Glück, den Wind in meinen Haaren spüren zu dürfen»

In Zeitungen argumentierten Kommentatoren, eine unverhüllte Frau gebe einem Mann das Recht, seine Triebe auszuleben. «Damit ist nichts anderes als Vergewaltigung gemeint», verdeutlicht die 37-Jährige im Interview mit der Welt

Alinejad räumt darin auch mit einem Missverständnis auf, denn es war gar nicht das Auto-Selfie aus Teheran, was die Mullahs rasend gemacht hat. «Ein paar Facebook-Freunde schrieben, was für ein Glück ich hätte, den Wind in meinen Haaren spüren zu dürfen. Daraufhin fragte ich mich, wie viele Frauen im Iran sich wohl heimliche Momente der Freiheit nehmen.»

Sie selbst schlägt online zurück, dementiert via Twitter, Facebook und auch mit einem YouTube-Video die Mär von ihrer Vergewaltigung: Moderne Medien gegen das Weltbild der Ewiggestrigen. Für Alinejad und ihre Mitstreiter bleibt viel Arbeit.

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Seht her, Iraner, ich lebe noch und mir geht es gut. Video: YouTube/Masih Alinejad

Wie ein Selfie aus 1001 Nacht!

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