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US-Primarschule gibt schädliche Tipps 

Horror-Manifest: So sollten Ratschläge für Mobbing-Opfer ganz sicher nicht lauten

Eine amerikanische Primarschule hat Mobbing-Opfern einen Ratgeber an die Hand gegeben, der einer psychologischen Katastrophe gleicht – nicht nur die Experten von Pro Juventute sind entsetzt. 



Eine Schule in Lincoln, Nebraska, hat ihre Fünftklässler mit einem höchst bedenklichen Merkblatt nach Hause entlassen. Es handelt sich dabei um Verhaltensregeln für den Fall, dass die Schüler Opfer von Erniedrigungen, Schikanen oder gar körperlichen Angriffen werden. Es ist nicht nur didaktischer Humbug, sondern eine Schlacht-Anleitung, die den Kindern das Angsthaben verbietet und ihnen lehrt, negative Gefühle zu verdrängen – anstatt sie ernst zu nehmen und zu benennen. 

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Bild: Jezebel

Regel 1: Werde nicht wütend 
Wut ist ein Gefühl, das wir gegenüber unseren Feinden empfinden, nicht aber unseren Freunden entgegenbringen sollten.

Regel 2: Behandle die Person, die gemein zu dir ist, als ob sie versuchen würde, dir zu helfen
Egal wie beleidigend oder fies es sich anhört, sei dankbar und denke, dass du ihnen eigentlich am Herzen liegst. (Das bedeutet nicht, dass du glauben musst, was sie dir sagen.)

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Regel 3: Hab keine Angst
Angst haben wir vor Feinden, nicht aber vor Freunden. Wenn du Angst hast, dann behandelst du deinen «Peiniger» wie einen Feind. Wenn du Angst hast, gibst du ihm automatisch die stärkere Position und du verlierst dabei. Weil der «Peiniger» aber immer gewinnen will, wird er nicht aufhören, dir fortwährend Angst zu machen. 

Regel 4: Verteidige dich nicht mit Worten
Wir setzen uns gegen Feinde zur Wehr, nicht aber gegen Freunde. Die Person, die schikaniert, ist stets in der stärkeren Position als diejenige, die sich verteidigt. Darum ist der Verteidiger unwillkürlich der Verlierer. Wenn wir uns zur Wehr setzen, verlieren wir. 

Regel 5: Erwidere die Beleidigungen nicht
Nur Feinde beleidigt man. Wenn ich eine Beleidigung erwidere, dann behandle ich den «Peiniger» wie einen Feind. Und wenn er sich als solchen behandelt fühlt, behandelt er auch dich als Gegner. Es braucht immer zwei Leute für einen Streit und wenn du böse Worte erwiderst, bist du derjenige, der den Konflikt provoziert hat. 

Regel 6: Wenn dich jemand körperlich verletzt, dann zeige nur, dass du Schmerzen hast, aber werde nicht wütend
Wenn dir jemand weh tut, dann willst du, dass es dieser Person leid tut und sie sich bei dir entschuldigt. Wirst du wütend, wird es ihr aber nicht leid tun. 

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Regel 7: Erzähle Beleidigungen/Angriffe nicht weiter
Die «Täter» hassen ihre Opfer vor allem, weil diese anderen von den Beleidigungen oder Angriffen erzählen. Wenn dein «Peiniger» aber hört, dass du den Vorfall weitererzählt hast, will er sich an dir rächen. Darum solltest du einem Erwachsenen nur davon erzählen, wenn du ernsthaft körperlich verletzt wurdest oder ein Verbrechen (Diebstahl von etwas Wertvollem) vorliegt. Würden wir unsere Freunde etwa behalten, wenn wir alles herumtratschen würden? 

Regel 8: Sei kein schlechter Verlierer
Niemand mag schlechte Verlierer. Oder willst du etwa mit jemandem spielen, der stets verärgert ist, wenn er verliert? Verliere mit Würde und sei ein fairer Spieler, dann werden dich die anderen Kinder besser mögen. 

Regel 9: Lerne, über dich selber zu lachen, und lass dich nicht von Erniedrigungen beeindrucken
Mach einen Witz oder stimme der Erniedrigung zu: 

Pro Juventute: Schule mit Schlachtfeld verwechselt

Das Credo dieses grausam anmutenden Manifests lautet zusammenfassend: Dein Peiniger, der dich beleidigt, schikaniert oder sogar tätlich angreift, ist nicht dein Feind. Behandle ihn wie einen Freund, denn eigentlich meint er es nur gut mit dir. Darum wehre dich nicht, schlucke all die bösen Worte, nein, bestätige sie sogar und erzähle niemandem davon, was er dir antut.

Laurent Sédano, der Medienexperte von Pro Juventute, der Workshops an Schulen rund um die Mobbing-Thematik betreut, erinnern diese Regeln an einen Kodex der Samurai: «Mit viel Übung soll man lernen, Gefühle wie Angst zu kontrollieren, um in einer Schlacht nicht den Vorteil zu verlieren. »

«Die Verfasser des Merkblatts scheinen die Schule mit einem Schlachtfeld zu verwechseln.»

Laruent Sédano, Medienexperte von Pro Juventute 

Das mag zwar etwas Wahres haben, fährt Sédano fort, nur befänden wir uns hier nicht in einem Krieg, sondern in der Schule. Und es gehe dabei um Kinder. «Die Verfasser des Merkblatts scheinen die Schule mit einem Schlachtfeld zu verwechseln.»

Kinder sollten zu kompetenten Menschen heranwachsen und das würden sie nur, wenn sie mit ihren Gefühlen klarkämen, sagt der Medienexperte. Ihnen diese Tipps zu geben, sei grausam und verhindere, dass die Schüler ihre Empfindungen bewusst wahrnehmen und benennen lernen. «Nur so können sie im Kontakt mit Erwachsenen und Gleichaltrigen einen guten Umgang mit Gefühlen üben – und nötigenfalls Hilfe holen.» 

«Aus Fachsicht sind solche Tipps für Kinder nicht richtig – und kontraproduktiv.» 

Laurent Sédano, Medienexperte von Pro Juventute

Aus Sicht des Experten sind solche Ratschläge für Kinder nicht nur falsch, sondern auch kontraproduktiv. «Wir bei Pro Juventute raten genau das Gegenteil: Gerade bei Mobbing oder anderen Übergriffen ist es entscheidend, dass Kinder wie auch Erwachsene erkennen können, wann sie Hilfe benötigen, und wissen, dass sie ein Anrecht auf Hilfe haben.»

Zum Glück hat der Mobbing-Ratgeber für elterliche Entrüstung gesorgt, woraufhin sich die Schulleitung gezwungen sah, sich auf Facebook für den heiklen Regelkatalog zu entschuldigen: Der Ratgeber sei in guter Absicht an die Kinder der «Zeman Elementary School» verteilt worden, aber er enthalte unglücklicherweise keine akkuraten Antworten auf die Frage, wie man mit Mobbing-Situationen umzugehen habe. Darunter führt ein Link zu «Facts about Bullying», einigen psychologisch sinnvollen Ratschlägen für Eltern von Mobbing-Opfern. 

(rof via Jezebel)

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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • papparazzi 18.04.2014 03:41
    Highlight Highlight Also ich bin Pädagoge und empfehle meinen Schülern folgendes:

    Sage laut nein, errichte eine Schranke mit Worten, mit der Lautstärke und mit klarer unmissverständlicher Körpersprache!

    Wehre dich verhältnismässig! Angriff ist die beste Verteidigung!

    Helden melden! Wenn du Mobbing meldest ist das überhaupt nicht "petzen"!

    ut (dp)
  • Alnothur 17.04.2014 17:03
    Highlight Highlight Das überrascht mich nicht wirklich. Und in der Schweiz ist es auch nicht besser. Zumindest hörte ich vor 10 Jahren in der Sek ganz ähnliche "Tipps". Hilfe gab es keine, und überhaupt sei es am Ende sowieso meine Schuld. Ich hoffe, dass da endlich etwas passiert.

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