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Kommentar

Zur Medienethik der Lügenpresse oder: «Hört endlich auf zu schreiben, was wir gerade lesen – ihr Schweine!»



«Wie konnte watson nur den Namen des Co-Piloten nennen?» 

«Hört doch endlich auf mit den Spekulationen im Live-Ticker! »

«Und dann noch eine Umfrage, ob watson den Namen des Co-Piloten nennen darf oder nicht. » 

«Das ist ja wohl der Gipfel.» 

So rauscht es der watson-Redaktion derzeit von den Usern entgegen. 

Ein paar Gedanken von einem, dem vorgeworfen wird, sich keine Gedanken mehr zu machen

  1. Wenn einem als Journalist gedankenloses Handeln vorgeworfen wird, ist es vielleicht mal Zeit für eine Auflistung der Gedanken, die man sich als Online-Redaktor zu so einem Ereignis und der eintreffenden Kritik macht.
  2. Die technischen Möglichkeiten erlauben es inzwischen fast allen Medien, bei tragischen Ereignissen auf einen Live-Berichterstattungs-Modus umzuschalten. Der Faktor Echtzeit ist eine Dimension, mit der nicht alle umgehen können. 
  3. Nicht nur die Medien stellen auf Live-Modus um. Auch die Betroffenheit muss in Real-Time mitgeteilt werden. Staatschefs wie Angela Merkel oder François Hollande drängen mit Beileidsbotschaften ins Bild, während die Trümmerteile noch glühen. Der FC Bayern legt eine Trauerminute ein und lässt das Bild per Twitter um die Welt gehen. Es soll jeder für sich selbst beurteilen, was er von so einer öffentlichen Instant-Anteilnahme hält.
  4. Als Online-Medium versucht zum Beispiel watson die eintreffenden Informationen zu ordnen. Das gelingt zunächst nur chronologisch. Deshalb ist ein Ticker als fortschreitende Berichterstattung eine ehrliche Form. Die eintreffenden Informationen können nicht alle überprüft werden. Das wird im Ticker klar dargestellt. 
  5. watson überschreibt in allen Live-Tickern ausdrücklich unter der Oberzeile «Was wir bis jetzt wissen» die gesicherten Fakten. Wer auf watson hier die Updates überprüft, findet keinen falschen Eintrag. 
  6. Das soll kein Blanko-Check sein, dass alles andere im Ticker Spekulation sein darf. Es soll aber klar machen, dass eintreffende Informationen im Ticker nicht überprüft werden können und entsprechend noch nicht zu hoch gewertet werden sollen. 
  7. Gleichzeitig fangen die User in den Kommentarspalten an, ihre Meinung zum Ereignis und zur Berichterstattung kund zu tun. Zwei Stossrichtungen: «Ihr befriedigt nur die Sensationsgeilheit von uns Lesern» – und seid deshalb böse. Ausserdem verbreitet ihr  Medien nur Spekulationen und berichtet über Fakten, die noch nicht gesichert sind. 
  8. Sinngemäss heisst die Forderung: Hört sofort auf, das zu schreiben, was wir lesen – oder habt ihr allenfalls etwas Neues, über das wir dann in den Kommentarspalten spekulieren können? – ihr Schweine!
  9. Richtig hoch gehen die Emotionen, nachdem watson den vollen Namen des Co-Piloten nennt. Dies haben wir auch hier auf der Redaktion vorgängig intensiv diskutiert. Der Entscheid ist klar: Der französische Staatsanwalt nennt vor der Weltöffentlichkeit den Namen des Co-Piloten Andreas Lubitz. Ein sehr fragwürdiges Vorgehen, das uns keineswegs berechtigt, den Namen einfach in Folge weiter zu verbreiten. Im Gegenteil: Staatsanwälte haben oftmals unrecht und sind keine Richter. Aber die Indizien sind nach Auswertung des Voice-Recorders erdrückend. Der Co-Pilot Andreas L. wird nach der unfassbaren Tat eine, – wenn auch traurige – Person der Zeitgeschichte werden. Niemand nennt Anders Breivik heute noch Anders B. Der Co-Pilot Andreas L. wird also zu Andreas Lubitz werden. Die Frage ist bloss: Wann?
  10. Normalerweise warten Medien mit etwas Verantwortungsgefühl mit der Namensnennung, bis man sicher ist, dass Angehörige nicht aus den Medien von der Tat eines ihrer Nächsten erfahren. Der Lufthansa-CEO bestätigte in einer folgenden Pressekonferenz, dass alle Angehörigen benachrichtigt worden seien.
  11. Wenn etwas Schreckliches passiert, gibt es immer auf der einen Seite ein riesiges Interesse und auf der anderen Seite die Angehörigen. Sämtliche Details über Hausdurchsuchungen, Wohnort der Eltern und Ähnliches dienen lediglich der Befriedigung der Sensationslüsternheit und sind zu verurteilen. Wer das bringen will, soll das tun. Wir bringen es nicht. Insbesondere der Name des Piloten, der die Tür öffnen wollte, tut nichts zur Sache. Er wird in sämtlichen verantwortungsvollen Medien weiterhin nicht mit Namen genannt. Denn er und seine Angehörigen haben ein Recht auf Anonymität.
  12. Während viele User die Medien als Lügenpresse und klickgeile Schmutzfinken betiteln, geht in den Kommentarspalten die Spekulation und das Verbreiten von persönlichkeitsverletzenden Inhalten erst richtig los. Viele falsche Fotos werden rumgeschickt. Falsche Andreas L.s werden abgebildet und verbreitet. Manche etablierte Medien fallen darauf hinein. Wie zum Beispiel die ARD. Die Reaktion auf den Fehler – den der Sender freimütig zugibt – ist eindeutig: «Lügenpresse».
  13. Auf Social-Media halten sich Medien-Bashing, wilde Spekulation und die Verbreitung von Unwahrheiten mit tief empfundener Fassungslosigkeit in etwa die Waage. Nicht nur Amateure hauen in die Lügen-Pressekerbe. Die selbst ernannten Gralshüter der Journalisten-Ethik beklagen in Twitter-Runden kollektiv den Absturz der Medien. Je älter die Medien, desto herber die Kritik. Besonders tut sich Rainer S., der Medienkritiker der NZZ, hervor. Die Pressekonferenz hat sich noch nicht richtig aufgelöst, da schiebt er eine Analyse nach und beschwert sich, dass die Hatz auf den eben vom Staatsanwalt namentlich genannten Co-Piloten damit eröffnet ist. Schuld seien skrupellose Online-Medien, die er namentlich nennt und vorführt.
  14. Der NZZ-Autor tappt selbst in die dümmste Falle der schnellen Medien: Er liefert etwas ab, das als Hintergrund-Gedanken daher kommt. Die Zeit zum Denken hat er sich offensichtlich nicht genommen. Die nzz.ch schreibt den Namen des Co-Piloten längst aus. In der NZZ wird der volle Name am nächsten Tag in der Zeitung abgedruckt. Es wäre wohl ehrlicher gewesen, wenn der Autor seinen Bericht Gedanken-Live-Ticker genannt hätte. Hat er aber nicht.
  15. Besonders mokiert sich der NZZ-Redaktor darüber, dass watson die Leser fragt, ob sie den Namen ausschreiben würden oder nicht. Bestimmt war die Formulierung der Umfrage nicht besonders geglückt. Wir wollten damit ausdrücken, dass wir auch auf der Redaktion durchaus verschiedene Argumente sehen und uns dazu Gedanken machen. Der NZZ-Redaktor findet das «Bizarr – eine Art medienethisches Crowdsourcing.» Und fragt besorgt: «Was ergäbe wohl die Umfrage, ob man auch die Namen der Familienmitglieder publizieren soll?» Und zeigt damit, was er für ein tiefes Misstrauen gegenüber der Urteilsfähigkeit der Leserschaft hat.
  16. Ich habe noch nie einen Journalisten erlebt, der sich morgens mit der Idee ins Büro begibt, maximal viele Unwahrheiten zu verkünden. Leider ist von der ganzen Pegida-Geschichte nur der bedenkliche Slogan der Lügenpresse geblieben. Das Wort Lügenpresse ist uralt und wurde vor allem von den Nazis für nicht genehmes Gedankengut verwendet. Man sollte vorsichtig sein mit dem Begriff.
  17. Fakten gelten dann als gesichert, wenn beispielsweise ein Prozess in letzter Instanz abgeschlossen ist. Das würde wohl in einem Fall wie diesem bedeuten, dass die gesicherten Erkenntnisse erst in ein paar Jahren vorliegen und steht diametral den Möglichkeiten der Live-Berichterstattung und dem rasend schnell sich aufbauenden Interesse an plötzlichen Ereignissen gegenüber. Diese Real-Time-Übertragung erfordert wesentlich mehr Können, als man das von aussen sieht. Es stellen sich zahlreiche neue Fragen zur journalistischen Ethik. Und siehe da: Der journalistische «Abschaum», der in den News-Rooms sitzt, stellt sich durchaus diesen ethischen Fragen. Von den als Medienkritikern getarnten Muppet-Show-Opas werden sie dabei aber alleingelassen. Denn sie kennen diese Herausforderung der Live-Übertragung meistens schlichtweg nicht. 

Fazit

Als Journalist hat man nicht immer die ganze Wahrheit vor sich. Die Journalisten die ich kenne, versuchen aber, ihr nach bestem Gewissen sehr nahe zu kommen und werden immer ehrlich dabei sein, die eigenen Grenzen aufzuzeigen und zuzugeben. Gut so.

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