Mehr als 5 Millionen Kilometer: Vor 60 Jahren begann die längste Autofahrt der Welt
«Früher wurden Autos noch für die Ewigkeit gebaut!» Eine abgedroschene und unreflektierte Floskel, klar. Aber ein Fünkchen Wahrheit steckt dennoch drin: Moderne Automobilhersteller erwarten von ihren Kisten keine biblische Lebensdauer mehr – schlicht, weil wir unseren Autos gar nicht mehr so viele Kilometer aufbürden.
Statistisch gesehen knackt der durchschnittliche private Autobesitzer in Westeuropa selten die 100'000-Kilometer-Marke, bevor er sich einen neuen fahrbaren Untersatz zulegt. Das passiert im Schnitt alle 6 bis 8 Jahre. Rechnet man die gewerblichen Flottenkarren mit, sinkt dieser Wert sogar auf 5 bis 7 Jahre.
Das bestätigen auch aktuelle Studien von Herstellerverbänden und Autosuchmaschinen: Auf dem europäischen Markt haben zwar Toyota und Volvo die besten Chancen, die 200'000-Kilometer-Marke auf dem Tacho zu knacken – aber selbst bei diesen beiden Dauerläufern liegt die Wahrscheinlichkeit bei gerade einmal knapp 30 Prozent. Will heissen: Die Statistik gibt dem Ruf beider Marken für Qualität und Langlebigkeit zwar recht, zeigt aber auch: Nicht einmal jedes dritte ihrer Autos wird tatsächlich über diese magische Grenze hinaus gefahren.
Aber eben: Das sind Durchschnittswerte. Und zum Glück ist nicht jeder Durchschnitt.
Es gibt sie nämlich noch, diese seltene, wunderbare Spezies von Exzentrikern, die nach dem heute fast schon revolutionären Ansatz leben: «Hey, warum ersetzen, wenn das Ding noch läuft?» Und: «Warum verschrotten, wenn man es flicken kann?»
Da wäre etwa dieser 1991er Chevy Silverado Pick-up, der über zwei Millionen Kilometer abspulte. Oder der 1963er Plymouth Fury, dessen epische 2,6-Millionen-Kilometer-Taxifahrt nur deshalb vorzeitig endete, weil ein Truck ein Rotlicht übersehen hatte. Oder jener griechische Mercedes 240D – ebenfalls ein Taxi –, der geschlagene 4,5 Millionen Kilometer auf die Uhr drückte.
Doch gegen den Endgegner kommen sie alle nicht an:
Irv Gordons Volvo P1800.
Am 30. Juni 1966 blätterte der damalige Highschool-Lehrer aus Long Island rund 4150 Dollar für das elegante Sportcoupé hin – was damals ziemlich genau seinem Jahresgehalt entsprach. Ein Investment, das sich auszahlen sollte. In nur zwei Tagen spulte Irv die ersten 1500 Meilen ab und legte damit den Grundstein für die wohl längste Autofahrt der Menschheitsgeschichte:
3'260'257 Meilen.
5'246'875 Kilometer.
Dabei ging es Irv Gordon weder um billige Publicity noch darum, irgendwelche Rekorde zu jagen. Laut Volvo – das Unternehmen hat den Wagen nach Gordons Tod im Jahr 2018 übernommen – liebte der Mann das Fahren einfach. Die Kombination aus einem langen täglichen Arbeitsweg und einer ausgeprägten Vorliebe für epische Roadtrips am Wochenende führte dazu, dass er bereits 1987 die erste Million Meilen voll hatte. Volvo war damals so aus dem Häuschen, dass sie ihm ein neues 780 Coupé schenkte. Das fuhr er dann halt auch mal eben 450'000 Meilen (rund 720'000 Kilometer), bevor er es weiterverkaufte.
Was den P1800 betraf, so fuhr Gordon immer weiter damit. Bis zum Jahr 2002 hatte der Wagen 2 Millionen Meilen auf dem Buckel – und das laut Irv völlig ohne grössere Zicken und bei jedem Dreckswetter. Gut, der Motor musste im Laufe der Jahrzehnte zweimal generalüberholt werden, aber es handelt sich immer noch um das Original-Aggregat ab Werk. Im Jahr 2013 fiel dann die 3-Millionen-Meilen-Grenze. Volvo bedankte sich artig mit einem brandneuen XC60.
Als Irv Gordon im November 2018 verstarb, blieb der Tacho des P1800 bei genau 3'260'257 Meilen (5'246'875 Kilometer) stehen. Heute wird das legendäre Coupé in der historischen Werkssammlung von Volvo gehütet.
Und wir warten darauf, dass dann mal ein anderes Fahrzeug diesen monumentalen Rekord der Automobilgeschichte bricht.
Gut möglich, dass wir noch eine Weile warten müssen.
