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Homeoffice-Elegie oder Heimbüro, wieso machst du mich so melancholisch?

Etwas wie watson ist ein grosses Gemeinschaftswerk. Aber wie fühlt sich die Arbeit an, wenn die Gemeinschaft fehlt?



«Ich starre in den Schnee und habe keine Idee», simse ich meinem Liebesleben und es simst zurück, ich solle doch ein Gedicht mit dem Titel «Heimbüro» schreiben. Vor dem Fenster spendet und schluckt der Schnee das Licht. Gleichzeitig. Wieso schluckt er nicht auch den Lärm? Von meinem Schreibtisch aus sind es sechs Meter bis zur Baustelle.

Ein Bagger, dessen Schaufel sich durch einen Presslufthammer ersetzen lässt, und eine Saugkrake rackern sich ab. Keine Ahnung, wie die Saugkrake wirklich heisst, auf jeden Fall besteht sie aus einem riesigen Wagenteil und einem langen Schlauch, mit dem man gut auch einen Menschen einsaugen könnte. Die beiden Maschinen haben den Job, das Haus gegenüber erst abzureissen, damit danach andere Maschinen ein neues Haus bauen können.

'Tower of Babel', 1563. The Tower of Babel was built by a united humanity in an attempt to reach Heaven. From the collection of the Kunsthistorisches Museum, Vienna, Austria. (Photo by Art Media/Print Collector/Getty Images)

Symbolbild Baustelle. Auch bekannt als «Turmbau zu Babel», 1563 gemalt vom unvergleichlichen Pieter Bruegel dem Älteren. Bild: Hulton Fine Art Collection

Der Lärm der beiden Maschinen ist ... na ja, Noise-Cancelling-Kopfhörer sei dank, spüre ich den Lärm nur. Der Fussboden vibriert, der Kaffee in meiner Tasse zittert.

Der Luftbefeuchter neben meinem Schreibtisch verbraucht jeden Tag genau eineinhalb Liter Wasser.

Ich warte. Darauf zum Beispiel, dass sich ein Schweizer Schauspieler meldet. Der mit dem Gesicht aus zerrissenen Sternen. Eine grosse Sonntagszeitung hat geschrieben, er sei eigentlich nicht zu erreichen, er wechsle auch regelmässig seine Telefonnummer, deshalb ist die Nummer, die mir das Fernsehen gegeben hat, um ihm eine SMS zu schreiben und ihn darin um einen Anruf zu bitten, der dann hoffentlich eine Gesprächsvereinbarung auslösen wird, vielleicht auch schon wieder veraltet. Das Fernsehen fragt regelmässig nach, ob ich mich bei ihm und er sich bei mir gemeldet habe. Ja. Und nein.

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Der Mann mit dem Gesicht aus zerrissenen Sternen. Bild: srf/pascal mora/watson

Ich warte. Kartonbündeln wäre eine prima Beschäftigung. Morgen ist doch Kartonabfuhr? Ich ziehe die Noise-Cancelling-Kopfhörer aus und wundere mich, dass ihre Polster immer nach Rauch riechen, obwohl hier niemand raucht. Vielleicht sehnen sich die Kopfhörer nach Gesellschaft. Nach einer Rauchpause mit Freunden, nach einem Fumoir mit Fremden. Gelten Postkarten eigentlich auch als Karton? Nach drei Minuten ist alles gebündelt. Ich könnte noch eine Wäsche waschen. Und den Luftbefeuchter neu befüllen.

Wieso interessieren sich eigentlich keine Vögel für das Vogelfutter auf dem Balkon? Ach so, die sind im Süden. Schön für sie. Ich nicht. Ich bin im Heimbüro.

Eigentlich ist diese Heimbüro-Woche ja ausgesprochen busy. Ich hab gleich zwei Aussentermine. In einer Woche! So viele hatte ich schon lange nicht mehr! Sie heissen Dentalhygiene und Brustkrebsvorsorge. Beide werden weh tun. Aber hey, ich erlebe etwas, das über die Gewohnheitsorte Migros, Coop und Internet hinausgeht! Ich werde etwas fühlen dabei und mich in architektonisch ungemein interessante, ästhetisch gewiss beflügelnde Gebäude begeben dürfen. Ich freu mich drauf.

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Das macht Homeoffice aus lebensfrohen Autorinnen! (Die korrekte Bildunterschrift würde lauten, dass Margaret Mitchell hier gerade eine Meldung verfassen muss, dass sie für «Vom Winde verweht» den Pulitzer Preis gewonnen hat.) bild: getty

Ich bin nicht gegen das Heimbüro. Es hat seinen guten und richtigen Zweck. Aber es verändert mich. Das Zerfliessen von Arbeits- und Lebensraum macht mich unausgeglichen. Mir fehlt die Dauerstimulation, der man in einem Redaktions-Grossraumbüro ausgesetzt ist. Den Ideen der anderen, die ich nicht immer mag, aber die immer irgendwohin führen, den schnell beim Kaffeeautomaten geäusserten Wunsch nach irgendwas, das auf den ersten Blick keinen, aber auf den dritten vielleicht einen hübschen Unsinn ergibt. Im Heimbüro versiegt der Strom der Inspiration.

Nachts erwache ich gelegentlich in Panik mit dem Gefühl, nichts beitragen zu können, eine schlechte Journalistin zu sein.

Der Stuhl, auf dem ich im Heimbüro sitze, stammt aus einer Zeit, als «ergonomisch» ein anderes Wort für exotisch war. Aber er bedeutet mir viel, mein Grossvater hat ihn schreinern lassen, das Holz stammt von einem Baum, den Grossvater selbst grossgezogen hat. Die Bäume im Park vor dem Fenster verwandeln sich im Schnee in eine Kulisse aus einem Schwarzweiss-Film.

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Wenn ich nicht auf die Baustelle blicke, blicke ich auf diese wunderbaren Bäume. Bild: sme

Haare waschen wär mal wieder was. Wenn nicht für mich, dann für mein Liebesleben. Weil es wunderbar ist, nicht allein zu sein, jemanden zu haben, für den sich das Leben in jeder Sekunde lohnt. Oft sind wir zu zweit im Heimbüro. Selten darf eine von uns ins richtige Büro. Quasi zur Belohnung. Dorthin, wo Menschen sind. Viel, viel weniger als sonst, aber sie sind. Unsere wundervolle, junge, lebendige, vor Ideen fast platzende Anna ist diese Woche wieder im richtigen Büro. Nach sieben annalosen Monaten.

Es könnten auch sieben annalose Jahre gewesen sein. So sehr dehnte sich die Zeit.

Ich warte. In meiner Pultschublade gibt es nichts mehr aufzuräumen. Alle Rechnungen sind bezahlt. Alle Parfumflaschen im Bad sind abgestaubt. Alle Flaschen auf der Hausbar auch. Die Wasserkaraffe ist entkalkt. Ich habe alle meine Nahrungsmittelergänzungs-Präparate für diesen Tag geschluckt. Ich habe meine YouTube-Yogalektion für den Rücken absolviert. Mit Mady. Mady ist ein Engel im Homeoffice. Jedenfalls dreht sie ihre Videos vor einem Sofa und Topfpflanzen, und auf dem Sofa schläft ein Hund. Alles ist endlich.

Vielleicht sollte ich eine Runde spazieren gehen. Irgendwo im Schnee findet sich eine Idee. Das fallende Weiss speit und schluckt Licht. Die Saugkrake reisst die Innereien aus dem Abbruchhaus. Im ersten Stock unseres Hauses ist vor wenigen Tagen ein Kind zur Welt gekommen. Spätestens, wenn wir geimpft sind, werden wir es zum ersten Mal sehen.

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