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Er ist der erste offiziell anerkannte Cyborg der Welt.
Er ist der erste offiziell anerkannte Cyborg der Welt.
Bild: zvg / Hector adalid
Interview

Erster Cyborg der Welt: Dieser Mann hört mit einer Antenne im Kopf Farben

Neil Harbisson ist farbenblind. Und ein Cyborg. Der Katalane hat sich eine Antenne in den Schädel pflanzen lassen, die ihn Farben hören lässt. Ein Gespräch über die Spezies Mensch, Roboter und alles, was dazwischen liegt.
26.10.2019, 19:4927.10.2019, 07:03

Neil Harbisson, wieso haben Sie eine Antenne in Ihrem Kopf?
Neil Harbisson:
Weil ich Farben hören wollte. Weil ich Farben spüren wollte. Bis tief in die Knochen. Dafür musste die Antenne in den Schädel operiert werden. Drei Eingriffe waren nötig und eine lange Vorlaufzeit, bis ich einen Chirurgen gefunden habe, der bereit war, das zu machen.

Wie lange haben Sie die Antenne bereits?
Permanent seit dem 22. März 2004.

«Für Sie ist es ja auch nicht komisch, auf Ihrem Ohr zu schlafen oder mit einer Nase im Gesicht zu duschen.»

Sie können die Antenne also nicht ablegen. Ist es nicht komisch, damit zu schlafen oder zu duschen?
Nein. Die Antenne ist für mich wie ein weiteres Organ. Für Sie ist es ja auch nicht komisch, auf Ihrem Ohr zu schlafen oder mit einer Nase im Gesicht zu duschen.

Wie klingen die Farben von Trump, Globi und Andreas Thiel?

Video: watson/Emily Engkent, Dennis Frasch

Sie können also Farben hören. Wie tönen Farben?
Jede Farbe hat eine Frequenz. Rot hat die tiefste Frequenz, Orange ist schon höher, Blau und Violett haben die höchsten Frequenzen. Meine Antenne nimmt also die Farben auf und schickt Vibrationen an meinen Schädelknochen. Diese Vibrationen erzeugen Töne. Übrigens: Ich kann auch Farben hören, die das normale Auge nicht erfassen kann. Ultraviolett zum Beispiel.

Wie tönt Zürich für Sie?
Viele Gebiete höre ich in einem F, wegen den vielen rötlichen Ziegelsteinen. Auch die Note G höre ich viel, das ist ein Beige-Ton. Rund um den See beeinflusst die Lichtreflexion des Sees die Farben in der Stadt. Dort nehme ich einen scharfen C-Ton wahr. Das entspricht einem Blaustich.

Bild: zvg

Können Sie die Antenne ausschalten?
Nein. Sie ist immer an. Es ist ein zusätzlicher Sinn, den ich habe. Man kann seinen Sehsinn auch nicht abschalten, wenn man seine Augen schliesst.

Sie sind der erste offiziell anerkannte Cyborg der Welt. Wie kam es dazu?
Das war Zufall. Ich wollte eigentlich nur meinen Pass erneuern. In Grossbritannien gibt es jedoch ein Gesetz, das besagt, dass man nicht mit elektronischen Geräten auf das Passfoto darf. Ich versuchte ihnen dann zu erklären, dass meine Antenne kein elektronisches Gerät ist, sondern ein Organ, ein Teil von mir. Nach langem Hin und Her haben sie dies dann akzeptiert.

Identifizieren Sie sich als Cyborg?
Absolut. Ich bin ein Cyborg.

Sie setzen sich auch dafür ein, dass mehr Menschen zu Cyborgs werden.
Das stimmt so nicht. Ich versuche lediglich denjenigen zu helfen, die gerne zu Cyborgs werden möchten. Die Cyborg-Foundation, die ich gegründet habe, unterstützt Menschen. Sie probiert nicht, sie zu überzeugen. Momentan berate ich gerade jemanden, der sich einen Chip implantieren lässt, mit dem er kosmische Strahlung spüren kann.

Wieso machen Menschen sowas? Ist das eine Art Selbstoptimierung, Leistungssteigerung?
Nein. Wir wollen niemanden «optimieren». Wir versuchen den Leuten neue Sinne und Perspektiven zu geben. Das heisst aber nicht, dass wir Menschen verbessern wollen. Durch die Technologie sollen neue Wahrnehmungen unserer Welt entstehen.

«Wir können mit Computerchips verschmelzen und unsere DNA so weit verändern, dass wir uns zum Beispiel aussuchen können, was für Sinne wir besitzen wollen. Ultimativ werden wir also entscheiden können, was für einer Spezies wir angehören möchten.»

Wo wird uns das in den nächsten 50 Jahren hinführen?
Meine Antenne wird 2070 bestimmt belächelt werden. Die Technologie wird viel weiter sein, es wird in Richtung organische Cyborgs gehen. Ich nehme an, dass wir unsere Organe 3D-drucken können. Wir werden in der Lage sein, unsere DNA zu modifizieren. Wir können mit Computerchips verschmelzen und unsere DNA so weit verändern, dass wir uns zum Beispiel aussuchen können, was für Sinne wir besitzen wollen. Ultimativ werden wir also entscheiden können, was für einer Spezies wir angehören möchten.

Unheimlich. Was für Sinne könnten wir uns denn noch aneignen?
Viele. Diese Pflanze hier neben Ihnen hat rund 20 Sinne, die meisten davon besitzen wir nicht. Wir sind umgeben von Flora und Fauna, die unzählige Sinne besitzen, die wir nicht haben. Mithilfe von Technologie wäre es jedoch möglich, an diese Sinne zu kommen.

Können Sie mir ein konkretes Beispiel nennen?
Nachtsicht. Könnten wir im Dunkeln sehen, bräuchten wir keine Beleuchtung mehr. Das würde ein Menge Energie sparen.

Cyborgs könnten also die Welt retten?
Stellen Sie sich vor, wir wären in der Lage, unsere Körpertemperatur selbst zu regulieren. Wenn es heiss ist, fahren wir die Temperatur runter und umgekehrt. Dann müssten wir nicht mehr unsere Umgebung heizen oder kühlen. Die Menschheit muss aufhören, den Planeten ändern zu wollen und anfangen, den Menschen zu ändern.

bild: zvg

Das klingt ja alles sehr toll. Doch glauben Sie nicht auch, dass die Militärs dieser Welt solche neue Sinne und Technologien missbrauchen würden?
Welche Technologien missbraucht das Militär denn momentan?

Die künstliche Intelligenz, AI, zum Beispiel. Es gibt bereits Militärdrohnen, die völlig autonom fliegen und entscheiden können.
Drohnen sind das Gegenteil von Cyborgs. Drohnen stellen die Trennung von Organik und Kybernetik dar. Cyborgs hingegen entstehen aus der Vereinigung von Technologie und Organischem. Das Militär zielt auf die Trennung von Mensch und Maschine ab, wir wollen das Umgekehrte. Hier liegt der Unterschied zwischen Robotern und Cyborgs.

«Man hört auf, sich selbst zu sein, ab dem Punkt, an dem man sich nicht mehr fragt, ob man noch sich selbst ist.»

Aber wo liegt die Linie? Wenn wir Organe aus dem 3D-Drucker haben und so sukzessiv Teile unseres Körpers durch künstliche Teile ersetzen, ab welchem Punkt verlieren wir unsere Identität und werden zu Robotern?
Identität und der Körper als organisches Element sind nicht das Gleiche. Falls es je möglich sein sollte, alle seine Körperteile gegen künstliche Teile zu ersetzen, dann müssen wir uns fragen, was ein Individuum zu dem macht, was es ist. Woher kommt seine Identität? Wahrscheinlich nicht von seinen organischen Körperteilen. Man hört auf, sich selbst zu sein, ab dem Punkt, an dem man sich nicht mehr fragt, ob man noch sich selbst ist. Solange man sich diese Frage noch stellt, hat man noch eine Vorstellung, oder zumindest eine Erinnerung daran, dass es mal ein «Ich» gegeben hat. Identität ist jedoch auch etwas sehr persönliches. Ich kann ihnen nicht sagen, ob Sie noch sie selbst wären, wenn alle Ihre Körperteile künstlich sind.

... Ok. Mein Kopf fängt gleich an zu rauchen. Kommen wir zurück in das Jahr 2019.
Ich glaube, das wäre besser, ja.

Ihre Antenne kann sich mit dem Internet verbinden und hat auch eine Bluetooth-Funktion. In Zeiten von Datenkraken wie Facebook und Google, wie schützt man sich vor ungewollten Eingriffen?
Mit Cyborg-Rechten. Es gibt bereits Menschenrechte, dasselbe brauchen wir für Cyborgs. Regierungen müssen sich auf solche Rechte einigen, denn das Internet verwandelt sich zunehmend zu einem Sinn. Wir müssen also Bürger schützen, die nicht nur Gebrauch von Technologie machen, sondern Technologie sind. Ich kämpfe mit meiner Cyborg-Foundation für solche Rechte.

Wurden Sie bereits einmal gehackt?
Ja. Ein einziges Mal hat mir jemand Bilder in meinen Kopf gesendet. Es war ein Journalist. Er hat's lustig gefunden, ich auch. Ansonsten haben fünf meiner Freunde Zugriff auf meine Antenne, sie können mir also jederzeit Bilder in meinen Kopf senden.

Letzte Frage: Was schauen bzw. hören Sie sich am liebsten an mit Ihrer Antenne?
Das Weltall. Ich logge mich manchmal bei den Webcams der International Space Station (ISS) ein und beobachte die Weiten des Alls. Dabei finde ich es besonders schön, dass ich viele Farben höre, die für das menschliche Auge nicht sichtbar sind.​

Zur Person
Neil Harbisson ist 37 Jahre alt, gebürtiger Engländer, in Katalonien aufgewachsen. Harbisson leidet unter Farbenblindheit, sogenannter Achromatopsie, und kann deswegen nur Schwarz, Weiss und Grautöne sehen. 2004 hat er sich eine Antenne in den Kopf pflanzen lassen, mit der er Farben hören und spüren kann. Er wurde damit zum ersten staatlich anerkannten Cyborg der Welt. Mittlerweile ist er ein Cyborg-Aktivist. Er unterstützt Menschen, die Cyborgs werden wollen und setzt sich für die Rechte von Cyborgs ein. Für die Volvo Art Session kam er nun nach Zürich und erzählte von seinem Leben.
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