Leben
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Inspiration ist etwas für Amateure! Wie du trotzdem kreativ bleibst

bild: unsplash

Wenn du schon so lange darüber nachdenkst, ob du etwas willst, willst du es dann wirklich?



Es gibt viele Annahmen, die mich in Rage bringen, folgende ist seit meiner Selbstständigkeit unangefochten auf Platz 1: «Weisst du, Bianca, ich habe auch schon mal überlegt, zu schreiben. Ist bestimmt cool! Habe leider bislang weder Zeit noch die richtige Motivation gefunden ...» WOW, danke für dein Feedback, Wolfgang. Vielleicht solltest du nicht hundert Stunden darüber nachdenken, ob du schreiben möchtest – sondern es einfach tun?

Hätte ich bei jedem Wort, das aus meinem Hirn über die Tastatur hinein in Word und später hinaus in dieses Internet geflossen ist, gerätselt, ob ich wirklich Lust darauf habe – genau in diesem Moment, wo ich doch auch Kuchen essen und fernschauen könnte – ich könnte ganze zwei Artikel verbuchen.  

Oder, andere Frage: Wenn du schon so lange darüber nachdenkst, ob du etwas willst, willst du es dann wirklich?

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich hauptberuflich Musik machen wollte, Gesangsunterricht nahm und in einer ziemlich schlechten Band (nein, ihr werdet sie nicht bei Google finden) spielte. Alle fünfzig Tage schrieb ich zur Qual aller halbherzige Lyrics – irgendjemand musste es ja machen. Statt mich auf Gigs zu freuen, wünschte ich mir insgeheim eine leichte Lungenentzündung herbei. Was ich damals nicht wusste: Ich wollte es einfach nicht genug. Ich wollte nicht unbedingt eine Band haben.  

Natürlich, nur weil man etwas unbedingt will, heisst das nicht, dass man damit Erfolg hat. Genauso wenig wie Erfolg etwas über die Qualität eines Werkes aussagt. Es ist lediglich ein Gradmesser von vielen. Und doch gibt es Tätigkeiten, die man sich schönredet. Einredet, weil sie nach einem leidenschaftlichen Plan für später klingen.

bild: unsplash

Du willst malen – und hast es nie versucht? Aus Gründen. Du möchtest Klavierkonzerte geben, aber noch nicht einmal ein Keyboard gekauft? Du willst endlich Auflegen lernen? 

Du tust es nicht? Du willst es nicht.

Lass dir noch etwas sagen, Wolfgang. Selbst, wenn du wirklich schreiben möchtest, wird es nicht reichen, auf «die Muse zu warten», die dich küsst. Inspiration ist etwas für Amateure.  

«If you want to write you have to read and read, but more importantly you need to write and write and write and write. Try different genres, stretch in new ways.»

Constance Hale

Auf die Inspiration zu warten ist etwas für Menschen, die einmal in drei Monaten Tagebuch schreiben, weil sie einen deepen Gedanken haben und danach befriedigt ins Bett fallen. Alle anderen; alle, die von der kreativen Arbeit oder ihrem Hobby leben möchten, müssen sich Wege suchen, um Inspiration zu generieren. Wege, die ihnen den notwendigen Impuls wie eine Knarre an den Kopf setzen, der letztlich zu stringenten Gedanken und Thesen führt, die es auszuformulieren lohnt.  

Beruflich Schreibende, Konzipierende, Illustrierende haben mit demselben leeren Blatt und derselben Lust nach Prokrastination zu leben wie Studierende vor Seminararbeiten. «Diese Erkenntnis ist schmerzhaft. Ein Grossteil meiner Arbeit besteht immer noch darin, auf Papier zu starren», sagt der deutsche Illustrator Christoph Niemann in der Netflix-Doku «Abstrakt». Er muss es wissen. «Ich hätte am liebsten ein Patentrezept für meine Kunst, aber das gibt es nicht.»  

bild: shutterstock

Niemand sollte auf seine Inspiration vertrauen müssen, wenn er sich morgens an den Schreibtisch setzt. Die Inspiration, sie versteckt sich ziemlich hartnäckig zwischen sexuellen Bedürfnissen und bevorstehenden Partys, sie möchte in den Urlaub fahren, drei Wochen Ibiza, und lässt dich hängen wie eine unzuverlässige Schulfreundin, mit der du dich um 15 Uhr auf einen Kaffee verabredet hast. Eigentlich.       

Und deshalb musst du auf die Inspiration verzichten können.

Du musst eine gesunde Distanz schaffen zwischen dir und ihr, wie bei einer lauwarmen Affäre, die sich immer ein paar Tage zu spät meldet, um relevant zu bleiben.

Du musst ohne sie leben, ohne sie arbeiten können. Du musst dein Handwerk um sie herum bauen, dir Bücher holen oder Filme, YouTube schauen und auch mal rausgehen, ins Leben. Musik hören. Ein Muster für den Arbeitsprozess entwickeln, das dich in Stimmung bringt, wenn es sein muss. Und glaube mir, das wird öfters nötig sein, als du es dir jetzt vorstellen kannst. Charles Dickens war beispielsweise berühmt für seine dreistündigen Spaziergänge, die er jeden Nachmittag unternahm.  

bild: unsplash

Schreibe auf, was hilft. Mache eine Liste von Dingen, die du erledigen musst, um arbeiten zu können. Ist der Tisch sauber? Hast du dein Lieblingsgetränk neben dir stehen? Hast du dir einen Tag Zeit genommen, um einen Überblick über das neue Projekt zu gewinnen, an dem du die ganze Woche sitzen wirst? Eine Struktur festgelegt, die dich die Tage sinnvoll nutzen lässt? Schon besser. Auch Jane Austen erschien es unmöglich, etwas zu verfassen, wenn sie «den Kopf voller Hammelkeulen und Rhabarber» hatte.

Auch kreative Denkarbeit kann gestückelt, getrieben und kontrolliert werden, bis der Flow kommt, der automatisch zu mehr Zeilen und Wörtern und dem Einhalten von Deadlines führt.

Ernest Hemingway notierte täglich die Zahl der geschriebenen Wörter in einer Tabelle, um sich «nicht selbst zu betrügen». Anthony Trollope schrieb immer nur drei Stunden pro Tag und nie mehr als 250 Wörter pro Minute.  

Ein Blick in die Biografie berühmter Schriftsteller, Maler, Philosophen und Wissenschaftler zeigt: Niemand lässt es «einfach nur fliessen». Denn in Wahrheit heisst es: hinsetzen, nachdenken, Moodboards gestalten, reinkommen – und nicht 80 Prozent der Zeit darüber nachdenken, wann die grandiose Idee vom Himmel fällt.  

Sie ist bereits in dir. Du musst nur lernen, an sie ranzukommen. Viel Erfolg dabei, Wolferl! 

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