Massaker im Iran: Warum aus dem Westen mehr Schweigen als Solidarität kommt
Diese Worte stammen vom ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Er sagte sie 2022 im Podcast «Pod Save America», der von vier seiner ehemaligen White-House-Mitarbeiter betrieben wird.
Er dachte zurück an die Jahre 2009, 2010, daran, als im Iran rund drei Millionen Menschen allein in Teheran auf die Strasse gingen, um zu fragen, wo ihre Stimme abgeblieben sei. Denn der Ausgang der Präsidentschaftswahl vom 12. Juni schien ihnen mehr als manipuliert. Zwei Stunden nach der Schliessung der Wahllokale verkündete man den Sieger; den konservativen, von der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) unterstützte Mahmoud Ahmadinejad. Als hätten 39,2 Millionen Stimmen in so kurzer Zeit ausgezählt werden können.
Der Reformer Mir Hossein Mousavi verlor selbst in seiner Heimatprovinz Aserbaidschan, der Mann also, den auch unabhängige Beobachter wie das Pulitzer Center als eigentlichen Gewinner sahen. Und die Proteste bestätigten das; die Grüne Bewegung wurde von einer ganzen Nation getragen, die diese Farce nicht länger hinnehmen wollte, die genug hatte von Manipulation und Korruption, von wirtschaftlicher Not, von Zwangsverschleierung und Diskriminierung, von all dieser totalen Kontrolle.
Sie wurde mit der Gewalt, über die so ein totalitäres Regime verfügt, niedergeschlagen. Und Obama zeigte sich äusserst zurückhaltend in seinen Kommentaren dazu.
Es waren die grössten Proteste seit 1979. Und es folgten weitere, 2017/18 wegen der wirtschaftlich desolaten Lage und 2019 wegen der erhöhten Benzinpreise, 2022 dann das landesweite Aufbegehren des iranischen Volkes und insbesondere seiner Frauen, nachdem die 22-jährige Jina Mahsa Amini wegen eines nicht richtig sitzenden Hidschabs festgenommen und getötet worden war.
Es waren jene «Frau, Leben, Freiheit»-Rufe, die Obama dazu brachten, sein Schweigen von 2009 als Fehler anzusehen. Er wollte den inzwischen gescheiterten Atomdeal mit dem Regime nicht gefährden.
Was die letzten Wochen passiert ist, wissen wir auch. Dass die «Sicherheitskräfte», wie sie oft verharmlosend in den Medien genannt werden, also die Schergen der Islamischen Republik, die sich aus den Revolutionsgarden (IRGC), der Polizei (FARAJA) und der Basidsch-Miliz zusammensetzen, mit ihren Maschinengewehren von Dächern herunterschossen, oder ihre Kalaschnikows auf Pickups montierten, um direkt in die Köpfe und Herzen der Menschen auf den Strassen zu schiessen. Das Schrot und die Metallpellets aus den Flinten verstümmelten Augen, Genitalien, Brustkörbe derer, die es wagten, für ihre Freiheit einzustehen.
Wer floh, wurde niedergeschossen. Wer am Boden lag, wurde niedergeschossen. Und wer es in ein Krankenhaus schaffte, wurde bis dorthin verfolgt, sofort getötet oder festgenommen.
Das Iran Human Rights Documentation Center (IHRDC) hat von einem verletzten jugendlichen Demonstranten erfahren, der überlebt hat, indem er sich drei Tage lang in einem Plastikleichensack versteckte und tot stellte. Er hörte, wie die Verwundeten neben ihm stöhnten, es seien Schüsse gefolgt, dann verstummte das Stöhnen.
Die Leichen wurden gesammelt, gestapelt – und teilweise abtransportiert, um Spuren zu verwischen. Menschenenrechtsgruppen berichten von Nachtbestattungen in namenlosen Massengräbern. Familien, wenn sie die Leiche ihrer Angehörigen verlangen, müssen sehr viel Geld zahlen oder eine falsche Geschichte im Staatsfernsehen erzählen. Wer öffentlich trauert, läuft Gefahr, verhaftet zu werden.
Fürs öffentliche Hinrichten nutzt das Regime Baukräne. Auf diese Weise dauert das Sterben mehrere Minuten. Und es ist für alle gut sichtbar.
Wir kennen das genaue Ausmass nicht, aber wir können anhand der gesammelten Berichte von Menschenrechtsorganisationen, der Stimmen aus der iranischen Diaspora und den wenigen, die aus dem abgeschotteten Land zu uns dringen, bereits jetzt wissen, dass das Töten System hat.
Wenn es dunkel wird, wenn ein Regime die Lichter löscht und das Internet abstellt, wissen wir, dass genau diese Unwissenheit das Ziel ist. Damit es im Dunkeln agieren kann. Und in diesem Dunkel sind die Zahlen der Opfer meist viel höher als angenommen. Die «TIME» schrieb mit Berufung auf zwei hochrangige Beamte des iranischen Gesundheitsministeriums, dass allein am 8. und 9. Januar 30'304 Menschen getötet worden sind. «Iran International» – ein persischsprachiger, oppositioneller Auslandssender – spricht von mindestens 36'500 Toten innerhalb jener 48 Stunden.
Das ist ein Massaker. Ein Massaker, das zahlenmässig einzig vergleichbar ist mit den systematischen Genozid-Operationen der Nazis an den Juden während des Zweiten Weltkrieges oder dem Völkermord an den Tutsis durch die Hutus in Ruanda 1994.
Bild: https://en.wikipedia.org/wiki/Babi_Yar#/media/File:Babi_Yar-06-194.jpg
Dennoch bekommt dieses Töten, dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit, im Westen sehr wenig Aufmerksamkeit. Um einen ernsthaften Vergleich zu machen, bietet es sich an, die mediale Berichterstattung zum Iran mit demjenigen des Gaza-Krieges zu vergleichen. Nicht, weil es darum gehen, soll, das Leid der einen Opfer gegen das der anderen aufzuwiegen oder abzuwerten, bitte versteht das nicht falsch. Es geht ums genaue Gegenteil. Um die Frage danach, warum Leid nicht gleichwertig behandelt wird. Denn beide Regionen gehören in die geographische Sphäre des Nahen Ostens. Zudem sind sie geopolitisch eng miteinander verwoben, in erster Linie dadurch, dass das Regime von Ali Chamenei die Hamas finanziert.
Schätzungsweise mit mehreren Milliarden Dollar innerhalb der letzten drei Jahrzehnte. Iran hat seit der Islamischen Revolution von 1979 im gesamten Nahen Osten ein Netzwerk von Stellvertretergruppen aufgebaut: Die Hisbollah im Libanon, die Huthis im Jemen, die schiitischen Milizen im Irak und in Syrien, sie alle bekommen ihre Waffen, ihre Ausbildung und ihr Geld mit dem Ziel, eine «Achse des Widerstands» gegen Israel aufzubauen. Die Vernichtung Israels ist Teil der ideologischen Leitdoktrin der Islamischen Republik Iran. Das andere geteilte Feindbild ist die USA, die ihrerseits Israel mit Waffen, Technologie und operativer Hilfe unterstützen.
Dieses islamistische Regime nun hat in den letzten Wochen das iranische Volk mit unvorstellbarer Gewalt dezimiert – die Schlagzeilen aber dominierten die Newsseiten nicht.
Der Gazakonflikt bekommt den Genozid-Hashtag, während man das Geschehen im Iran noch immer «Proteste» nennt.
Warum wird das Leid, das dort gerade angerichtet wird, nicht klar und nicht mit derselben Dringlich- und Schnelligkeit benannt? Warum ist Solidarität mit menschlichem Leid, so scheint es jedenfalls, in diesem Falle so selektiv? Und anhand welcher Kriterien wird ausgewählt, wer Solidarität erfährt und wer bloss Schweigen erntet?
Sicherlich kann man den Internet-Blackout anführen, der es natürlich erschwert, an gesicherte Informationen zu kommen. Es dringt nicht viel nach aussen, und genau das strebt das Regime an: Dunkelheit, in der die Opfer, die Leichen und die Zahlen verschwinden. Dunkelheit, die Dokumentation zu verhindern versucht und den Schutz vor Strafe gewähren soll für die Täter. Umso mehr sollte man doch die Stimmen, die nach aussen dringen, vervielfachen und verstärken. Auch wenn die Umstände schwieriger sind, die strukturellen Limitierungen dafür gross – müsste die ethische Verpflichtung nicht überwiegen?
Bild: ncr-iran
Denn am Ende ist es so: Ein autoritäres Regime lernt, wo die Toleranzgrenze liegt. Es passt sich an, perfektioniert. Wenn wir schweigen, heisst das, dass sein Handeln, seine brutale Gewaltausübung gegenüber der eigenen Zivilbevölkerung keinerlei Konsequenzen hat. Dass wir dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit hinnehmen.
Obama bereut sein Schweigen von 2009. Als Grund für die damalige Entscheidung nennt er die Angst, die Protestierenden damit zu delegitimieren: Wenn die USA sie öffentlich unterstützt hätte, wären die Aktivistinnen womöglich angeklagt worden, Werkzeuge des Westens zu sein. Er hätte ihre Glaubwürdigkeit untergraben.
Die Glaubwürdigkeit für wen denn genau? Wiederum die für den Westens selbst? Denn das iranische Regime operiert bereits seit seiner Geburt mit diesen Lügen; die Gehängten seien Spione für den israelischen Geheimdienst Mossad. US-Söldner. Glauben tut diese Propaganda im Iran niemand.
Die Proteste werden von den Menschen dort selbst und ganz allein getragen. Und sie nennen es Revolution. Weil die gesamte Bevölkerung in hunderten Städten auf die Strassen gegangen ist, sagte Gazelle Sharmahd, die Tochter des iranisch-deutschen Aktivisten Jamshid Sharmahd, der vom Geheimdienst des Regimes im Sommer 2020 aus Dubai entführt, jahrelang gefoltert und schliesslich ohne rechtsstaatliches Verfahren im Februar 2023 hingerichtet wurde.
Kinder, Mütter, Busfahrer, die riefen: «‹Das ist die letzte Schlacht, Pahlavi wird zurückgebracht› oder ‹Wir kämpfen, wir sterben, wir nehmen uns Iran zurück›. Es geht um den ganzen Apparat, um das Ayatollah-Regime.»
Bild: LightRocket
Seit Jahrzehnten erheben sich die Iranerinnen und Iraner gegen die Entrechtung der Frauen, gegen die Folterung von Oppositionellen, gegen die alle Lebensbereiche durchdringende Kontrolle und Unterdrückung dieser menschenverachtenden Theokratie. Und seit Jahren werden sie in ihrem Kampf allein gelassen.
Warum? Weil man sich im Westen nicht den Imperialismusvorwurf einhandeln will. Weil man nicht in angeblich innerstaatliche Konflikte eingreifen will. Weil sich ein Volk doch selbst befreien muss.
Ab welchem Zeitpunkt genau liegt die Verantwortung denn beim Volk allein, in der langen iranischen Geschichte europäischer Einflussnahme und amerikanischer Intervention? Und mit welchen Mitteln soll es sich gegen ein übermächtiges Regime behaupten, wenn alles, was es hat, Steine und Stangen sind?
Ist es möglich, dass wir die Hilfe von aussen in dem Moment, wo ein ganzes Volk einen existentiellen Kampf ausficht, als verwerflicher empfinden als das Übel, derentwegen sie gebraucht wird?
«westlichen Selbsthasses»
Und entlarvt diese ganze Selbstbezüglichkeit nicht die zynische westliche Überheblichkeit, die wir gegenüber dem Leid im Nahen Osten hegen?
Wir müssen den Iranerinnen und Iranern zuhören. Oder wollen wir ihnen wirklich erklären, was für sie am besten ist? Ist das nicht genau das Paternalistischste, das Kolonialistischste und Imperialistischste, was wir im Moment tun können? Sie sind es leid, dass wir ihre Geschichte falsch erzählen. Wir sollten unsere Privilegien dazu nutzen, es richtig zu tun.
Gazelle Sharmahd sagt – und das ist für den Befreiungskampf des iranischen Volkes so zentral, – dass das Ayatollah-Regime eine Fremdherrschaft ist:
Wenn sie ein Land einnehmen, gehen sie als erstes in die Institutionen, in die Schulen und versuchen, alles Wissen, was es über das Land gibt, was es über die Kultur gibt, was es über die Menschen gibt, rauszunehmen. Deshalb haben sie unsere Bücher verbrannt, haben die Schulen übernommen, haben die Lehrer rausgeschmissen oder ermordet, die haben alles dafür getan, dass die nächste Generation, die unter den Ayatollahs aufwächst, nicht wusste, wer sie selber sind, nicht wusste, was es heisst, Iraner zu sein. Und was es heisst, Islamist zu sein, was Islamismus überhaupt ist, wo ihre Kultur herkommt, wo wir unsere Werte herholen und zwar von Cyrus the Great, und nicht den Ayatollahs und den Islamisten.
Das war die Gefahr, die mein Vater und andere wie mein Vater für das Regime darstellten. Denn, wenn du einmal weisst, wo du herkommst, wenn du weisst, dass es eine Fremdbesetzung ist, eine Fremdherrschaft, dann wunderst du dich nicht mehr, warum sie dich ermorden, warum sie das Land und seine Ressourcen ausrauben, um die Hamas, die Hisbollah und andere Menschen, die nicht Iraner sind, zu unterstützen, während die Iraner jeden Tag alle vier Stunden ermordet werden. Dieses Wissen allein gibt dir die Kraft zu verstehen: Das ist eine Fremdbesetzung, gegen die wir kämpfen müssen.»
Diese Worte sagte sie, bevor die Protest-Massaker begannen, für die auch Hisbollah-Kämpfer eingeflogen wurden.
Und vielleicht, meinte sie am 28. Januar gegenüber der Berliner Morgenpost, würde es schon helfen, wenn der US-Präsident eine Rede hielte, eine Rede vor dem Weissen Haus direkt an die Menschen im Iran: «Wie Ronald Reagan mit seiner berühmten Mauerrede vor dem Brandenburger Tor 1987: ‹Mr. Gorbachev, tear down this wall!› (‹Herr Gorbatschow, reissen Sie diese Mauer nieder›!). Das war der Anfang eines Dominoeffekts. Eine Rede vom Präsidenten der Vereinigten Staaten direkt an die Menschen signalisiert Legitimität für Irans Revolution und das Ende der Beziehung mit den Ayatollahs.»
Vielleicht kommt Trump aber auch mit mehr: «Seine vielen, sehr mächtigen Schiffe» sind unterwegs nach Iran.
Autoritäre Staatsgewalt ohne internationale Konsequenzen eskaliert, wie wir sehen können. Darum müssen die Menschen im Iran alle Sichtbarkeit bekommen, die wir ihnen geben können. Die vom Regime gegen sie begangenen Gräueltaten müssen als klarer Verstoss gegen das Völkerrecht deklariert werden, wir müssen Druck machen.
Die EU hat nun endlich die Revolutionsgarden als Terrorgruppe eingestuft.
Im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf hat Hillel C. Neuer, ein in Kanada geborener internationaler Jurist und Exekutivdirektor von UN Watch, die folgende Rede gehalten:
Die Antwort ist unbequem, aber klar: Die iranische Protestbewegung hat ein liebgewonnenes Narrativ zerstört: Ein Volk, das sich gegen islamistische Tyrannei erhebt, passt nicht in die Ideologie – und wird deshalb ignoriert. An euch alle richten wir diese Worte: Der Preis eures Schweigens waren iranische Menschenleben. Es ist Zeit, eine Entscheidung zu treffen: Entweder ihr tut alles, um das iranische Volk zu schützen, oder ihr haltet an eurem gescheiterten Weltbild fest.
Die Geschichte schaut zu.»
Oder etwas anders formuliert vom iranischen Comedian Pouya, der in der Schweiz lebt:
Wir müssen den Aggressor klar benennen. In diesem Fall ist es das islamistische Mullah-Regime, das die iranische Bevölkerung massakriert. Dieses System ist keine religiöse Gemeinschaft, sondern ein politisches Regime, das den Glauben instrumentalisiert, um politische Herrschaft und Gewalt zu rechtfertigen. Um Terror zu legitimieren.
Der Aggressor ist nicht weiss. Und er heisst nicht Israel, er passt nicht ins Imperialisten-Schema. Dampft man die ganzen Konflikte im Mittleren Osten auf ein Feindbild zusammen und vergisst, leugnet oder relativiert, was am 7. Oktober 2023 geschah, ist die logische Konsequenz daraus nun Schweigen. Wenn man die Hamas als Freiheitskämpfer glorifiziert, dann fehlen zum wahren Freiheitskampf im Iran die Worte.
Weil es nicht geht, sich mit den Iranerinnen und Iranern zu solidarisieren, ohne den Terror anzuklagen, den man verharmlost hat. Das ist der letzte und wesentliche Grund, warum Empathie, warum die Solidarität im Westen oft so selektiv ist. Es scheint gar nicht um die Opfer zu gehen, sondern um die Täter – und das ist das Entlarvende daran.
Das Unmenschliche an identitätspolitischer Empathie. Sie hat ihren universalen Anspruch verloren.
Gerade ist es ruhig im Iran. Die People's Mojahedin Organization of Iran (PMOI/MEK) geht laut einer auf 144 Städten beruhenden Untersuchung davon aus, dass rund 50'000 Menschen zwischen dem 28. Dezember 2025 und dem 14. Januar 2026 verhaftet und verschleppt worden sind. Die Revolutionsgarden patroullieren und verhaften jeden, der das begangene Massaker mit dem Handy festgehalten hat – oder mit seinem Körper in Form von Schusswunden dokumentiert.
Das Internet bleibt stark eingeschränkt, instabil und zensiert. Und es erscheint immer wahrscheinlicher, dass ein «Nordkorea-Modell» die permanente Realität der iranischen Bevölkerung sein wird; fortwährende digitale Isolation und Dunkelheit.
Die Revolution aber, da ist sich der iranisch-deutsche Fernsehmoderator und Autor Michel Abdollahi sicher, sei noch nicht vorbei. Ab und zu dringen Nachrichten und Videos von seinen Leuten im Iran zu ihm, in den raren Momenten, wenn das Internet es erlaubt:
