«Sah mich sterben»: Wie Tahirys Dos Santos Crans-Montana überlebte und Fussballprofi wurde
Tahirys Dos Santos und seine Freundin Coline feiern Silvester in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana. Im Erdgeschoss finden sie einen freien Tisch. Hier sind die Getränke günstiger als im Clubbereich des Untergeschosses. Es sind ihre ersten Ferien als Paar.
Gegen 1.30 Uhr geht Coline unten aufs WC. Männer- und Frauentoiletten liegen nebeneinander. «Ich begleite sie, denn ich muss ebenfalls aufs WC», erzählt der 19-Jährige in einem Buch, das er zusammen mit einem Journalisten geschrieben hat und heute auf Französisch erscheint. Er verlässt das WC vor ihr, wartet kurz und geht Richtung Treppe.
Dann sieht er die Flammen. Sofort dreht er sich um, stürmt ins Frauen-WC und schreit ihren Namen. Sie steht vor dem Spiegel und erkennt die Gefahr an seinem Blick. Sie schildert die Szene im Nachwort seines Buches: «So habe ich Tahirys noch nie gesehen. Normalerweise ist er cool und ruhig.» Sie folgt ihm zur Treppe.
«Coline und ich halten uns nicht an den Händen, das wäre unpraktisch, aber wir rennen nebeneinander», berichtet er. Die Treppe ist eng, zu eng für die hundert Menschen, die gleichzeitig zu fliehen versuchen. Sie beginnen, die Stufen hinaufzusteigen. Menschen schubsen, schreien, kreischen. «Ich spüre, dass ich verbrenne. Ich sehe mich sterben», erzählt er.
Beide stürzen und werden überrannt. Trotzdem schaffen es beide hinaus – wie, wissen sie nicht mehr. In Boxershorts sitzt er auf dem Asphalt. Hose und Schuhe hat er in der Massenpanik verloren; er weiss nicht wie. Die Schmerzen nimmt er kaum wahr. Es sei wie bei einer Verletzung im Sport: Wegen der Stresshormone könne man trotzdem weiterspielen. Er kann sich aber nicht bewegen und schreit nach Coline.
Sie hat in der Menschenmenge einen Stiefel verloren und liegt ausser Sichtweite ihres Freundes am Boden: «Der Stiefel am Boden auf der Treppe – das ist meine letzte Erinnerung, bevor ich mich draussen wiederfinde.»
Ihre Wege trennen sich in der Massenpanik
Sie wird als eine der Ersten nach Visp gebracht, er als einer der Letzten nach Sion. Weil er noch sprechen kann, gilt er in der Triage als weniger dringend.
Gegen 17 Uhr am Neujahrstag fliegt ihn ein Ambulanzjet nach Stuttgart. In Tübingen nimmt ihn eine Spezialklinik für plastische Chirurgie auf. 30 Prozent seines Körpers sind nach ersten Schätzungen verbrannt. Später korrigieren die Ärzte die Zahl auf 24 Prozent – eine gute Nachricht.
Nach sechs Tagen bringt ihn eine Ambulanz ins Zentrum für Schwerbrandverletzte in Metz, zurück in seine Heimat im Nordosten Frankreichs. Die Fahrt dauert mehr als drei Stunden. Weil zu viel Schnee liegt, kann der Helikopter nicht fliegen.
«Ich sehne mich nach Coline. Jeden Tag frage ich meine Mutter nach ihr. Sie bemüht sich, beruhigend zu wirken, aber ich merke, dass sie mir etwas verschweigt», schreibt er. Coline hat Verbrennungen an 30 Prozent des Körpers. Die Mutter redet ihm zu: Seine Muskeln hätten ihn besser geschützt. Coline schlafe, sagt seine Mutter, und verschweigt, dass sie in ein künstliches Koma versetzt wurde. Sie steht unter Sedierung, um nicht zu stark zu leiden.
Präsident Macron nimmt die Heldenerzählung auf
Wenige Stunden nach der Brandnacht wird Tahirys Dos Santos zur öffentlichen Figur. Sein Berater erklärt ihn im französischen Fernsehen zum Helden: «Er ging zurück in die Flammen, um seine Freundin zu retten.» Mit seiner eigenen Erzählung präzisiert Dos Santos den Ablauf und distanziert sich vom Heldenmythos. Er habe sich nicht inszenieren wollen.
An der offiziellen Gedenkfeier schüttelt der französische Präsident Emmanuel Macron die Hand von Tahirys’ Vater und sagt, sein Sohn habe sich wie ein Held verhalten. Der Vater entgegnet: «Die Helden, das sind die Feuerwehrleute und das medizinische Personal!»
Seine Fussballkarriere begann er mit 6 Jahren
Tahirys Dos Santos wuchs in einem Vorort von Metz auf. «Ich bin das Produkt einer kulturellen Mischung und darauf bin ich stolz», erzählt er. Seine Mutter wurde in einem Flüchtlingslager in Thailand geboren. Ihre Eltern stammten aus Kambodscha und flohen vor dem blutigen Regime. In Frankreich arbeitete sie als Putzfrau. Sein Vater war Schweisser und wurde in der Nähe von Metz geboren. Dessen Eltern stammten aus Algerien und Kap Verde.
Die Mutter verlangte von Tahirys in der Schule Bestleistungen. Sie erzog ihn so streng, wie sie einst selbst erzogen worden war. Er musste immer zu den drei Besten gehören. Sie pflegte zu sagen: «Wenn du nicht auf dem Podest bist, bist du nichts.»
Mit sechs Jahren erhielt er seine erste Fussballlizenz in einem Vorort von Metz. Mit neun Jahren wechselte er zum FC Metz und wurde Aussenverteidiger. Als Junior schoss er viele Tore. Wenn er traf, rannte er nicht wild umher. «Mein Jubel war zurückhaltend, beherrscht. Es war eine innere Freude. Schon damals zeigte ich meine Gefühle kaum», schreibt er in seinem Buch.
Er überlebt eine Katastrophe von extremer Wucht – und schreibt darüber nüchtern. Das ist die Stärke der Biografie des 19-Jährigen. Seine Erzählung versprüht die Lebensfreude eines Überlebenden und betont selbst in den dunkelsten Momenten die Hoffnung und die Liebe.
Kurz vor der Brandnacht steht der Aussenverteidiger vor dem Durchbruch seiner Fussballkarriere. Am 20. Dezember befindet er sich zum ersten Mal im Aufgebot der ersten Mannschaft des FC Metz. Dieser spielt in der höchsten französischen Liga. Zum ersten Mal bringt ihn eine Polizeieskorte ins Stadion – ein Vorgeschmack auf das Leben als Profifussballer. Er verbringt das Spiel allerdings auf der Ersatzbank und hat erst einen Ausbildungsvertrag.
Am Tag danach beginnen die Weihnachtsferien. In Crans-Montana wandert er und trinkt keinen Alkohol, sondern alkoholfreie Cocktails und Säfte. Skifahren darf er nicht, das verbieten die Klauseln seiner Verträge wegen des Verletzungsrisikos.
Der FC Metz unterstützt ihn auf seinem Weg
Nach einer Hauttransplantation im Spital von Metz kann er kaum laufen und macht sich Sorgen um seine Zukunft. Da findet seine Physiotherapeutin die richtigen Worte, um ihn zu beruhigen. Zum ersten Mal darf er sein Zimmer verlassen. Er nimmt einen Ball mit und spielt mit ihr kleine Pässe im Gang. «Mein erster Ball des Jahres», freut er sich.
Der FC Metz bleibt an seiner Seite. Die zweite Mannschaft trägt vor dem ersten Spiel des Jahres Trikots mit der Aufschrift «Wir sind bei dir, Tahirys». Auch die erste Mannschaft zeigt bei der Wiederaufnahme der Ligue 1 ihre Solidarität.
Der FC Metz weiss, was im Spital das Wichtigste für das Nachwuchstalent ist: seine Freundin Coline. Der Verein organisiert deshalb, dass sie von einem Spital in Antwerpen zu ihm nach Metz transportiert werden kann. Ab Ende Januar liegen sie in benachbarten Zimmern im Spital. Auf seinem ersten Ausgang kauft er einen Ring für sie.
Er verlässt das Spital Mitte Februar, sie zwei Wochen später. Danach ziehen sie zusammen in eine Wohnung. Beide werden noch mindestens zwei Jahre an ihrer Genesung arbeiten. In dieser Zeit sollen sie ihre Haut möglichst wenig der Sonne aussetzen. Sie müssen durchgehend Übungen machen, damit sich ihre neue Haut nicht zusammenzieht, sondern geschmeidig wird. «Als junger Sportler habe ich das Glück, mich schneller zu erholen als der Durchschnitt», schreibt Dos Santos.
Ein Traum wird wahr, doch die Bedeutung ändert sich
Obwohl er nicht so fit wie vor Crans-Montana ist, erhält er vom FC Metz im April seinen ersten Profivertrag bis Juni 2027 mit Option auf Verlängerung. Die Physiotherapeuten des Vereins bereiten ihn auf die Saison vor, die im Sommer beginnt. Der Profivertrag ist auch ein Solidaritätszeichen des Clubs.
Tahirys Dos Santos hat endlich sein Ziel erreicht. Doch heute denkt er anders darüber. «Früher drehte sich alles darum: Ich lebte Fussball, ich atmete Fussball.» Noch heute sei der Sport ein riesiger Teil von ihm. «Aber diese Tragödie hat mir die Augen geöffnet. Sie hat mir beigebracht, dass das Wichtigste nicht der Fussball ist, sondern das Leben.»
Tahirys Dos Santos: Crans-Montana – Une seconde pour renaître. Verlag Michel Lafon. 205 Seiten. (aargauerzeitung.ch)
