Looksmaxxing: Wie Jugendliche mit Mitteln aus dem Internet ihre Muskeln pumpen
Als Adrian erwacht, ist er schweissgebadet. Sein Herz rast und hämmert unregelmässig gegen die Brust, als wolle es ausbrechen. Der Druck zieht bis in Hals und Schläfen. Sein Atem ist kurz und flach. Die Hände zittern, die Finger kribbeln. Die Haut glüht und ist doch kalt. Sein Körper vibriert.
Wenig später findet sich Adrian auf der Notfallstation eines Spitals wieder, der Puls liegt inzwischen bei 220 Schlägen pro Minute, ohne dass er sich bewegt. Er erhält ein Medikament in die Vene gesepritzt, das den Puls senkt. «Der Arzt sagte mir: Wäre ich nicht gekommen, wäre ich jetzt tot.»
Adrian, der eigentlich anders heisst, ist ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man den Verlockungen erliegt, die überall im Internet lauern. Sie sind nur ein paar wenige Klicks entfernt, günstig und bringen Erfolg. Sie heissen Andarin, Ligandrol, Ostarin, Rad-140 oder Rad-150. Anabole Steroide, die Männern mehr Muskeln, Energie und Leistung versprechen.
Werbung auf Social Media
Ihr Konsum ist auch in der Schweiz alarmierend stark gestiegen, wie Swiss Sport Integrity mitteilt. Während etwa Sendungen mit dem Steroidhormon DHEA abnahmen, sorgten andere riskante und verbotene Substanzen zum Muskelaufbau – etwa aus der Gruppe der SARMs – dennoch für eine Zunahme der sichergestellten Mittel auf 1282 (2024 waren es noch 1106).
Aus drei Gründen: Erstens, weil diese Mittel wirken, zweitens wegen des allgegenwärtigen Muskelkults in der Gesellschaft, und drittens, weil sich viele Menschen um ihr Äusseres sorgen und Massnahmen ergreifen.
Angepriesen werden diese «Wundermittel» von Influencern auf TikTok, Instagram oder Youtube. Meist junge Männer mit vermeintlich perfekt geformten Körpern überschwemmen das Internet mit ihren Videos. Häufig handelt es sich um gehypte oder gefährliche Inhaltsstoffe, die für den menschlichen Gebrauch nicht erforscht und auch nicht zugelassen sind.
Was Influencer und Hersteller verschweigen: Diese Mittel bergen zum Teil massive Gesundheitsrisiken wie Zittern, Nachtschweiss, Übelkeit, Kämpfe, unkontrollierte Hustenanfälle, Libidoverlust, sexuelle Funktionsstörungen bis hin zu Schlaganfällen und Herzinfarkt mit Todesfolge.
Tabletten statt Spritzen senken Hemmschwelle
Steroide können abhängig machen. Rund 30 Prozent der Konsumierenden entwickeln eine Sucht – das ist mehr als bei Heroin, Kokain oder Alkohol. Studien zeigen ausserdem: Konsumenten werden deutlich häufiger wegen Gewaltverbrechen verurteilt, müssen sich doppelt so oft mit Antidepressiva oder anderen Psychopharmaka behandeln lassen und haben ein dreifach erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zur Gesamtbevölkerung.
Viele dieser Mittel werden gespritzt, nicht aber die sogenannten SARMs (Selektive Androgen Rezeptor Modulatoren). Diese können als Tabletten oder flüssig eingenommen werden. «Das senkt die Hemmschwelle», sagt Adrian. SARMs überschwemmen seit kurzem den Markt und wirken wie Steroide: Sie steigern und definieren die Muskelmasse und bauen Fett ab.
SARMs sind experimentelle Wirkstoffe zum Muskelaufbau, die für Menschen nicht zugelassen sind. Sie aktivieren Androgenrezeptoren in Muskeln und wirken ähnlich wie Testosteron. Dabei greifen sie jedoch in den Hormonhaushalt ein und können Nebenwirkungen wie Leberschäden oder hormonelle Störungen verursachen; Langzeitfolgen sind unklar.
Dopingsperre als weitere Nebenwirkung
Wie Adrian tappen viele Jugendliche in diese Falle – mit schwerwiegenden Folgen. Denn die Substanzen stehen auf der Liste der verbotenen Mittel der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Derzeit wird in der Schweiz jede dritte wegen Dopings gesperrte Person sanktioniert, weil sie ein solches Mittel im Internet bestellt hat und die Sendung am Zoll abgefangen wurde.
Die Fälle ähneln sich: Meistens sind es junge Männer Anfang zwanzig, die wegen Dopings gesperrt werden – ein Radballspieler, zwei Kickboxer, ein Handballer, ein Badmintonspieler, dazu zahlreiche Fussballer aus unteren Ligen. Was sie gemeinsam haben: Sie alle sind keine Profisportler.
Im Wochentakt spielt sich am Zoll dasselbe Szenario ab: Ein Paket mit einer verbotenen Substanz wird abgefangen und an Swiss Sport Integrity weitergeleitet. Die nationale Antidoping-Organisation überprüft, ob der Empfänger über eine Lizenz bei einem Sportverein verfügt. Der junge Sportler wird daraufhin über einen möglichen Verstoss gegen die Anti-Doping-Regeln informiert – mit Sanktionen von bis zu vier Jahren Sperre.
Schweizer Doping-Behörde schlägt Alarm
Wie Adrian bestellten sie diese Substanzen nicht, um sich im Sport einen Vorteil zu verschaffen, oder andere zu betrügen. Sondern, um einfacher Muskeln aufzubauen, mehr Energie zu haben, Frauen zu gefallen, um im Alltag leistungsfähiger zu sein, oder um Potenzprobleme zu bekämpfen.
Zwischen 2024 und 2025 stieg die Anzahl der Sperren im Zusammenhang mit Bestellungen von ‹Wundermitteln› um sechs Prozent. 2025 waren zwei Drittel der Dopingsanktionen auf abgefangene Pakete zurückzuführen – und nicht etwa auf positive Tests, wie Swiss Sport Integrity mitteilt. Auch das erste Quartal 2026 zeigt einen Anstieg der Beschlagnahmungen.
Besondere Sorgen bereitet SSI, wie viele Minderjährige davon betroffen sind. Die Sportler würden damit zu «menschlichen Versuchskaninchen».
Trotz der dramatischen Erfahrung will Adrian auch in Zukunft nicht ganz auf die Wundermittel aus dem Internet verzichten. Selbst ein Aufenthalt in der Notaufnahme und Todesangst halten den jungen Mann nicht davon ab. Zu verlockend sind die Versprechungen eines perfekten Körpers. (bzbasel.ch)

