Telefonphobie nimmt zu: Spontane Anrufe als neue Mutprobe der Gen Z
Die Anzahl der Menschen, die ungern telefonieren, wächst. Besonders in der Gen Z, aber auch unter Millennials ist die Scheu vor dem unmittelbaren Stimmaustausch weit verbreitet, was sowohl Tiktok-Anekdoten als auch Studien aufzeigen.
2024 gaben 23 Prozent der 18- bis 35-Jährigen in einer Umfrage eines UK-Mobilanbieters sogar an, niemals ein Telefonat anzunehmen. Textnachrichten wurden von 61 Prozent bevorzugt. Wenn ein Telefonat unvermeidbar wäre, wünschen sich 68 Prozent zudem eine Vorwarnung.
Bei den Ü55-Jährigen sieht das ganz anders aus: Fast neun von zehn gaben das Telefonat als liebstes Kommunikationstool an. Die Kluft zwischen Generationen wird selten so sichtbar, wie, wenn das Telefon klingelt. Was steckt hinter der Angst vor dem Anruf?
Marco Schneider ist Psychotherapeut. Er und sein Praxisteam von «100fears» sind auf Angststörungen spezialisiert. Wir sprachen mit ihm über den Stress eines Anrufs – natürlich telefonisch.
Woran erkennt man «Telefonier-Ängstliche»?
Marco Schneider: Typisch ist ihre Furcht, beim Telefonieren in eine verunsichernde Situation zu geraten, sei das bei Krankmeldungen oder dem Anruf beim Vermieter. Betroffene haben aber oft nicht nur Angst anzurufen, sondern auch angerufen zu werden, vor allem von anonymen Nummern. Auch die Angst, vor Dritten zu telefonieren, ist verbreitet. Manchen reicht schon ein Telefonklingeln, um Stress zu fühlen. Ein Klassiker ist das stundenlange Nachdenken vor einem anstehenden Telefonat und das intensive Grübeln hinterher.
Ab wann spricht man von Telefonphobie?
Wenn es eine klinisch relevante Störung ist, gehört sie zu den sozialen Phobien nach ICD-10 F40.1 (Anm. der. Red. Internationale Klassifikation von Diagnosen) dazu. Erst nach dieser Diagnose erstatten Krankenkassen Behandlungskosten. Dafür muss die Angst unverhältnismässig stark sein und zu erheblichem Leiden führen, also eine tiefgreifende Auswirkung auf den Alltag haben. Dann müssen körperliche Symptome hinzukommen.
Welche sind das?
Physiologisch wirkt sich die Panik vor allem auf das Herz-Kreislauf-System aus. Die Betroffenen erleben Herzrasen und Schweissausbrüche, Erröten ist typisch, dazu kann ein trockener Mund kommen, Zittern und Übelkeit.
Was spielt sich im Kopf ab?
Ständige Selbstbeobachtung und Selbstbewertung. Betroffene verurteilen sich im Vorfeld, nach dem Motto: «Niemals bekomme ich das hin, ich werde einen Blackout erleben.» Sie fürchten sich vor Gesprächspausen und können selbst während des Telefonats nur an ihr Scheitern denken. Im Anschluss wird jedes Wort selbstkritisch durchgegangen.
Mit dem Ergebnis?
Klassischerweise schieben Betroffene Telefonate auf oder versuchen sie ganz zu vermeiden. Dabei investieren sie viel Zeit, um alternative Kontaktmöglichkeiten zu finden. Kommt all das zusammen, kann man sagen: Das ist mehr als eine Abneigung gegen das Telefonieren. Das hat die Qualität einer psychischen Erkrankung.
Kommt es vor, dass ein Mensch überall zurechtkommt und nur das Telefonieren hasst?
Es ist eher selten, dass jemand sehr selbstsicher ist, aber beim Telefonieren die Fassung verliert. Experten unterscheiden zwischen spezifischer und generalisierter sozialer Phobie. Bei letzterer gibt es immer gleich mehrere Bereiche des Lebens, in denen sich jemand unsicher fühlt. Die Telefonphobie ist eher so ein Teilbereich.
Welche Angst steckt dahinter?
Soziale Bewertungsängste oder lapidar ausgedrückt: die Angst, sich zu blamieren. Beim Telefonieren wird diese Sorge verstärkt, weil ein Eins-zu-Eins-Austausch passiert und man das Gespräch nicht kontrollieren kann.
Auch bei Textnachrichten entstehen Missverständnisse.
Dort fühlen sich junge Menschen aber sicher. Telefonieren ist hingegen ein ungelerntes Handwerk. Abnehmen, begrüssen, sich vorstellen, ins Gespräch überleiten – das haben frühere Generationen täglich geübt, die Gen Z aber nicht.
Ist die Angst vor dem Telefonieren also typisch Gen Z?
Laut Umfragen versucht jeder Fünfte zwischen 12 und 19 Jahren, Anrufe zu vermeiden. Es gibt auch eine JIM-Studie, die zeigt, dass nur fünf Prozent in dieser Altersgruppe das Handy zum Telefonieren nutzen, aber 84 Prozent für WhatsApp. Und wenn wir noch einmal über den Zusammenhang mit sozialen Phobien sprechen, fällt auf, dass die 14- bis 20-Jährigen überdurchschnittlich oft betroffen sind. 17 Prozent von ihnen haben soziale Phobien, solche Zahlen haben wir in der Gesamtbevölkerung bei weitem nicht.
Fast jede Firma bietet Chat-Funktionen an, um Kundinnen und Kunden entgegenzukommen. Ist das gut?
Das führt eher in einen Teufelskreis aus mangelnder Übung und daraus resultierender Angst. Man fühlt sich unsicher, vermeidet das Telefonieren. Und wenn man es vermeidet, kann man nie Sicherheit aufbauen.
Müssen sich Ängstliche also «nur» öfter überwinden?
Wenn die Ängste nicht so ausgeprägt sind, würde ich tatsächlich empfehlen, bewusst mehr zu telefonieren. Im Prinzip ist das auch der Weg in der Therapie, nur dass man vorher ansetzt.
Wie sieht das aus?
Soziale Ängste leben davon, dass wir uns selbst beobachten und Angstsymptome viel stärker wahrnehmen. Betroffene denken, das Gegenüber würde diese Symptome auch bemerken, wodurch sich das Problem verstärkt. Gemeinsam versuchen wir daher, die Aufmerksamkeit weg von sich selbst und hin zum Gegenüber zu lenken. Am Telefon geht es etwa darum, sich auf die Stimme der anderen Person zu konzentrieren und auf den Gesprächsinhalt, anstatt auf das eigene Herzklopfen oder kleine Versprecher.
Und dann?
Dann müssen Gedankengänge hinterfragt werden: Würdest du dein Gegenüber für inkompetent halten, wenn er kurz stottert? Im Perspektivwechsel merken Betroffene oft, dass sie sich unnötig streng bewerten. Und ganz am Ende steht ...
... telefonieren?!
Ja. Zuerst mit Notizen, dann immer freier. In der Behandlung von Angststörungen kann schrittweise Exposition helfen. Wir schauen: Was würde dir am leichtesten fallen, was am schwersten? Vielleicht bestellt man erst eine Pizza per Telefon, danach ruft man beim Finanzamt an und zuletzt kommt das Gespräch mit dem Chef.
@krisenchat Telefonangst überwinden?? Um bisschen gegen meine Angst vorm Telefonieren anzukämpfen, habe ich mich ihr gestellt und eine willkürliche fremde Nummer angerufen, um mit der unbekannten Person ein (hoffentlich) nettes Gespräch zu führen. #fy #telefonangst #telefonieren #mentalhealth #anxiety #krisenchat #konfrontationstherapie #konfrontation #angst ♬ Originalton - krisenchat
Und danach?
Wenn man geübt ist, kann man «Shame Attack»-Übungen machen, in denen man sich mit Absicht lächerlich macht. Nicht mit dem Ziel, sich zu schämen, sondern um das Immunsystem gegen Peinlichkeit zu stärken. Die Erfahrung: «Selbst wenn ich mich mal peinlich verhalte, passiert nichts Schlimmes», mindert Ängste.
Was sind Ursachen für diese enorme Angst, vor anderen zu scheitern?
Häufig steckt dahinter eine generelle Selbstunsicherheit. Das ist ursächlich für viele soziale Phobien. Jeder Mensch hat Lernerfahrungen in seiner Biografie, die sein Verhalten prägen. Wenn die Eltern überkritisch waren, schadet das dem Selbstbild. Aber auch bei überfürsorglichen Eltern lernen Kinder nicht, mit ihren Fehlern souverän umzugehen. Es gibt zudem sozial ängstliche Eltern, die selbst alle möglichen Situationen vermeiden und diese Ängstlichkeit übertragen.
Ab welchem Punkt würdest du zu Therapie raten?
Sagen wir mal, du traust dich nicht, einen Bekannten anzurufen, um herauszufinden, wann seine Geburtstagsfeier startet, und gehst lieber gar nicht hin. Dann ist das ein Vermeidungsverhalten, welches dein Leben einschränkt. Da würde ich empfehlen, Hilfe zu suchen. Tendenziell sind Angststörungen mit kognitiver Verhaltenstherapie gut behandelbar. Und: Meist kann man Anlaufstellen kontaktieren, ohne anzurufen.
