5 krasse Erkenntnisse aus der Doku «Trust Me: The False Prophet»
Eine neue Netflix-Serie dokumentiert über Jahre hinweg die Machenschaften eines Mannes namens Samuel Bateman. Dieser profilierte sich als Prophet innerhalb der Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (FLDS) und heiratete mutmasslich rund 20 Frauen und Mädchen. In der Kirche muss ein Mann mehrere Frauen haben, die sich ihm unterordnen, um die höchste Form der ewigen Erlösung zu erreichen.
Hier kommt Christine Marie ins Spiel: Zusammen mit ihrem Mann Tolga Katas zog sie im Jahr 2017 nach Utah und wurde schnell auf das Leiden der Frauen aufmerksam. Sie selbst war jahrelang Teil der mormonischen Kirche und wusste sofort: Diese Frauen brauchen ihre Hilfe. Also freundete sich mit ihnen an und schaffte es auch, das Vertrauen von Bateman zu gewinnen. Dieser erlaubte ihr und ihrem Mann schliesslich, ihn mit der Kamera zu begleiten und so ist diese Dokumentation entstanden.
FLDS ist eine Abspaltung der mormonischen Kirche. Einer ihrer bekanntesten Anführer ist Warren Jeffs, der seit 2006 in Haft sitzt. Trotzdem gilt er für viele Anhänger noch immer als Prophet.
Was Marie und Katas in «Trust Me: The False Prophet» aufdecken, sind beunruhigende Schilderungen von Manipulation, institutioneller Vernachlässigung aber auch weibliche Tapferkeit und Widerstandskraft.
Samuel Bateman etablierte sich sehr schnell als Anführer
Nach der Verhaftung von Warren Jeffs wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen im Jahr 2011 stand die Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage plötzlich ohne Anführer da.
Für die hinterbliebenen Frauen und Kinder gab es keine Unterstützung. Viele von ihnen sind in einer Welt aufgewachsen, in der der Gehorsam gegenüber einem Propheten die Grundlage des täglichen Lebens bildete. Ohne Anführer waren sie hilflos.
Samuel Bateman füllte diese Lücke mit beunruhigender Leichtigkeit. Bemerkenswert ist, dass er anfangs kein prominentes Mitglied der Gemeinde war und es dennoch schaffte, innerhalb nur eines Jahres aufzusteigen und zahlreiche Anhänger zu finden. Er behauptete, Jeffs sei im Gefängnis verstorben, und seine göttlichen Botschaften würden nun durch ihn fliessen.
Als er verhaftet wurde, hatte Bateman Berichten zufolge über 20 Ehefrauen – viele von ihnen waren minderjährig, die jüngste war Berichten zufolge ein neunjähriges Mädchen. Der Dokumentarfilm legt nahe, dass es bei diesen sogenannten Ehen nicht um Glauben, sondern vielmehr um Macht ging. Es entstand ein System, in dem es nahezu unmöglich war, Batemans Autorität infrage zu stellen.
Mehrere Systemfehler
Nach mehreren Jahren des Filmens dachten Christine Marie und ihr Ehemann, dass sie genug Beweise gegen Bateman gesammelt hatten. 2021 nahmen sie Batemans Geständnis auf Tonaufnahmen auf. «Ich dachte, wir haben es. Nicht nur gibt er alles zu, wir haben ausserdem die Opfer, die alles bestätigen. Was brauchen wir mehr?», erzählt Marie in «Trust Me: The False Prophet».
Doch als sie zur Polizei ging, wurde ihr gesagt, dass die Beweise für eine Verhaftung nicht ausreichten. In der zweiten Folge der Dokumentation kommt Sergeant David Wilkinson zu Wort und erklärt seine Sicht der Dinge:
Die Worte von Wilkinson sind sehr unglücklich gewählt und zeigen, dass die Polizei die Beweise, die ihr auf dem Silbertablett präsentiert wurden, lange nicht ernst nahm.
Das war aber nicht das letzte Mal, dass der Staat in diesem Fall versagte. Nach Batemans Verhaftung im Jahr 2022 wurden alle minderjährigen Ehefrauen in der gleichen Unterkunft untergebracht. Leichtes Spiel für Bateman: Vom Gefängnis aus organisierte er eine Entführung und schaffte es, dass acht Minderjährige aus staatlicher Obhut verschwanden. Glücklicherweise konnten schliesslich alle wiedergefunden und in verschiedenen Pflegefamilien untergebracht werden.
Christine Marie und Tolga Katas hielten jahrelang ihre Tarnung aufrecht
Als Christine Marie und ihr Ehemann Tolga Katas in Utah ankamen, war es ursprünglich nicht ihr Ziel, eine Sekte zu infiltrieren und deren Anführer zu Fall zu bringen. Sie wollten einfach nur einer zerrütteten Gemeinschaft helfen. Erst nach und nach erkannten sie, was Bateman tat. Sie schafften es, sein Vertrauen zu gewinnen und schliesslich genug Beweise für seinen Missbrauch und seine Verbrechen zu sammeln.
Marie ist Expertin für Sektenpsychologie, was ihr die Fähigkeit verlieh, zu den Frauen in Batemans Umfeld eine Verbindung aufzubauen. Unter dem Vorwand, seine Botschaft zu verbreiten, konnte das Paar Bateman davon überzeugen, sein Leben mit der Kamera dokumentieren zu lassen.
Die Video- und Tonaufnahmen waren im Gerichtsprozess gegen Samuel Bateman zentrale Beweise, denn sie dokumentierten seine Geständnisse. Die Bereitschaft von Marie und Katas, jahrelang die Fassade aufrechtzuerhalten, obwohl sie Zeugen zutiefst beunruhigenden Verhaltens wurden, ist bemerkenswert.
Der Überlebenskampf der Opfer gibt Hoffnung
Laut der Dokumentation war rund die Hälfte von Batemans Ehefrauen minderjährig. Und es war nicht einfach, sie alle davon zu überzeugen, wer Bateman wirklich ist. Doch schliesslich realisierten viele der Mädchen, was ihnen widerfahren war. Bei den erwachsenen Frauen war dies weniger der Fall. Regisseurin Rachel Dretzin sagt gegenüber Netflix:
Besonders die Geschichten von Julia, Moretta und Naomi bieten inmitten dieser düsteren Ereignisse wenigstens einen Funken Hoffnung. Julias Entscheidung, Bateman den Rücken zu kehren, bedeutete, sich ihrem eigenen Ehemann direkt entgegenzustellen. Sie war mit Moroni Johnson verheiratet, einem der ersten Anhänger Batemans. Ihre beiden Töchter wurden als Minderjährige gezwungen, Batemans Ehefrauen zu werden.
In der Dokumentation erinnert sich Julia daran, Folgendes zu ihrem Mann gesagt zu haben:
Julias Tochter Moretta und eine weitere Ehefrau namens Naomi waren die einzigen zwei erwachsenen Frauen, die vor Gericht gegen Bateman ausgesagt haben. Dies, obwohl sie aufgrund ihrer Beziehung zu ihm ebenfalls wegen Entführung verhaftet und verurteilt wurden.
Seit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis (sie sass ein Jahr) hat sich Moretta vollständig von der FLDS-Community losgelöst, geheiratet und eine Familie gegründet.
Der Einfluss von Samuel Bateman geht weiter
Im Dezember 2024 wurde Samuel Bateman zu 50 Jahren Haft verurteilt. Zu seinen Straftaten zählen die Anstiftung zur Verschleppung einer Minderjährigen zum Zweck krimineller sexueller Handlungen sowie die Anstiftung zur Entführung.
Doch das hindert Bateman nicht daran, seinen Einfluss weiterhin auszuüben. Am Ende der Dokumentation merkt Dretzin an, dass einige seiner Ehefrauen immer noch zu ihm aufschauen:
Die ernüchternde Erkenntnis der Dokumentation ist, dass eine Inhaftierung allein den psychologischen Einfluss, den Personen wie Bateman ausüben, nicht brechen kann. Die überwiegende Mehrheit der Erwachsenen in seinem Umfeld ist ihm weiterhin treu.
Die vierteilige Dokumentation «Trust Me: The False Prophet» ist auf Netflix verfügbar.
