Laura Poitras: «Mein Oscar war ein riesiges ‹Fuck You!› an die US-Regierung»
Wenn Sie aus dem Fenster schauen und das traurige Chaos betrachten, das aktuell Amerika darstellt, fühlen Sie sich dann frustriert, wütend oder zum Widerstand angestachelt?
Laura Poitras: Ich bin wirklich wütend. Ich beschäftige mich schon so lange kritisch mit der amerikanischen Regierung, mit ihren Aktivitäten in Übersee, ihren selbstgewählten Kriegen – und rückblickend haben sie sich immer als Katastrophen erwiesen. Es ist schwierig, die Hoffnung nicht zu verlieren.
Mir fallen zwei Hoffnungsträger ein. Der eine ist der bald 89-jährige Investigativ-Journalist Seymour Hersh, der 1969 das Massaker von My Lai und 2004 den Folterskandal von Abu Ghraib aufarbeitete. Sie porträtieren ihn in Ihrem aktuellen Film «Cover-Up». Und bei den Anti-Trump-Demonstrationen in den USA ist die prominenteste Aktivistin die 88-jährige Jane Fonda.
Damit bin ich völlig einverstanden, diese Generation hat eine historische Weitsicht, erkennt die Zusammenhänge und verbreitet tatsächlich Hoffnung. Aber auch die Jungen machen mir Hoffnung. Wenn ich mir die Proteste gegen die Terrorherrschaft von ICE anschaue, dann sehe ich so viele junge Menschen, die sich organisieren, die protestieren, die ihre Nachbarn beschützen und die Vergehen von ICE dokumentieren und der Welt zugänglich machen.
Im Gegensatz zu klassischen Medien wie etwa der «Washington Post»?
Absolut! Aber da gebe ich ausnahmsweise Jeff Bezos die Schuld, nicht Donald Trump. Das ist dieser Club der Milliardäre, die versuchen, die Welt zu regieren. Ich verstehe nicht, wieso man die gute alte «Washington Post» an Bezos verkaufen konnte, der damit reich wurde, dass er unseren Einzelhandel zerstört hat. Er hat keinerlei Erfahrung mit Journalismus und ruiniert jetzt ein grosses Medienunternehmen. In anderen Ländern gibt es keine Pressefreiheit, bei uns schon, sie ist im First Amendment festgeschrieben, und ich verstehe nicht, wieso die Presse diese nicht nutzt, sondern sich vor den Mächtigen verbiegt und Selbstzensur übt.
Ihre Themen sind Überwachung, der sogenannte Krieg gegen den Terror, der selbst nichts als Terror hervorzubringen scheint, und wie Menschen belogen und getäuscht werden. Hat das Ausmass an Lügen, Verwirrung und Täuschung unter der derzeitigen Regierung zugenommen?
Ich bin mir nicht sicher, dass es zugenommen hat. Es gehört zu einem amerikanischen Muster: Über seine Kriege zu lügen, hat eine lange Tradition in diesem Land. Erst wird Gewalt verübt, dann herrscht Straffreiheit. Niemand wird zur Rechenschaft gezogen. Was unter Trump jedoch neu ist, sind diese schamlosen Vollgas-Attacken auf Institutionen, das ist beängstigend.
Ihr Motto als Dokumentarfilmerin ist sehr kurz: Fakten zählen.
Ja, ja, ja! Fakten zählen! Und: Ich will Menschen zeigen, die durch eine direkte Handlung, durch Whistleblowing oder durch Journalismus etwas verändern. Das inspiriert mich. Etwa die Künstlerin Nan Goldin: Sie nutzte ihren grossen Einfluss in der Kunstwelt, um etwas wirklich Erstaunliches zu tun. Sie zerstörte Namen und Ruf der Pharma-Dynastie Sackler, die zwei Jahrzehnte lang mit dem Verkauf des stark süchtig machenden Schmerzmittels OxyContin Massenmord betrieben und damit Milliarden verdient hatte. Das war kein Geheimnis. Doch die Sacklers hatten sich reingewaschen, indem sie wohltätig waren und viel Geld in die Kunstwelt, besonders in Museen investierten. Nan Goldin brachte sie zu Fall. Sie hat alle Scham von den Opfern genommen und wirkungsvoll auf die Sacklers und die Museen zurückgeworfen, auf die Profiteure (zu sehen in Poitras' Film «All the Beauty and the Bloodshed»).
Darf ich auf die Fakten zurückkommen? Fakten lassen sich ja heutzutage leicht manipulieren. Macht Ihnen das Angst?
Ja natürlich, das ist alles sehr alarmierend. Ich bin eine Filmemacherin, die faktenbasiert und mit Archivmaterial arbeitet. Ich muss extrem wachsam sein, damit ich weiss, ob ich meinem Material trauen kann oder nicht. Denn es ist so: Bilder können alles verändern. Und wir müssen sehr sorgfältig damit umgehen.
Apropos Bilder, die etwas verändern: Wie haben Sie als professionelle Dokumentarfilmerin die Bilder aus Minneapolis wahrgenommen? Als wir Zeugen wurden, wie Renée Good und Alex Pretti hingerichtet wurden?
Die Aktivistinnen und Aktivisten, die dies mit ihren Handkameras festhielten und verbreiteten, haben eine unglaublich wichtige Arbeit vollbracht. Wir hätten nichts von den Exekutionen erfahren, hätten nie gesehen, wie ein ICE-Mitarbeiter Alex Pretti von hinten erschoss, wenn es diese Videos nicht geben würde. Die Aktivisten haben selbst ihr Leben riskiert, als sie die Attentäter dokumentierten. Das ist Zivilcourage und Ziviljournalismus und unendlich wichtig für den Widerstand gegen die Regierung. Auch über die Ermordung von George Floyd in Minneapolis wissen wir nur Bescheid, weil eine junge Frau ihr Handy hervorgenommen und gefilmt hat.
Nach Ihrem Film «My Country, My Country» über die Folgen der amerikanischen Invasion im Irak wurden Sie auf eine Terroristen-Beobachtungsliste gesetzt. Sie galten als Terroristin höchster Stufe und wurden so lange schikaniert, bis Sie nach Berlin ins Exil gingen. Was gab Ihnen die Kraft, niemals aufzugeben?
Als ich 2006 erfahren habe, dass ich auf dieser Beobachtungsliste stehe, fällte ich eine Entscheidung: Ich würde mich nicht von meiner Arbeit abhalten lassen. Ich weigerte mich. Ich bin Journalistin, aber auch Künstlerin, und in der Kunst geht es darum, einen Ausdruck für seine Gefühle zu finden. Meine Arbeit ist immer auch mein Ventil für meine Wut, meinen Zorn, meine Empörung darüber, was Amerika falsch macht. Wenn man aufgibt und sich seiner Verzweiflung überlässt, ist das auch ein Privileg.
Ein Privileg?
In «Cover-Up» gibt es diese eine Szene: Seymour Hersh telefoniert mit einer Informantin in Gaza. Sie sagt: «Meine Freunde sterben. Ich kann sie jetzt nicht verlassen.» Man kann es sich nicht leisten, seine Hoffnung aufzugeben. Man muss weiterkämpfen, daran glauben, dass ein Wandel möglich ist. Wenn wir eine Katastrophe einfach geschehen lassen, dann werden die Folgen auch die Zukunft mitgestalten.
Die Grundlage Ihrer Arbeit heisst Vertrauen. Zwischen Ihnen und Ihren Quellen. Was ist Ihr Rezept?
Quellenschutz ist alles. In «Cover-Up» wird das zum Thema: Seymour Hersh weigerte sich zwanzig Jahre lang, mit uns zu arbeiten, weil er uns nicht vertraute. Dann vertraute er uns zwar theoretisch, aber es war für ihn so schlimm, als wir in seinen alten Notizbüchern wühlten und ihm unbequeme Fragen stellten, dass er den Dreh ganz abbrechen wollte.
Wussten Sie damals schon, dass der Film auf Netflix laufen wird?
Nein, wir hatten keine Ahnung. Netflix kaufte den Film sofort nach unserer Premiere am Filmfestival von Venedig und verlangte keine einzige Änderung, es war eine enorm positive Erfahrung. Jetzt läuft er in 190 Ländern und in Dutzenden von Sprachen.
Sie selbst vertrauen Ihren Quellen ja auch nicht immer. Oder wie war das, als ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter namens Edward Snowden Sie am 17. Januar 2013 zum ersten Mal kontaktierte und mit Ihnen über das Überwachungs- und Spionagenetzwerk der NSA reden wollte?
Er kontaktierte mich damals in Berlin per E-Mail und unter wechselnden Pseudonymen, eines davon war Citizenfour. Mein Bauchgefühl glaubte ihm sofort, ich dachte: Das ist ein Whistleblower, der sich in unglaublicher Gefahr befindet und dem ich trauen kann. Und dass ich unfassbar vorsichtig sein muss. Er riskierte nicht nur sein Leben, er riskierte auch meins.
Und was sagte Ihr Kopf?
Mein Kopf sagte mir: Achtung, das könnte eine Falle des FBI sein. Das FBI blickt auf eine lange Geschichte der Infiltration und der Verleitung zu Straftaten zurück, wenn es um Dissidenten und Systemkritiker geht. Zu jener Zeit arbeitete ich auch mit Julian Assange (für den Film «Risk»). Und ich hatte Information erhalten, dass die CIA plante, mich in Berlin aus dem Verkehr zu ziehen und zu verhaften. Die dritte Möglichkeit war, dass es sich bei meinem Informanten einfach um einen jener vielen Verrückten handelte, die mit mir in Kontakt treten.
Und dann beschlossen Sie, alles zu riskieren.
Ja. Ich konnte nicht nichts tun.
Das Resultat war, dass Sie gemeinsam mit dem Journalisten Glenn Greenwald nach Hongkong zu Snowden reisten und sein Whistleblowing mit ermöglichten und dokumentierten. Schliesslich kehrten Sie mit einem Pulitzer Prize für einen besonders wertvollen «Dienst an der Öffentlichkeit» und einem Oscar für Ihren Film «Citizenfour» nach Amerika zurück.
Damit hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet, das war eine Riesenüberraschung, ich hatte mit anderen Möglichkeiten gerechnet, eine davon war, dass ich für diesen Film ins Gefängnis komme. Aber ich glaube immer an die Arbeit. Und die Arbeit ist wichtiger als die Angst.
Aber hat Ihnen der Oscar dabei geholfen, wieder ein gewisses Mass an Freiheit und Würde zurückzugewinnen?
Er war ein riesiges «Fuck you!» an die Regierung, darauf war ich stolz, ich glaube, restlos alle dort hatten auf einen anderen Ausgang der Oscar-Verleihung gehofft. Es war ein Sieg: für Snowdens Entscheidung, für den Enthüllungsjournalismus, fürs Filmemachen, für eine kritische Berichterstattung über die Regierung. Es war ein Sieg und ich bin stolz darauf.
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