Wunderschöner Schweizer Film zeigt: Leben nach dem Klimawandel ist möglich
Jonah hat einen harten Job: Er ist Ersatz. Ersatz-Vater, Ersatz-Sohn, Ersatz-Lover, Ersatz-Bulimiker. Man kann ihn buchen, er übernimmt dann die Rolle eines Menschen, der einem anderen Menschen gerade fehlt. Gegen Bezahlung spielt er soziale Kontakte, füllt Leerstellen. Ein Job, für den man eigentlich gefühlstot sein müsste. Jonahs Welt ist ebenfalls ein Ersatz. Die Nacht ersetzt jetzt den Tag. Alles Leben findet nach Dunkelheit statt. Tagsüber ist Jonahs Stadt menschenleer und still.
Der Klimawandel ist vollzogen. Die Sonne hat gesiegt. Und sie ist so unerträglich mächtig geworden, dass man sich ihr nur noch in Schutzanzügen aussetzen darf, weil die Haut sonst sofort verbrennt. Kurz vor Sonnenaufgang mahnt eine Lautsprecher-Stimme die Menschen: «Liebe Bürgerinnen und Bürger, die Sonne geht bald auf. Wir möchten alle Kinder und älteren Menschen daran erinnern, nach Hause zu gehen und drinnen zu bleiben.»
Viele haben die hoffnungslos aufgeheizte Stadt verlassen, denen, die geblieben sind, droht Vereinsamung. Jonah (Levan Gelbakhiani) ist einer der gefragtesten Vereinsamungsbekämpfer.
Eines der Kinder, die tagsüber drinnen bleiben müssen und nachts zur Schule gehen, ist die neunjährige Nika (Maria Pia Pepe). Sie lebt mit ihrer Mutter in einer urbanen Betonlandschaft, überhaupt scheint die Stadt nur aus Betonsiedlungen zu bestehen. Nika ist eine schwermütige kleine Einzelgängerin und derart isoliert, dass sie im Schultheater die Sonne spielen muss. Diese glitzert zwar ungemein schön, muss angesichts der Umstände aber wohl als Strafaufgabe betrachtet werden.
Nikas Mutter engagiert Jonah, er soll ein bisschen Vater sein für Nika oder eher grosser Bruder, und zwischen den beiden beginnt eine hinreissende nächtliche Freundschaft, die an lauter verzauberte Orte führt. Etwa in einen Eulen-Shop, wo ein verwitterter Mann seine Eulen pflegt, grosse, kleine, majestätische oder verstrubbelte Vögel, die den Menschen mit Augen voller alter Weisheit zuschauen.
Die Zürcher Regisseurin Jacqueline Zünd hat bis jetzt Dokumentarfilme gedreht, wobei das falsch ist, es sind dokumentarische Essays, sorgfältige, poetische, atmosphärische Annäherungen an Scheidungskinder («Where We Belong»), einsame alte Männer («Almost There») oder Schlaflose («Goodnight Nobody»). Ihre Subjekte waren allesamt Menschen in Schwebezuständen – gefangen im Familienclinch, im ausrinnenden Leben, in einem Körper, der nicht still sein will.
Und jetzt also ein Spielfilm. Auf die Idee für Jonah gekommen ist sie bei der Arbeit zu «Almost There» in Japan, wo sie Agenturen für Ersatzmenschen kennenlernte («Rental Parents» heisst übrigens ein anderer aktueller Spielfilm, der sich ihnen widmet). Dem Thema Hitze wird sich auch ihr nächster Dokumentarfilm widmen. Im Spielfilm «Don't Let the Sun» stellt sie nun die Ersatzmenschen in den Dienst eines Lebens unter der Diktatur der Hitze. Fragt sich, wie soziales Leben in einer anderen Realität, die gar nicht so weit weg ist von der unseren, denn aussehen könnte. Beweist Kreativität statt Resignation angesichts des Unvermeidlichen.
Man müsste die Regisseurin dringend zwingen, bei der Fiktion zu bleiben, denn die Geschichte von «Don't Let the Sun», die sie gemeinsam mit Arne Kohlweyer geschrieben hat, ist derart ungewöhnlich und berührend, dass es nun wirklich nicht die letzte geblieben sein darf. Ganz abgesehen von ihrem Talent, Schauspielerinnen und Schauspieler zu finden: Maria Pia Pepe aus Neapel, die zum ersten Mal eine grosse Rolle spielt, und der Georgier Levan Gelbakhiani, der im letzten Sommer in Locarno den Preis als bester Schauspieler erhielt, wirken selbst wie zwei Eulen – Monumente der Eigenständigkeit, allwissend und mit Augen, die weit mehr gesehen haben, als dies ihrem Alter zumutbar ist.
Gedreht wurde übrigens in Mailand, Genua und São Paulo, all die Bilder, die nach retrofuturistischer Fantasiestadt aussehen, gibt es wirklich, Beton ist das Zentrum von Zünds Faszination. Und Tiere. Ausgestorbene und Eulen.
Doch Zünd fragt nicht nur, was wäre, wenn. Sie fragt auch danach, was diese neue Welt an neuen Bildern hervorbringen würde. Wenn die Sonne nicht nur mehr Hitze, sondern auch mehr Licht auf die Erde schiesst. So viel, dass jeder Tag nicht nur still, sondern auch knochenbleich wird. Wenn alle Farben, die wir für unser Wohlbefinden fast so dringend brauchen wie das Essen (es wird erfreulich gern gegessen in diesem Film), sich nur nachts entfalten können.
Vielleicht ist das Hauptmerkmal der Nacht ja die Unschärfe: Wenn Konturen und Farben sich auflösen und unseren Träumen den Weg bereiten. Wenn die Dunkelheit Menschen voneinander entfernt oder sie erst recht gemeinsam einschliesst. Wenn alles intimer wird. Und gefährlicher. Wenn wir, die Dinge und die Bilder zu schweben beginnen.
Es gibt Filme, mit denen möchte man sich alleine in die dunkelste Nacht der Welt verkriechen, um ihrer Schönheit ungestört nachzuhängen. «Don't Let the Sun» gehört nun zu ihnen.
«Don't Let the Sun» läuft ab dem 19. März im Kino.
«Almost There» gibt es aus Disney+ zu sehen.
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