«The Bride!»: Von diesen Monstern lernt man wahre Liebe und Lebenshunger
Die Frau heisst Ida und hat ein ungewöhnliches Tourette-Syndrom. Es mischen sich bei ihr derbe Flüche mit literarischen Zitaten. Unterscheiden kann man sie selten. Ida ist ein Escort-Girl. Ihr Widersacher ist der Mafiaboss Lupino, der in Einmachgläsern die Zungen von Frauen sammelt, die er zum Schweigen gebracht hat.
Wir sind in Chicago im Jahr 1936. Mit Ida und Lupino. Ida Lupino war eine britische Schauspielerin und Regisseurin, die in den 30er-Jahren zu arbeiten begann. Die Anspielung auf sie ist eines von tausend Eastereggs, welche die amerikanische Schauspielerin und Regisseurin Maggie Gyllenhaal in «The Bride!» versteckt hat.
Doch von vorn: Als Maggie Gyllenhaal «The Bride of Frankenstein» (1935) mit Boris Karloff sah, wunderte sie sich, dass die titelgebende Braut nur zwei Minuten lang vorkommt und kein Wort sprechen darf. Sie beschloss, eine punkige, radikal revitalisierte Neuinterpretation des Stoffs zu drehen. Netflix bot ihr dafür 80 Millionen Dollar, Warner 100, Gyllenhaal ging zu Warner – und verbrauchte am Ende doch nur 80 Millionen, eine geradezu schweizerische Budgetunterschreitung.
Sie engagierte Jessie Buckley als Braut, die beiden hatten schon in Gyllenhaals mehrfach oscarnominierten Regie-Debüt «The Lost Daughter» zusammengearbeitet. Christian Bale, den sie zu ihrem Frankenstein-Monster machte, kannte sie aus «The Dark Knight». Ihren Bruder Jake Gyllenhaal verwandelte sie in den feschen Filmstar Ronnie Reed, ihren Mann Peter Sarsgaard in einen Ermittler mit Vornamen Jake. Aus Penélope Cruz wurde die Detektivin Myrna Mallow, was ähnlich klingt wie Myrna Loy, die in «The Thin Man» (1934) hilft, ein Verbrechen aufzuklären (man beachte die Schuhe von Buckley und Cruz!).
Und dann schickte sie alle zusammen los in einen wilden Strudel aus Brutalität, Romantik und Rebellion. Der natürlich mit einem Todesfall beginnen muss.
Zu allen Ticks, von denen Ida (Jessie Buckley) besessen ist, mischt sich nämlich ein neuer, besonders gefährlicher. Die Schriftstellerin Mary Shelley (auch Jessie Buckley), die den Bestseller «Frankenstein» geschrieben hat, sucht Ida heim und nimmt von ihr Besitz. Es ist unklar, ob Ida durch die Hand von Lupinos Schergen stirbt oder ob es Mary Shelleys Geist ist, der sie eine Treppe hinunterstösst. Auf jeden Fall ist sie tot und das ist gut so.
Denn Frankensteins Monster (kurz: Frank) ist zur Einsamkeit verflucht und hatte seit seiner Geburt vor gut 120 Jahren keinen Sex. Er wünscht sich eine Gefährtin, die genauso von den Toten auferstanden ist wie er selbst. Eine tollkühne Ärztin (Annette Bening) hilft ihm beim Leichenraub und der Reanimation durch Elektrizität. Aus Ida wird die Braut, ein betörendes Wesen, dem eine schwarze Wiederbelebungs-Flüssigkeit Flecken ins Gesicht und auf den Körper geätzt hat – es könnte auch die Jenseits-Tinte von Mary Shelley sein.
Es ergibt sich eine grosse Liebe zwischen dem absolut rührenden Frank (wann hatte man Bale zuletzt von Herzen gern? Etwa noch nie?) und seiner Braut. Buckley, die in wenigen Tagen ihren Oscar für «Hamnet» gewinnen dürfte, und Bale sind überirdisch in ihrem neu gewonnenen Lebenshunger, sind mal kindisch, oft komisch, mal lasziv, dann tragisch und einander stets so leidenschaftlich zugetan, wie das die wenigsten lebendigen Liebespaare sind. Sie leben eine Folie à deux unter Outcasts, die zum Glück keine Sekunde lang an das komplett verunglückte Outcast-Filmmusical «Joker: Folie à Deux» erinnert (auch wenn der Kameramann derselbe ist).
Sie stürzen sich gemeinsam in die Stadt und ihre Vergnügungen, gehen ins Kino, gehen tanzen, fallen auf, werden wider Willen zu Verbrechern und Gejagten. Und zu Rebellen. Denn diese Braut schweigt nicht, sie klärt im Gegenteil lautstark über Lupinos Machenschaften und Femizide auf, gibt den Toten eine Stimme. Eine Bewegung entsteht. Die Braut ist jetzt für die Massen, was der Joker in «The Dark Knight» war, eine faszinierende Rächerin, doch im Gegensatz zum Joker ist sie weder zynisch noch amoralisch.
Immer mehr Filme mischen sich in Gyllenhaals Film, «The Dark Knight», «Bonnie and Clyde», Fred-Astaire-Filme, Detektiv-Filme, man kann all die Filme im Film gar nicht mehr auseinanderhalten. «The Bride!» ist genauso ein Stückelwerk wie Frankensteins Monster, und dann kommen auch noch die Schlagworte sozialer Bewegungen mit hinein, das «Me too!» von MeToo, das «I can't breathe!» von George Floyd. Es ist, als stünde man vor Niagara-Fällen aus Zitaten und weiss nicht genau, was sie ausdrücken wollen. Begeisterung für das alte Hollywood auf jeden Fall. Und sehr, sehr viel Wut.
«The Bride!» will regelrecht elektrisieren, aufrütteln, schockieren, mitreissen. Das gelingt, selten waren zwei Kinostunden derart kurzweilig und unterhaltsam, ist aber insgesamt schon mit eher grobschlächtigen Nähten und Klammern zusammengehalten. Ein geschmeidiges Kunstwerk ist das nicht. Aber ein wilder Totentanz. Ein Film wie ein Schrei durch die Nacht, eine Reanimation. Und ein Befehl, das Leben schon beim ersten Versuch mit allem Mut und aller Kraft zu leben. Denn einen zweiten gibt es nur in der Fiktion.
«The Bride!» läuft jetzt im Kino.
- «Marty Supreme»: Chalamet ist superb als Pingpong-Hochstapler, gebt ihm einen Oscar!
- Sie können 2026 auf einen Oscar hoffen: «Sinners» führt vor «One Battle After Another»
- Bei wem verstauben die meisten Academy Awards im Regal? Diese Stars halten Oscar-Rekorde
- Zwei australische Sexpötte machen «Wuthering Heights» zu «Wuthering Hot»
- «Game of Thrones»-Fans aufgepasst: Der erste Kinofilm kommt
