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Der böse Bauer in der Geisterstunde – eine Begegnung der unheimlichen Art

Nach einer Expedition zur Geisterstunde bei Vollmond schliessen wir nicht aus, dass es tief im Herzen der Schweiz an einem seltsamen Ort tatsächlich spukt. Eine Geschichte über eine Begegnung der unheimlichen Art bei der Unghürflue. Aber wir haben auch eine mögliche natürliche Erklärung für das geheimnisvolle Treiben.
22.11.2021, 06:4023.11.2021, 06:23

Diese wahre Geschichte spielt im Herzen der Schweiz. Dort, wo Oberaargau und Emmental sich über harte Nagelflühkämme hinweg in verschwiegenen, dunklen Wäldern seit Anbeginn der Zeiten die Hand reichen.

Es ist das Land, in dem so unterschiedliche Berühmtheiten wie Arno Del Curto und unser ehemaliges Staatsoberhaupt, Bundesrat Niklaus Schneider-Ammann leben und wirken.

Diese Geschichte hat, wie vieles im richtigen Leben, ihren Ursprung in einem Wirtshaus. In einer Gartenwirtschaft. Sommer 2021. Abendstimmung. Ni loup, ni chien. Weder Wolf noch Hund. So nennen sie im Welschland hinten diese wunderbare Abendstimmung, wenn es nicht mehr Tag aber auch noch nicht Nacht ist.

Ein Wort gibt das andere. Ganz im Sinne von Franz Hohlers Totemügerli.

Gäuit, wemer da grad eso schön binanger sitze, hani däicht, chönntech vilicht es bärndütsches Gschichtli erzelle. Es isch zwar es bsungers uganteligs Gschichtli, wo aber no gar nid eso lang passiert isch.

Hausi, ein älterer Mann, aufgewachsen auf einem abgelegenen Bauernhof und tief verwurzelt in eben dieser wilden Gegend erzählt die Geschichte. Und ist ganz verwundert, dass wir davon noch nie gehört haben. Er kennt sie von seinem Vater und der wohl auch von seinen Vorfahren. Eine Erzählung, von Generation zu Generation weitergegeben.

Also: Ein böser Bauer habe einst im Zorn ein Pferd und ein Fohlen über die Unghürflue in den Tod hinabgesprengt. Ja, ja ganz in der Nähe des Rastplatzes am Weg, der vom Vorder- zum Hinterarni führt. Nun müsse dieser Uflat zur Strafe jedes Mal, wenn der Vollmond am Himmel steht, das geschundene Fohlen über die Unghürflue wieder hinaufschleppen. Und wenn er fast oben angekommen sei, stürze er wieder zu Tal. «Ja, Ja» und «Ha, Ha» entgegen wir. Die Sisyphus-Sage ins heimische Brauchtum übersetzt. Cool.

Durch diesen Canyon an der Unghürflueh musste der Bauer angeblich sein Fohlen hinaufschleppen.
Durch diesen Canyon an der Unghürflueh musste der Bauer angeblich sein Fohlen hinaufschleppen.zvg

Aber Hausi mahnt zur Ernsthaftigkeit. Da sei was dran. Zwar habe noch nie jemand den zur ewigen Schinderei verdammten Bauern gesehen. Aber man könne ihn in hellen Vollmondnächten manchmal hören. Er wisse von ein paar Töfflibuben, die vorwitzig bei Vollmond der Sache nachgehen wollten. Sie seien vom unheimlichen Orte Hals über Kopf geflohen und einer habe sein Töffli liegen gelassen, weil er das Motörli nicht anlassen konnte und sei in Panik durch den Wittenbach hinab davongesprengt. Seine Kollegen hätten ihn tagelang nicht mehr gefunden und am Arbeitsplatz habe er am nächsten Tag gefehlt. „«Ja, Ja». «Ha, Ha».

Die Sache lässt mich dann doch nicht los. Ich finde zwar in der recht umfangreichen emmentalischen Sagen-Literatur und in Jeremias Gotthelfs Werken keinen Hinweis auf diese Geschichte mit dem bösen Bauern. Aber auf der nigelnagelneuen offiziellen Landeskarte des Bundesamtes für Landestopografie, Blatt 1148, gibt es für diesen Ort tatsächlich die Bezeichnung Unghürflue. Das ist ungewöhnlich. Denn es gibt in der näheren und weiteren Umgebung unzählige Flurnamen: Gustibisegg, Geissgratflue, Lushütte, Hornbach, Farnli-Esel, Süessegg oder Kessisbodenalp – aber keine einzige Bezeichnung, die auf Begegnungen der unheimlichen Art hinweise.

Es muss also wohl einen Grund haben, dass dieser Ort Unghürflue heisst. Was so viel bedeutet wie «Felsen des Ungeheuers». Und ich erinnere mich, dass meine Grossmutter einst gemahnt hatte, den Wittenachgraben solle man nach Sonnenuntergang meiden. Die Unghürflue finden wir zuhinterst im Wittenbachgraben. Also muss an der Sache was dran sein. Wie meine Grossmutter auch zu sagen pflegte: Es git no Sache änedra.

Warum diesem Geheimnis nicht auf den Grund gehen? Warum nicht als Ghostbuster bei Vollmond hinfahren und alles in Wort und Bild dokumentieren? Es heisst doch: Willst du ein Land kennenlernen, so stöbere in seinen Geschichten.

Das Vorhaben ist gar nicht so einfach umzusetzen. Alle haben Ausreden. Aber schliesslich ist die Expedition zusammengestellt. Wir sind zu viert. Marcel, ein pulverdampferprobter Frontfotoreporter der berühmten Agentur Keystone-SDA, meine Wenigkeit als Chronist und begleitet werden wir von Köbu, einem reichen Landesprodukte-Händler im Ruhestand und Milena.

An alles haben wir gedacht. Starke Taschenlampen, gutes Schuhwerk, robuste Kleidung. Die nächsten Angehörigen sind verständigt. Wahrlich, komme was da wolle. Wir sind gerüstet.

Vollmond im September 2021. Wir biegen von der Hauptstrasse ab, fahren durch den Wittenbachgraben, queren den Bach über die krumme Brücke und stellen schliesslich oben auf der Höhe, dort wo der Wald endet, das Allrad-Auto ab. Von hier zum Kamm der Unghürflue ist es nur noch ein Katzensprung. Fahles Mondlicht über einer hügeligen Landschaft, die meine Freundin aus der grossen Stadt selbst bei Tageslicht mit gehörigem Respekt «Wolfsland» nennt. Wie die «Mittelerde» aus den Erzählungen von J. R. R. Tolkien («Herr der Ringe»). Aber unheimlicher, schöner – und Wirklichkeit. Bald beginnt die Geisterstunde. Es kann eigentlich gar nicht anders sein: Die dunklen Wälder verbergen seit Anbeginn der Zeiten Geheimnisse. Äs git no Sache änädra.

Die Unghürflueh im Vollmondlicht.
Die Unghürflueh im Vollmondlicht.zvg

Richtig, die ganz grosse Frage ist: Spukt es bei der Unghürflue oder spukt es nicht? Gibt es den bösen Bauern? Ich wollte, wir könnten diese Frage für alle Zeiten mit «Ja» oder «Nein» beantworten. Aber wir vermögen es nicht. Obwohl wir bei unserer Expedition an alles gedacht haben. Wir bleiben bis nach 02.00 Uhr. Weil es ja sein könnte, dass der zur ewigen Verdammnis verurteilte Bauer nicht wissen kann, dass wir inzwischen die Sommerzeit eingeführt haben. Vielleicht geht er noch von einer Geisterstunde nach der alten Zeit aus. Dann wäre die Geisterstunde von 01.00 bis 02.00 Uhr.

Vollmond im September über der Unghürflueh.
Vollmond im September über der Unghürflueh.Bild: zvg

Also: den bösen Bauern haben wir nicht gesehen. Auch nicht, als wir mit unseren starken Taschenlampen überallhin leuchten. Diese Lichtquellen sind in einer hellen Mondnacht sowieso lächerlich. Es geht um etwas anderes: um die Beleuchtung einer Vollmondnacht während der Geisterstunde durch das Geräusch.

Wir brauchen einige Zeit, um uns an die Stille zu gewöhnen. Aber dann: Je intensiver wir lauschen, desto mehr glauben wir zu hören. Bald werden wir umschlungen von einer seltsamen Stimmung zwischen Wirklichkeit und Einbildung, Diesseitigem und Jenseitigem. Ja, da sind Geräusche, die wir nicht eindeutig den Geschöpfen der Nacht zuzuordnen vermögen. Irgendwie scheint es mir, als habe ich Byschte, Bäschte u Gruchsen gehört. So, wie wenn jemand etwas umefuget. Oder ist alles vielleicht doch nur Einbildung? Oder sind es bloss Tiere der Nacht?

Und als ich nachschauen will, ob die Geisterstunde schon um ist, lese ich auf dem Display meines Hosentelefons «Kein Netz». Abgeschnitten von der Welt da draussen. Wir könnten nicht einmal Hilfe herbei telefonieren. Daran haben wir gar nicht gedacht. Für einen Augenblick denke ich: Wir sind verloren, wenn es tatsächlich spukt und der böse Bauer kommt.

Hausi klärt uns ein paar Tage später auf, als wir ihm von unserer Expedition erzählen: Ja natürlich gebe es da oben keinen Netzempfang und viel Getier. Einen Wolf und einen Luchs habe er auch schon gesehen. Der Wolf sei ihm kürzlich bei nächtlicher Heimkehr geradewegs vors Auto gelaufen. Aber keine Sorge: nur ein Einzelgänger. Rudel gebe es da oben an der Unghürflue keines. Wolf? Luchs? Da bekomme ich nachträglich noch einmal Gänsehaut.

Hausi erklärt die Struktur der Ungführflueh.
Hausi erklärt die Struktur der Ungführflueh.zvg

Wir sind am helllichten Tag mit Hausi noch einmal hingefahren. Die Unghürflue ist auch bei Tageslicht ein unheimlicher Ort. Keine spröde Nagelfluh wie sonst überall in dieser Gegend. Sondern nackte, kompakter Fels. Und Köbu behauptet, er sei nach der Rückkehr von unserer Expedition am nächsten Morgen in seiner Jugenstil-Villa angezogen und noch in den schweren Schuhen auf der Polstergruppe in der Wohnstube aufgewacht. Er wisse nicht mehr, wie er dahin gekommen sei. Er könne sich an nichts mehr erinnern und er sei noch tagelang von seltsamen Kopfschmerzen geplagt worden. Nimmt uns Köbu auf den Arm? Inspiriert von Franz Hohlers Totemügerli?

Am angere Morge het ne ds Schtötzgrötzeler Eisi gfunge, chäfu u tunggig wien en Öiu, u es isch meh weder e Monet gange, bis er wider het chönne s Gräppli im Hotschmägeli bleike.

Es ist zwar nicht grad so, dass der Köbu an den Tagen nach unserer Expedition chäfu u tunggig wien en Öiu war und er konnte schon am nächsten Tag wieder s Gräppli im Hotschmägeli bleike und im Wirtshaus plagieren. Aber er hält partout an der Version fest, er wisse nicht mehr, wie er nach der Geisterstunde oben an der Unghürflue angezogen und in Schuhen aufs Sofa gekommen sei.

Wenn ich ganz ehrlich sein will, so muss ich sagen: irgendwie kann ich diese Geisterstunde bei der Unghürflue nicht mehr vergessen. Manchmal denke ich: Was, wenn ich einmal zur Strafe bei Vollmondnächten wiederkehren muss? Um dazu verurteilt werde, am Rande der Unghürflue bis zum jüngsten Tag während der Geisterstunde im fahlen Lichte des Vollmondes den SCB zu lobpreisen und alle Texte vorzulesen, bei denen ich als Chronist boshaft oder polemisch war oder ein bisschen geflunkert habe? Da würde ich dann doch lieber Monat für Monat bei Vollmond dem bösen Bauern helfen, das Fohlen die Unghürflue hinaufzufugen.

Eine mögliche Erklärung für den Spuk bei der Unghürflue

Viele unheimliche Erscheinungen der dritten Art haben eine natürliche Ursache. Das könnte auch bei Unghürflue-Spuk der Fall sein. Unten im Wittenbach steht die Waldhütte der Burgergemeinde Sumiswald. Von dort ist es zur Unghürflue hinauf etwa eine Stunde zu Fuss. Diese Waldhütte hat Kultstatus. In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren sind hier am gefühlten Ende der Welt zuhinterst im Wittenbachgraben die wildesten Partys gefeiert worden. Jeremias Gotthelf hätte geschrieben es sei gehudelt und wüst getan worden.

Im letzten Jahrhundert Schauplatz wilder Partys, heute verträumt und vergessen: Waldhütte der Burgergemeinde Sumiswald
Im letzten Jahrhundert Schauplatz wilder Partys, heute verträumt und vergessen: Waldhütte der Burgergemeinde Sumiswald zvg

Aus den wilden Party-Tigerinnen und -Tigern sind längst brave Staatsbürgerinnen und -Bürger geworden und die wilde ist in Vergessenheit geraten. Und gar mancher wird wohl sagen: Gut, ist gutes Gras über die Sache gewachsen.

Eine der vielen wilden Geschichten aus dieser Zeit geht so: Es war tiefer Winter. Einer sei beim Pinkeln in den Wittenbach gefallen. Nass und völlig durchfroren habe er sich das Bachbord hinauf in die Hütte zurückgeschleppt. Vor der Hütte brannte ein Feuer, um Seelen und Körper der Party-Gäste zu erwärmen. Er habe sich in der Hütte ausgezogen, um die nassen Kleider zu trocknen und sei bald eingeschlafen. Als er den Rausch ausgeschlafen hatte, fand er seine Kleider nicht mehr. Seine tüfusüchtigen Kumpels hatten seine Kleider verbrannt. Er sei dann halt, nur noch bekleidet mit Unterhosen und in Cowboystiefeln nach Hause gefahren und prompt in Sumiswald vorne in eine Polizeikontrolle geraten. Sein Billett habe er abgeben müssen.

Es sei immer wieder vorgekommen, dass Partygäste beim Wasserlassen ins Wasser gefallen seien. Wenn nun unten in der Waldhütte wüst getan und gehudelt worden ist, so sind die Geräusche im Talkessel aufgestiegen. Wenn jemand zufälligerweise oben an der Unghürflue stand, dann dürfte der Partylärm unheimlich getönt haben. Wenn beispielsweise ein in den Bach gefallene Pinkler byschtend, bäschtend und gruchsend das Bachbord hinaufgekrochen ist, so könnte das oben an der Unghürflue wahrhaftig getönt haben, wie wenn unten ein Bauer versucht, schwer atmend ein Fohlen hinaufzutragen.

Aus dem oberaargauer Monatsmagazin WURZEL

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