Wie sich der Dyson DC62 in mein Herz sog
Heute wohnt er unter dem Brünneli, in einem schmalen, offenen Fach. Wir haben ein Vorhängli davorgehängt, damit man ihn nicht sehen kann – eine Schönheit ist er nicht. Da wird er mit der nötigen Energie versorgt, die er für seine Einsätze braucht. Und es sind inzwischen sehr viele geworden.
Ich habe ihn nicht gemocht. Er ist mitsamt dem Mann in mein Leben gezogen, und ich habe ihn akzeptieren müssen, weil er ihn gemocht hat. Und ich ihn, also den Mann. Und da hat es auch schon angefangen mit den Kompromissen.
Die einen bringen Mami Issues mit in die Beziehung, die anderen ihren Dyson DC62.
Der lauteste Staubsauger des Universums. Da fliegt dir erstmal gleich das Trommelfell weg vor lauter Zyklon-Technologie. «Aber er ist einfach so praktisch», hat der Mann dann zu sagen gepflegt – und auf seine Handlichkeit und Kabellosigkeit hingewiesen. Das hat mir so lange eingeleuchtet, bis er beim nächsten Einsatz verstopfte. Und das kam in der Folge so oft vor, dass wir durchaus von einer Charakterschwäche reden können. «Er ist eben sensibel», hat der Mann dann zu sagen gepflegt. Und ich habe ganz kurz die unverhoffte Stille genossen, den Moment, in dem er sich an einem zu mächtigen Brocken verschluckt hatte, am Zuviel, das ich ihm zugemutet habe – und das ihn zum Schweigen gebracht hatte. Dann sah ich den Dreck, auf dem ich wegen seines Stillstandes sitzengeblieben war.
War er seiner Aufgabe nicht gewachsen? Er hat doch nur diese eine, welches Recht auf Existenz hat er, wenn er dabei ständig versagt?
«De Dyson», so heisst er, seitdem ihn der Mann an die Wand hinter der Küchentür unserer ersten Wohnung montiert hat. Das war vor rund zehn Jahren. Wie viele Male hab ich seither gesagt, dass ich ihn hasse. Dass ich ihn weghaben will. Aber der Mann hat für sein Bleiberecht gekämpft. Unermüdlich hat er mir sein Wesen erklärt, ihm eine Stimme gegeben, wenn er seine verlor. Und er hat ihn gereinigt.
Nach jeder Verstopfung hat er ihn auseinandergenommen, den Filter abgespült und in diesen kleinen Knick im Saugrohr gefingert, wo das Sauggut so gerne hängenbleibt. Das Unschönste bei der ganzen Sache ist das Auswaschen des Staubbehälters. Denn darin hat sich ja nicht nur Staub versammelt.
Da haben sich unsere täglich etwa 500 Millionen abgefallenen Hautschüppchen, die Milben, deren Kadaver und Kot längst mit unseren Haaren, denen der Kinder und der Katze vermengt, mit den Flusen und Fusseln unserer Kleider zusammengetan, um dann recht ordentlich mit den Überbleibseln der nachmittäglichen Knet-Session, den Reiskörnchen und den Broccoli-Relikten vom letzten Abendmahl zu verschmelzen; ein Treffen der Chrälleli und Steckerli ist das, die sich im erdigen Schneepflutschblättlisteinchengemisch amüsieren und sich an den Chipskrümeln und Schoggistückli laben. Ein Mosaik menschlicher Hinterlassenschaften, das sich durch den schmierig gewordenen Behälter nur noch schwer erkennen lässt. Ein Potpourri gelebten Lebens, grau in der Tendenz und doch ab und an von einem farbigen Schmucksteinchen durchfunkelt, das sich hier festgesetzt zu haben scheint für die Ewigkeit.
Oder versuch du mal dieses klebrige, unansehnliche Konglomerat an Widerwärtigkeit aus dem Behältnis zu kriegen. Denn das muss man tun bei einem Dyson, der anders als herkömmliche Staubsauger ohne Staubbeutel geboren wurde.
Ein klassischer Fall von Vorstellung vs. Realität ...

Und darum reinigt Rafi «de Dyson» jetzt und immerdar. Jedes Mal, wenn er uns den Dienst versagt, wenn sein lautes Wiuuu in einem Röcheln erstickt und der Stille gewichen ist. Und während ich diesem hingebungsvollen Akt der Pflege beiwohne, in diesem Augenblick des erzwungenen Innehaltens seh ich es endlich: Dieser eingesaute Staubsauger ist mein Spiegel. Der Spiegel meiner eigenen dreckigen Existenz. Wie kann ich von ihm verlangen, diesen ganzen Mist bedingungslos zu fressen? «Du bist, was du einsaugst», sagt er mir durch seine siffige Scheibe hindurch. «Sieh her», sagt er, «das alles hast du konsumiert. Und ich werde Kraft meines Amtes die Spuren davon beseitigen. Aber ich werde nicht bedenkenlos über alles drübersaugen. Ab und zu werd ich etwas nicht schlucken können und dieses Zuviel, das du mir aufbürdest, wird dich zwingen, hinzuschauen.» Lg, Immanuel Dyson Kant.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn inzwischen mag. Und die Moralkeule ist ... naja. Aber gut. Er ist schon zu lange bei uns. Hat schon zu viele Stunden an Zuwendung genossen, als dass ich ihn noch objektiv beurteilen könnte. Ich hab' mich an ihn gewöhnt; an seine Empfindlichkeit und seinen ohrenbetäubenden Lärm. Und manchmal schieb' ich das Vorhängli zurück, einfach um zu sehen, ob er da ist.
Ob es ihm gut geht.
Denn die Wahrheit ist: Ich brauche ihn, zusammen bewältigen wir den Alltag. Und auch er hat manchmal Mühe damit. So wie jeder ehrliche Staubsauger.
Der neue Akku hat ihm sehr geholfen. Aber letzte Woche ist beim Staubgehäuse das Fälleli abgebrochen, das dafür gesorgt hat, dass der ganze Unrat darin verbleibt. Gerade übernimmt diese Aufgabe ein behelfsmässig darum gewickeltes Isolierband. Aber das ist natürlich kein Dauerzustand.
Original-Ersatzteile für unser Modell sind aber leider vergriffen, «de Dyson» gehört da draussen auf dem unerbittlichen Markt bereits zu den «retired machines», für die keine Ersatzteile mehr produziert werden. Dafür gibt es sehr viele Drittanbieter, die ihre zwielichtigen Kopien in zwielichtigen Shops anbieten.
Das geht nicht. Wir werden unseren Dyson nicht mit einem drittklassigen Staubgehäuse versehen. Wir wollen keinen Kollaps riskieren, keine Abstossungsreaktion und schon gar kein vorzeitiges Ableben.
Darum hat Rafi einen Bruder unseres Dysons auf Ricardo ersteigert. Für 30 Stutz, mit neuem Akku, aber defekt, wie der Verkäufer schreibt. «Der Sauger spinnt manchmal und hört auf zu saugen.» Wir glauben allerdings zu wissen, woran das liegt. Wir kennen seine genetisch bedingten Macken.
Aber erstmal brauchen wir nur seinen Staubbehälter, um unseren wieder herzurichten. Vielleicht aber schwächelt auch bald der Zyklonkopf. Und dann stellt sich irgendwann die Frage: Wird er überhaupt noch «de Dyson» sein, wenn er, wie das Schiff des Theseus, stetig mit neuen Planken ausgestattet wird? Woran hängt seine Identität – an seinen materiellen Bestandteilen, seiner Form, seiner Funktion, seiner Geschichte?
Oder bleibt er einfach «de Dyson», solange wir ihn so nennen?
Noch fühlt es sich so an, als wäre er derselbe. Aber er ist erst zwölf Jahre alt. Die Pension ist noch weit, erstmal die Pubertät überstehen. Und wer kann schon sagen, was diese Transformation für zusätzliche Veränderungen bringt? Werden wir ihn noch wieder erkennen? Wird er rebellieren? Wird er sich für uns schämen?
Vielleicht werd' ich in Zukunft einfach nicht mehr unangemeldet das Vorhängli lüften. Wer weiss, was heranreifende Staubsauger in unbeobachteten Momenten so treiben.
