Leben
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Warum klassische Musik der geilste Shit ever ist

Bild: KEYSTONE

Als junger Erwachsener habe ich der klassischen Musik vor gut 20 Jahren eine Chance gegeben. Und mich hoffnungslos in sie verliebt. Ein Plädoyer für ein Genre.

Urs dahinden



Hintergrund des Artikels

Der Text wurde uns von unserem User Urs Dahinden zugeschickt. Wir haben ihn gelesen und sofort gefühlt. Wieso also nicht publizieren? Es ist ein weiterer Beweis dafür, dass unsere Community weiss, wie's läuft. Auch wenn es um klassische Musik geht.

Ich mag mich noch detailscharf an meinen ersten Besuch eines klassischen Konzerts erinnern – und nein, es sind alles andere als positive Erinnerungen, im Gegenteil!

Im Foyer bereits vor Konzertbeginn cüplisaufende alte Snobs und Snobinnen, Snobienen … wie auch immer. Jede und jeder Einzelne von ihnen stets peinlich auf die überteuerte Garderobe bedacht, daran zupfend bis rupfend, und gleichzeitig filigranitätsferneren Fliegen, Fracks und Fellvernarrten mit schalem Seitenblick und rümpfenden Rüsseln begegnend – dieser Menschenschlag also im Foyer, der dir zunächst mit dem Vorschlaghammer in die Fresse zu prügeln scheint: DU. GEHÖRST. HIER. NICHT. HIN.

Schliesslich will man sich ja hier nicht lumpen lassen. Genau wie scheinbar auch frisierte Pudel in den schönsten Pärken ausgeführt geführt werden müssen, um eben diese mit ihrer Scheisse zu bereichern, wollen auch die schönsten Roben von Männlein und Weiblein gemeinsam mit den kostenintensivsten Düften einschlägiger Parfumhersteller Gassi gehen und dem Sitznachbarn vor Augen geführt, vor allem aber unter die Nase geduftet werden.

Bild: KEYSTONE

Bereits wenige Minuten des Duftkonzerts lassen den sonst unerwünschten Geruch von Hundescheisse, ahnungslos aus dem Park mit den Schuhen ins Haus geholt hat, als Silberstreif am Horizont für den mittlerweile gereizten Magen erscheinen. Kaum hat man sich mit der nicht so Dolce, aber umso mehr Gabbana duftenden Alten im ach so frech funkelnden Glitzerkleid von links und dem extrem bossigen Duft-Hugo im immerhin zu den Musikern passenden Pinguinoutfit von rechts arrangiert, beginnen die Vorkonzerttuscheleien.

«Oh häsch gseh, d Frau Wermuth schiint au s Abo Plus glöst z ha. Aber die Schueh!»

«Falls e Zuegoob git, gömer denn scho, nöd dass mer wieder so lang ade Garderobe müend ahstoh.»

«Häsch gseh döt une links, isch das nöd de ehemolig Stadtpräsi?»

Dann Auftritt Orchester mit dezentem Applaus, Konzertmeister mit seinem oft grössten Auftritt des Abends erhebt sich mit Stolz und Genuss, Oboe intoniert ihr wohlklingendes «A», dieses wird ehrfürchtig übernommen, hurtiges Durchstimmen, zunächst an Schönbergs Beginn seines Violinkonzerts erinnernd, dann, sobald die Bläser ins Stimmgewirr einsteigen, zunehmend allgemeine Kakofonie à la Bernd Alois Zimmermann.

Dann Ruhe. Es schreit förmlich nach einer längeren Kunstpause vor dem Auftritt des Dirigenten. Ein Dirigentenangstbisi? Den ersehnten Auftritt noch weiter herauszögernd zwecks Spannungs- und somit anschliessender Applaussteigerung?

Kommt, wir kennen das doch alle: Je länger man den eigenen Urin zurückhält, umso geiler sein Auftritt. So, nun ist es aber so weit: Die gottgleiche Wiederkehr des Maestros im grellen Scheinwerferkegel lässt die graumelierte Publikumsmasse ehrfürchtig den Atem anhalten und rätseln, ob das nun der Anfang eines schönen Abends oder das Ende eines langen Lebens sei. Dann Erleichterung pur, Hände klatschen enthusiastisch, weil: Jetzt kann’s endlich losgehen.

Bild: KEYSTONE

Über die teuren Publikumsdüfte erhebt sich ein hauchendes Klanggebilde, dem sich sogleich ein erster kraftvoller und ziemlich lauter Höhepunkt anschliesst. Sogleich zischt die alte Gabbana-Lady ihrem Begleiter, der bereits die ruhige Anfangspassage mit scheinbar geistreich geschlossenen Augen direkt seine Seele liebkosen liess, viel zu laut mit vor die Ohren geschlagenen Händen zu:

«Das isch vil z luut, chönd die nöd liisliger spiele?»

Hugo, unsanft aus seinem nur halb so geistreichen Schlaf gerissen, schreckschnarcht mit verwirrtem, beinahe panischen Blick auf, tätschelt das Knie seiner bereits jetzt leidenden Frau wie eine lästige feucht-fordernde Hundeschnauze früh morgens, grunzt ein

«Es chunnt scho guet»

nur um dann wieder mit vor dem Bauch gefalteten Händen abzutauchen.

Während von hinten ein Programmheft die Bühnenklänge perkussiv-raschelnd umspielt, vorne sich windend jemand dem aussichtslosen Kampf gegen den Hustenanfall stellt, starre ich abwechselnd zu Boden auf meine zerlatschten Flipflops und auf die Orchesterbühne … und langsam wird es, obwohl das Saallicht bereits längst erloschen ist, dunkel um mich herum, einzig ich und die Bühne in gleissendem Licht, einer Blase gleich.

Zunächst recken sich die Härchen auf meinen Unterarmen, wenig später gleichen meine Arme der Haut eines gerupften, rohen Hühnchens und ein Kitzeln im Nacken stellt sich gemeinsam mit einem wohligen Taubheitsgefühl des restlichen Oberkörpers ein.

Ich folge dabei, um mich herum das pure Nichts, mit aufgerissenen Augen, Mund den muskalischen Geschichten, die mehr als 60 motivierte Künstlerinnen und Künstler, zu einem homogenen Klangkörper verschmolzen, der sich in einer Perfektion wie ein Fischschwarm durch den Notenstrom bewegt, scheinbar nur mir erzählen.

Es sind Geschichten der Liebe, unglückliche, feurig-leidenschaftliche, zärtliche, Geschichten der Trauer, leidend, aufschreiend, wütend. Geschichten extatischen Glücks, beissender Melancholie, leiser Hoffnung, pathetischen Triumphs.

Dirigent Paavo Järvi. Bild: KEYSTONE

Die Schauer jagen mittlerweile in kürzesten Abständen über meinen Rücken und dann eine erste Träne, gefolgt von einer zweiten und dritten, bis sich das ganzkörperliche Schütteln im Kampf gegen Weinkrämpfe einstellt.

Und dann verklingt die Musik, die Dunkelheit lichtet sich, unscharfe Menschenfratzen um mich herum tauchen auf, applaudieren und ja, riechen und reden, als ob sie nie weggewesen und nichts passiert wäre. Dazwischen ich, tränennass, aber glücklich wie nie zuvor, mich klein fühlend und wissen, dass ich wohl einen Blick ins Paradies geworfen habe.

Und was meinst du, lieber Leser? Nichts für dich «jungs Gmües»? Nichts für dich alteingesessenen Rocker? Meine Worte damals , aber glaub mir, es lohnt sich! Es lohnt sich mehr, als abendlang Stories von grenzdebilen Influencern anzusehen. Es lohnt sich auch mehr, als CO2-geschwängerte Weekendshoppingtrips nach London. Und es lohnt sich allemal mehr, als in coronaverseuchten Clubs bis in die Morgenstunden bei überteuerten Cocktails dir den Alk aus dem Körper zu tanzen – finanziell sowieso (zumindest als Student kriegst du für 20 Stutz Plätze, für die Duft-Hugo jeweils ein kleines Vermögen ausgibt)! Also gib der klassischen Musik eine Chance.

Bild: KEYSTONE

Einige von euch haben mit dem Tonhalle Orchester Zürich ein weltklasse Orchester vor eurer Haustüre, mit dessen Dirigenten Paavo Järvi eine charismatische Persönlichkeit am Pult und ein bis in die Haarspitzen motiviertes Orchester, das sich über jede jüngere, nicht altersgraue und volle Haarpracht doppelt und dreifach freut.

Weil ihr seid die Zukunft! Lasst uns hingehen, von mir aus in kurzen Hosen und Flipflops, lasst uns hingehen: nackt-duftend, casual, nonchalant, neugierig und offen für neue Abenteuer!

Vor 20 Jahren, knapp volljährig, wusste ich: Ich würde wieder kommen, würde das steife, stiere und elitäre Getue, die protzintellektuellen Gespräche, die jeden Jugendlichen so was von abschreckende Aura eines klassischen Konzerts über mich ergehen lassen, nur um möglichst bald wieder diese emotionale Fülle zu erleben. Und ich ging wieder hin und kam unmittelbar zum Schluss: Klassische Musik ist der geilste Shit ever!

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80 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Butschina
19.09.2020 19:56registriert August 2015
Absolut treffend beschrieben. Live ist klassische Musik der Hammer.
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Rikki-Tiki-Tavi
19.09.2020 20:20registriert April 2020
Danke für deine Worte, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich alter Rocker (was die Musik betrifft) finde klassische Musik etwas vom absolut bewegendsten. Gib ihr eine Chance und sie berührt deine Seele. Live in Concert erst recht.
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willi202202
19.09.2020 21:09registriert April 2019
Das wichtigste ist offen zu sein für andere musikstile. Viele haben ihren ganz eigenen charme. Blasmusik, jazz, techno, house, ländler, tango, blues, rock. aber dass ein klassisches orchester das herz am ehsten berührt ist wohl wahr.
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