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Untersuchen wir uns bald selbst? Ein neues Gerät soll Patienten zu Hilfs-Ärzten machen



Den Gang zum Arzt bestreiten immer weniger Menschen und telemedizinische Versicherungsmodelle erfreuen sich erhöhter Beliebtheit: Die Prämien sind circa 15 Prozent tiefer, wenn auf die freie Arztwahl verzichtet und bei Beschwerden zuerst ein Beratungszentrum angerufen wird, so die «NZZ am Sonntag».

Einer der grössten Anbieter telefonischer Beratungsdienstleistung ist Medgate. Das Basler Unternehmen betreibt das grösste europäische Telemedizin-Zentrum und arbeitet mit 34 Versicherungen zusammen. Per Telefon oder mittels App melden sich Patienten an Medgate. Die Patienten-Schilderungen oder Bilder werden dann von Ärzten begutachtet.

Diese Art von Gutachten senkt Kosten – ein herkömmlicher Besuch beim Hausarzt ist teurer. Die Nutzer dieses Angebotes sind jünger und haben dadurch ein tieferes Krankheitsrisiko als der Schnitt aller Versicherten. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verlangt von den Versicherungen, dass die tieferen Kosten nachgewiesen werden – ist dies nicht der Fall, genehmigt das BAG die verbilligten Telmed-Prämien nicht.

Dabei funktioniert das Modell gemäss Oliver Reich, Leiter der telemedizinischen Gruppenpraxis Santé24, durchaus gut: «Drei von vier Anliegen unserer Kunden können wir bereits am Telefon lösen.» Der Plan von Santé24, die zur Krankenkasse Swica gehört, ist es, das Angebot noch weiter auszubauen und mehr Telefon-Diagnosen stellen zu können.

Nun geht Santé24 mit einem Pilotprojekt noch einen Schritt weiter: Ausgewählte Kunden erhalten in den folgenden Monaten ein digitales Messinstrument, mit Hilfe dessen sie medizinische Daten selbst erheben und schliesslich an die Ärzte von Santé24 übermitteln können.

Mit dem Messgerät können Herz und Lunge abgehört und in den Rachen oder Gehörgang geblickt werden. Auch die Körpertemperatur misst das Instrument. Anweisungen erhalten die Nutzer via App, das mit dem Gerät verbunden ist. Es stehen jedoch auch Gesundheitsfachpersonen zu Rate, die per Videotelefonie zugeschaltet werden können.

Israelisches Produkt – US-Investoren

Das Messgerät mit dem Namen Tyto Home stammt vom israelischen Startup Tyto Care, welches hauptsächlich von amerikanischen und chinesischen Investoren finanziert wird. Zu den Kunden von Tyto Care zählt unter anderem die grösste israelische Klinikgruppe – mit ihnen arbeitet das Startup seit zwei Jahren zusammen. Auch in den USA ist das Gerät erhältlich, schliesslich zählt Walgreens zu den Investoren.

Santé24 ist in Europa der erste Anbieter und hat in der Schweiz Exklusivrechte an Tyto Home. Zuerst wurde das Gerät an den eigenen Mitarbeitern getestet, wie Oliver Reich zur «NZZ am Sonntag» sagt: «Seit vergangenem Oktober haben wir 200 Geräte bei unseren Mitarbeitern im Einsatz.» Nun geht das bis Ende 2020 andauernde Pilotprojekt in die nächste Runde und der Test soll auf 2000 interessierte Kunden erweitert werden.

Ziel des Projektes ist, herauszufinden, ob das Gerät medizinisch überzeugt. Sollte dies zutreffen, kann die Swica ab 2022 ein neues Versicherungsmodell anbieten – allerdings nur, wenn das BAG allfällige Prämienrabatte genehmigt.

Vom Gerät und Versicherungsmodell überzeugt ist auch die medizinische Leiterin von Santé24, Silke Schmitt Oggier:

«Wir glauben, dass Tyto Home medizinische Diagnosen vereinfachen und verbessern wird. Erstmals wird es zum Beispiel möglich sein, das Trommelfell der Patienten zu begutachten. So werden wir eine schmerzhafte Entzündung der äusseren Gehörgänge von einer gefährlichen Mittelohrentzündung eindeutig unterscheiden können. Das wird die Therapieempfehlung verbessern. Bei Husten wird uns das digitale Stethoskop helfen, Erkältungssymptome von ernsthaften Erkrankungen der Atemwege zu unterscheiden.»

Die Nachfrage für solche Versicherungsmodelle ist erwiesen: Telemedizinische Zentren verzeichnen jährlich schweizweit 2.5 Millionen Kontakte. Doch auch der E-Health-Barometer, eine repräsentative Erhebung, kam zum Schluss, dass sich eine Mehrheit für solch unkonventionelle Ärztekonsultationen interessiert und diese auch anwenden möchte.

Unkonventionell heisst im Fall von Tyto Home, dass man nicht direkt mit dem Arzt kommuniziert, sondern via Vermittlungsstelle in Form eines Internetservers der Herstellerfirma. Diese erhält so auch Zugang zu medizinischen und personenbezogenen Pateienten-Daten.

Datenschutz hoch genug?

Der Hersteller Tyto nutzt die gesammelten Daten gemäss eigenen Angaben dazu, um die Dienstleistung des System zu verbessern. Zudem sollen die aggregierten Daten helfen, dass Muster und Anomalien erkannt werden und dadurch auch bessere Diagnosen möglich sein sollen.

Oliver Reich zum Datenschutz: «Tyto Care erhält die medizinischen Daten unserer Patienten nur in einer anonymisierten Form. Auf unsere ärztlichen Diagnosen hat der Hersteller keinen Zugriff.» Es greifen die europäischen und Schweizer Datenschutzgesetze, betont Reich. Weiter sagt er: «Unser Datenschutzbeauftragter hat selbstverständlich die Zusammenarbeitsverträge auf ihre Rechtmässigkeit geprüft.»

Dennoch gibt es skeptische Stimmen. Christoph Thümmler, Chefarzt am Helios Park-Klinikum in Leipzig und Experte in Sachen Digitalisierung medizinischer Versorgung, sagt zur Telemedizin:

«Aus meiner Sicht sind viele der heute verfügbaren Anwendungen nicht effizienzsteigernd. Wenn eine Konsultation nicht in der Praxis, sondern im Videochat stattfindet, reduziert das die Arbeitszeit des Arztes nicht. Sinnvoll können solche Telekonsultationen nur für Patienten sein, wenn sie Anfahrtswege vermeiden.»

Thümmler betont, dass Untersuchungen direkt beim Arzt grundsätzlich besser sind, da im direkten Kontakt Patienten besser wahrgenommen werden und offener sprechen. Auch die Frage nach den Nutzern des Systems beschäftigt Thümmler: «Die Frage bei solchen Gadgets ist auch, wer sie nutzt: Die wirklich bedürftigen Patienten oder eher junge Leute, die ohnehin selten krank sind?»

Doch Thümmler spricht der Digitalisierung in der medizinischen Versorgung dennoch grosses Potenzial nach: «Es gibt Patienten, deren EKG täglich aufgenommen werden muss. Wenn dies zu Hause mit vernetzten Geräten gemacht werden könnte, liessen sich Kosten sparen und gleichzeitig die Qualität der Behandlung verbessern. Aber die Vision vom Radiodoktor in der Ferne? – das überzeugt mich nicht.»

Doch die Krankenkassen stehen hinter solchen Modellen. So sollen Sicherheit und Nutzen der Telemedizin nachwiesen werden. Für den Erfolg wichtig sei speziell die Schulung des Personals, wie Eva Blozik, Leiterin Gesundheitswissenschaften der Krankenkasse Helsana, sagt: «Sie müssen wissen, wie sie die erforderlichen medizinischen Informationen im Dialog mit dem Patienten erfahren.» Zudem, so Silke Schmitt Oggier, werde durch das Tyo-System die Gesundheitskompetenz bei den Nutzern gesteigert:

«Beim Blick in den geröteten Rachen oder in den eigenen Gehörgang werden sie erstmals selbst sehen können, was sonst nur der Arzt erkennen kann.»

(mim)

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