Wenn Musik atmet: Ein Abend, der Herzen zum Leuchten bringt
Der Saal füllt sich mit Menschen, die nicht zufällig hier sind. Viele kennen sich; man begrüsst sich mit einem Nicken, einem flüsternden „Hoi“, einem Lächeln. Dann betreten sie die Bühne: der Kontrabassist und Bandleader Makar Novikov, Pianistin und Sängerin Olivia Trummer, Tenorsaxofonist Gianni Gagliardi, Trompeter Alex Sipiagin und Schlagzeuger Donald Edwards, ein Quintett, das kaum betritt, was es zu tun vorhat. Noch bevor der erste Ton erklingt, ist klar: Dieser Abend wird persönlich.
Ein Anfang, der nichts beweisen muss
Der erste Klang gehört dem Kontrabass. Ruhig, tief, fast nachdenklich. Ein Solo, das den Raum vorbereitet, als würde es prüfen, ob das Publikum bereit ist. Dann steigen die anderen ein, weich, harmonisch, organisch. Das Quintett spielt sich nicht in den Vordergrund, sondern in die Mitte des Raums. Und dann spricht Makar Novikov, leise, warm, etwas nervös: „It’s an unusual situation for me to be a bandleader and talk into the microphone. But today is special because we are presenting my new album with this incredible band.“ Er erzählt von seiner Immigration aus Russland, von einer Reise, die vier Jahre gedauert hat, und die ihn zu genau diesem Moment geführt hat: „The album is called Long Journey. It’s a reflection of my personal life journey.“ Damit ist der Ton des Abends gesetzt: Es wird nicht nur Musik gespielt, es wird Lebensgeschichte geteilt.
Musik als Reise: Free Fall, Desert Island, Home Party
Die ersten Stücke wirken wie Kapitel einer Biografie. Free Fall: energiegeladen, drängend. Desert Island: weiter, offener, suchend. Dann Home Party, für das Novikov lächelnd erklärt: „A tune I composed thinking of the perfect soundtrack for a home party… I hope you like it.“ Das Publikum reagiert genau so, wie diese Musik gemeint ist: wach, neugierig, mit vorsichtigem Mitwippen. Der Schlagzeuger wechselt zwischen Sticks und pinselartigen Brushes, wodurch sich die Atmosphäre immer wieder verändert. Mal pulsierend, mal weich wie Wolken. Saxofon und Trompete treten wechselweise zurück, um dem Piano oder dem Bass Raum zu geben. Es ist ein musikalischer Dialog ohne Konkurrenz, nur mit Respekt.
Der Moment, in dem alles stillsteht
Dann kündigt Olivia Trummer ein Stück an, zu dem sie selbst ein Gedicht schrieb. Ihre Stimme ist klar, zurückhaltend, ohne jede Theatralik. „This composition inspired me to write lyrics about a very special moment of the journey – the arrival. It can be geographical, but also spiritual or emotional.“ Sie singt. Und der Raum hält den Atem an. Ihr Gesang ist kein Höhepunkt, sondern ein Einbruch von Intimität. Ein Moment, in dem die Musik plötzlich Worte findet. Die Lyrics, die von Liebe, Ankommen und gemeinsamer Hoffnung erzählen, scheinen die Luft selbst zum Schwingen zu bringen. Kein Rascheln. Kein Husten. Nichts ausser Stimme, Bass, Klavier und einem Publikum, das fast nicht wagt, sich zu bewegen. Dieser Raum wird kleiner, wärmer, näher. Es fühlt sich an, als würde man einem vertraulichen Gespräch lauschen, das eigentlich nicht für so viele Ohren bestimmt ist.
Ein Geständnis, das alle erreicht
Gegen Ende des Konzerts tritt Novikov erneut ans Mikrofon. Diesmal mit noch weicherer Stimme: „It’s great to be back here… on the stage where I proposed to Olivia, who is now my wife.“ Der Saal reagiert nicht mit Jubel, sondern mit einem lieben, gemeinsamen Lächeln. Ein ehrlicher Moment, der die Band und das Publikum verbindet. Er bedankt sich bei den Veranstaltern, bei seinem Team, bei der Band. Und er sagt einen Satz, den man nicht vergisst: „We did this music together.“ Vielleicht beschreibt das den Abend besser als alles andere.
Ein Abschluss, der offen bleibt
Zum Schluss spielt das Quintett Jazz Machine, ein Feuerwerk, das jedoch nicht als Spektakel verstanden werden will. Es ist ein Stück, das noch einmal zeigt, wie präzise, wie aufmerksam, wie frei diese Musiker miteinander umgehen. Ein finales Gespräch aus Klang. Als der letzte Ton verklingt, klatscht niemand zu früh, niemand zu spät. Der Applaus ist warm, lang und ehrlich, so wie das Konzert selbst. Am Ausgang verkaufen die Musiker CDs und nehmen Vorbestellungen für Vinyl entgegen. Doch selbst wer ohne Tonträger geht, nimmt etwas mit: ein Gefühl.
