Musig im Pflegidach

Late Trane @ Musig im Pflegidach, Muri

Late Trane @ Musig im Pflegidach, Muri

Vergiss alles, was du über Oboen weisst: Wie dieses Trio das „Pflegidach“ abriss.

In Muri findet gerade der wichtigste Wettbewerb der Welt für Oboe und Fagott statt. Alles sehr seriös, sehr klassisch, sehr Wettbewerb eben. Und dann kamen „Late Trane“ ins Pflegidach – und zeigten uns, dass man mit Holzblasinstrumenten auch verdammt gut Jammen kann.
10.05.2026, 09:1612.05.2026, 09:16
amélie scilingo

Wer an Oboe und Fagott denkt, sieht meistens einen Frack vor dem inneren Auge, hört ein gestimmtes Orchester-A und bereitet sich auf zwei Stunden stillsitzen vor. Die laufende „The Muri Competition“, bei der über 100 Musiker antreten, unterstreicht diesen hohen akademischen Anspruch. Doch das Gastspiel von Jean-Luc Fillon, Paul Hanson und Jarrod Cagwin am 16. April zeigte eine völlig andere Facette. Das Trio nutzte die Bühne, um die klanglichen Grenzen ihrer Instrumente durch Einflüsse aus Jazz, Rock und Weltmusik neu zu definieren.

Avengers der Holzbläser

Jean-Luc «Oboman» Fillon , der zwischen Oboe und Englischhorn wechselte, präsentierte eine Spielweise, die stark vom Jazz geprägt ist. Statt der gewohnten klassischen Linienführung integrierte er Phrasierungen inspiriert an Klängen aus aller Welt, die an die Atmosphäre in Jazzclubs erinnerten oder durch orientalische Skalen eine ungewöhnliche Klangfarbe in das Pflegidach brachten.

Besonders technisch interessant war der Auftritt von Paul Hanson am Fagott. Durch den Einsatz von Electronics und diversen Effektgeräten am Fagott entfremdete er den natürlichen Klang seines Instruments massiv. Das Ergebnis war ein Sound, der teilweise an verzerrte E-Gitarren oder Synthesizer der 80er-Jahre erinnerte – eine Klangerzeugung, die im Kontext eines Holzbläser-Festivals eine seltene Ausnahmeerscheinung darstellt.

Rhythmisch wurde das Trio durch den Perkussionisten Jarrod Cagwin gestützt. Er kombinierte komplexe Rhythmusstrukturen aus dem Nahen Osten, Indien und Afrika zu einem Fundament, das über das rein Metrische hinausging, wobei er sogar melodische Klänge mit einer einfachen Trommel erzeugen konnte. Trotzdem bot er den beiden Bläsern den nötigen Raum für ihre Improvisationen.

Flickenteppich aus Hommagen und Eigenkompositionen

Das Programm war eine Hommage an die Jazz-Legende John Coltrane (Wie auch der Name des Trios «Late Trane» vermuten lässt), ergänzt durch eigene Kompositionen. Mit Jazzstandarts wie „Crescent“ und „India“ gelang es der Band, eine nahezu meditative Energie aufzubauen, die das Publikum fast schon in Trance versetzten.

Der Name «Crescent» bezieht sich auf den zunehmenden Mond (Crescent Moon). Für Coltrane symbolisierte dies sein eigenes spirituelles und musikalisches Wachstum. Das Stück «India» ist keine klassische Jazz-Linie, sondern basiert wahrscheinlich auf einem Vedi-Gesang, den Coltrane auf einer Folkways-Anthologie indischer religiöser Musik hörte. Der Titel ist eine direkte Hommage an das Land, dessen Musik und Philosophie er als Weg zur spirituellen Befreiung sah.

Hinweis
Die Autorin ist Schülerin an der Kantonsschule Wohlen. Im Rahmen ihres Deutschunterrichts verfassen die Schülerinnen und Schüler auch Konzertberichte, die in die Note einfliessen.

Late Trane - "Olé" @ musig im pflegidach, Muri

«Klatscht mit»

Etwas bemerkenswertes am Abend war der Bruch mit der üblichen Konzertdisziplin. In einer Umgebung, die sonst von formeller Zurückhaltung geprägt ist, suchten Late Trane die direkte Interaktion mit dem Publikum. Die Aufforderung zum Mitklatschen wurde von den anwesenden Gästen bereitwillig aufgenommen, was zu einer für Jazzkonzerte typischen, gelösten Stimmung führte.

Mit dieser Wahl der Musiker hat Kurator Stephan Diethelm erneut die Vielseitigkeit des Standorts Muri für die Jazzszene unter Beweis gestellt. Late Trane haben bewiesen: Oboe und Fagott sind nicht nur für Mozart gut. Sie können rocken und sie können ein ganzes Pflegidach zum Beben bringen.

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quelle: patrick britschgi
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