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Brasilianische Frauen lehnen sich mit diesen «Ich verdiene es nicht, vergewaltigt zu werden»-Plakaten gegen das skandalöse Ergebnis einer Umfrage auf. Bilder der protestierenden Frauen: Facebook/#‎naomerecoserestuprada

Zur Kultur des Nacktprotests

Wer sich auszieht, macht sich stark



Ein paar Brasilianerinnen protestieren derzeit mit Beinahe-Nacktbildern gegen Vergewaltigung. Jetzt kann man natürlich sagen, ach, nicht schon wieder, die wollen ja nur in die Medien (was sie zuverlässig auch schaffen). Und ziehen sich denn nicht schon genug Frauen für FEMEN (gegen irgendwas) und für die Tierschutzorganisation PETA (gegen Pelz) aus? Hat die nackte Frau als solche überhaupt einen Protestwert? Hat sie. Gerade im Fall der Brasilianerinnen. Gefunden haben sie sich nämlich, weil letzte Woche eine Studie erschien, die besagte, dass 65,1 Prozent der brasilianischen Bevölkerung der Ansicht sind, dass Frauen, die sich leicht bekleiden, eine Vergewaltigung «verdienen». 66,5 Prozent der Befragten waren Frauen. Das ist schockierend.

Auch wenn eine Frau immer nur nackt herumlaufen würde, hätte sie keine Vergewaltigung verdient. Eine Vergewaltigung ist entsetzlich. Weil sie eine Situation, die normalerweise auf Einvernehmen, Intimität, Vertrauen und dem Versprechen von Genuss und Erfüllung beruht, radikal verkehrt. Und weil sie den Vorteil hat, weitgehend unsichtbar zu sein. Öffentlich dagegen zu protestieren, ist immer richtig.

Strippen gegen das System

Aber wieso denn nackt? Der Nacktprotest ist nichts Neues, er hat seinen festen Platz in der Ikonographie der Protestkultur. Er ist einfach in der Durchführbarkeit, er ist direkt und höchst effizient, mal ironisch, mal sehr ernst. Nackter Protest ist friedlicher Protest. Der blosse Protestkörper ist verletzlich, er kennt – im Gegensatz zum vermummten oder maskierten Demonstranten – kein Geheimnis, er ist ehrlich, wehrlos und arglos.  Er hat nichts zu verbergen, auch keine Waffe. Er bietet die grösstmögliche Angriffsfläche und wird gerade deshalb stark. Wer kein Verbrecher ist, wird es nicht wagen, auf einen nackten Körper zu schiessen und schon gar nicht auf eine nackte Gruppe. Auch die lästigsten FEMEN-Frauen werden von der Polizei weggetragen und nicht mit Gummiknüppeln niedergeschlagen.

Zu den Gründungsmomenten der europäischen Nacktprotestkultur gehört jenes legendäre Photoshooting 1967, als Uschi Obermaier, Rainer Langhans und ihre Genossen aus der Berliner Kommune I ihre nackten Hintern in die Kameras streckten. Sie strippten gegen bürgerliche Werte und das Kapital, wurden allesamt zu Sexsymbolen – und verlangten dafür dreiste 20'000 DM. Das war natürlich frivol und frech, es ging da um die offensive Erotisierung einer Bewegung.

Die Brasilianerinnen haben sich jetzt zum gemeinsamen Fotoprotest entschlossen, und auch das hat seine Tradition. Im Herbst 2011 etwa zogen sich Hunderte von Chinesinnen und Chinesen auf Fotos für den Künstler Ai Weiwei aus, der damals gerade unter Pornographieverdacht stand, weil er sich gemeinsam mit vier Frauen nackt in seinem Atelier hatte fotografieren lassen. Mit Erotik oder Pornografie hatte das Bild beim besten Willen nichts zu tun, es war eine gutgelaunte Spielerei. Entsprechend amüsant war die riesige Masse der Solidaritätsfotos.

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Chinesischer Ai-Weiwei-Sympathisant in nackter Denkerpose. Bild: Huffingtonpost/@lihlii

In Berlin war es eine Weile lang Mode, nackt zu Wohnungsbesichtigungen zu erscheinen und so gegen zu hohe Mieten zu demonstrieren. Tausende nackter Spanier demonstrierten gegen den Staat. Mitte März protestierten Hunderte nackter Velofahrer in Lima gegen den allzu brutalen Strassenverkehr. Nackt geht gegen alles.

Der Nacktprotest kennt keine Grenzen

Ebenfalls 2011 protestierte die damals 20-jährige ägyptische Atheistin und Kunststudentin Alia Magda al-Mahdi mit einer Fotoaktion gegen die Unterdrückung der Frau als «Gebrauchsobjekt» im Islam: Sie posierte als Geschlechtslose, als Blinde, als Taube, aber stets als Nackte. Sie wurde von radikalen Islamisten verfolgt, wanderte nach Schweden aus und schloss sich dort FEMEN an. Gemeinsam mit tunesischen und iranischen FEMEN-Aktivistinnen demonstrierte sie am 8. März 2014 vor dem Pariser Louvre. Ihr jüngster Blogeintrag heisst «Eine kurze Geschichte über Kindsmissbrauch an ägyptischen Schulen».

Ihr Kampf kennt kein Ende. Mit ihrer Nacktheit will sie Aufklärung, Demokratie und das Ende einer Ära erreichen, die bedeutet, dass eine Frau zu brauchen auch immer heissen kann, sie zu missbrauchen. Die Ägypterin trifft sich da mit den Brasilianerinnen, ihr Protest kennt weder Landes- noch Religionsgrenzen, er könnte sich ausweiten auf Afrika, auf Indien. Nackt sein heisst gleich sein. Und der alte Spruch der Berliner Kommunarden, der 1967 über ihren Hintern an der Wand hing, der gilt im Fall der internationalen Nacktdemonstrantinnen wie kein zweiter: «Das Private ist politisch.»

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So wurde das Selbstporträt der 20-jährigen Alia Magda al-Mahdi in Ägypten als Mauerkunst verewigt. Bild: wikipedia

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