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Die Deutsche Raubtier-Dompteurin Carmen Zander mit Tiger. Bild: xenix filmdistribution

Frauen, die wild und gefährlich leben. Schwere Männer. Talentfreie Mädchen. Tiere! Im Dokfilm, wo sonst?

Am Dokfilmfestival in Nyon gibt es wieder wundervolle Einblicke in das Leben von Menschen, von denen wir keine Ahnung haben.



Es ist The Beauty und The Beast. The Beauty ist furchtlos, stolz und streng. The Beast ist fürchterlich. Ist tödlich und monströs. Doch The Beast gehorcht The Beauty. Und The Beauty weint, wenn The Beast verletzt ist. Zusammen sind sie schön, unbesiegbar, mächtig – und erotisch. So viel Kraft, so viel Eleganz, so viel Einssein und schiere Körperlichkeit. Das Raubtier und seine Herrin, der Löwe und seine Bändigerin. Ein erhabenes Paar. 

«Wild Women – Gentle Beasts» heisst der neue Dokfilm der Zürcher Regisseurin Anka Schmid, deren Geburtstag, es kann ja gar nicht anders sein, auf den internationalen Tag der Frau fällt. Sie hat die Königinnen der Manegen und ihre Monster besucht, eine Ägypterin auf Gastspiel in Katar, eine Deutsche, eine russische und eine französische Zirkusfamilie mit ihren todesmutigen Töchtern.

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Die ägyptische Löwen-Flüstererin Anosa Kouta. Bild: xenix filmdistribution

Trailer zu «Wild Women – Gentle Beasts»

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youtube/anosa kouta

Die Französin erzählt, wie sie als Baby neben sich nicht ein Stofftier, sondern einen Minilöwen im Kinderwagen liegen hatte. Und die junge Russin, die vor allem mit Bären zähmt, sagt: «Die Bärin, mit der ich jetzt arbeite ist wie eine Schwester.» Die Ägypterin hat «schon immer davon geträumt, vor meinen Namen ‹Löwen-Bändigerin› zu setzen.» Und die deutsche, eine harte Präzisions-Fetischistin, bricht völlig zusammen, als einer ihrer Tiger mit Nierensteinen ins Spital muss. Sie kann auch Tigersprache reden und verstehen.

Die schwermütigen Romands

Willkommen im Cirque de Nyon, am Dokfilmfestival «Visions du Réel», bei den Gesichtern der Realität also, von denen wir viel zu wenige kennen. Jedenfalls ist das immer wieder die Einsicht an den Frühlingstagen am Lac Léman. Die Überfrauen von Anka Schmid und ihre Tiere sind jedenfalls eine beeindruckende Offenbarung: Was für grossartiges Bildmaterial!

Und wer weiss eigentlich, wie viele hoffnungslos schwermütige Männer am Genfersee leben? Gleich zwei Filme widmen sich körperlich starken, aber innerlich sehr zerbrechlichen Herren aus der Romandie, «Body (Le corps du frère)» von David Nicola Parel und «Cyclique» von Frédéric Favre. In «Body» erzählt der Bodybuilder Parel die Geschichte von ihm und seinem Bruder Gary. Der eine war früher zu dünn, der andere zu dick, beide hängten ihre Körper an die Kraftmaschinen und taten nichts Anderes mehr als sich hochzupumpen. Beide sind mehrfache Sieger jener Wettkämpfe, bei denen sich Männer und Frauen mit brauner Farbe bestreichen und dann in seltsamen Posen einzelne Muskelgruppen spielen lassen. 

Nein, das ist keine Saurierart, sondern Bodybuilder Gary. Bild: visions du réel

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Man beachte die verlängerte Fadenspule des Velokuriers. Bild: visions du réel

Eine irrsinnig alberne Sportart. Und eine tragische. Denn die starken Männer haben Komplexe und getrauen sich im Sommer nicht in die Badi, weil die andern Leute genauso böse Sprüche über sie machen wie über sehr Dicke. Ihren Frauen wollten sie das Bodybuilding verbieten – genützt hat es nichts. Die Sucht nach Kraft, nach der ultimativen Kontrolle über jede noch so kleine Muskelfaser ist ansteckend. Und die Eigenwahrnehmung am Ende ähnlich schief wie die von Magersüchtigen.

Der dumme amerikanische Traum

Auch die Lausanner Velokuriere in «Cyclique» verdienen sich ihr Geld mit Körperkraft und Geschicklichkeit. Es ist eine äusserst melancholische Meute, die Favre da gefunden hat. Etwa einen jungen, schwer depressiven Messie-Mann, der unentwegt kifft und davon träumt, nach Montréal auszuwandern und dort in einem ganz leeren Zimmer noch einmal anzufangen, nur er, sein Velo und eine Tasche mit dem Notwendigsten.

Auch seine Kollegin, die eigentlich auf Jobsuche ist, wirkt nicht glücklicher. Doch wenn die beiden in Lausanne die steilen Strassen runterrasen, sind sie glücklich, frei und leichter als Vögel. Dann sind sie auf ihrer Bühne. Wie die Frauen im Zirkusrund. Wie die braun bemalten Hühnen vor den Juroren.

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Kleines Mädchen, grosses Casting, keine Chance. Next. Bild: visions du réel

Trailer zu «Next»

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Vimeo/Elia Urquiza

Womit wir schon bei den Kleinsten wären, die meinen, sich besonders für einen grossen Auftritt zu eignen. Bei den Möchtegern-Hollywood-Mädchen von Amerika. «Next» heisst der oft sehr lustige Film von der Spanierin Elia Urquiza, lustig, weil man selten talentfreiere Töchter und verblendetere Eltern gesehen hat. Einer Sechsjährigen mit Riesenzahnlücke, die bei jedem Vorsprechen zuverlässig verstummt, wird extra für die Castings ein halbes Gebiss gebaut. Eine Mutter sagt, logisch würde sie alles dafür opfern, den Traum ihres Kindes wahr zu machen, schliesslich habe das die Mutter von Hillary Swank auch getan.

Ob klein, ob gross, der Glaube an den dummen amerikanischen Traum ist unverbrüchlich. Dieser Traum, der einzig dazu da ist, um der Leistungsgesellschaft eine perverse Aura von Autonomie zu verleihen. Tiger zu zähmen in Ägypten oder Bären in Russland, erscheint einem dagegen ungeheuer bodenständig.

Das Festival Visions du Réel dauert bis zum 25. April. 

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