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illustration: florian burkhardt/electroboy

Die Angst schlägt zu. Die Panik würgt dich. Du meinst, du stirbst. Und keiner versteht dich

Eine Angststörung hat keinen ersichtlichen Grund. Und macht einem doch das Leben zur Horror-Hölle. Unser Autor kennt das nur zu gut. 



Ich habe eine Angststörung. Plötzlich habe ich Atemnot, ein Engegefühl in Brust und Kehle, dann hyperventiliere ich, mein Herz rast, ich schwitze und zittere, mir wird schwindlig. Ich denke: «Das ist ein Herzinfarkt!» Und: «Jetzt sterbe ich!» Aber nein, es sind nur schwere Angstattacken. Sie beschränken sich nicht auf eine spezifische Situation oder besondere Umstände und sind deshalb auch nicht vorhersehbar. «Generalisierte Angststörung» ist die Bezeichnung einer Angst, die von realer Bedrohung losgelöst ist. 

Ich war ein Macher. Angst hatte ich selten. Doch dann kam sie. Die irrationale Angst, die dich schachmatt setzt. Sie kommt aus dem Nichts wie Nebel und dehnt sich aus, bis du nichts mehr siehst. Du bist sicher, dass du sterben wirst, wenn du aus dem Haus gehst. Die Reaktion deines Körpers auf die harmlose Situation scheint tödlich. Aber du musst aus dem Haus. Und dann würgt dich die Panik und dein Puls überschlägt sich. Der Boden wird butterweich, das Wasser in deinem Körper fliesst nach draussen, und es quetscht dich aus wie eine Zitrone. Unmöglich, da cool zu bleiben.

«Viele können irrationale Ängste nicht nachvollziehen, also versteht man nicht.»

Meine Mutter sagt: «Also ich begreife es ja nicht.» Und mein Bruder: «Ich kann es nicht nachvollziehen, weil ich es nie erlebt habe.» Und: «Ich sehe nichts.» Der Laie sieht vielleicht nichts von aussen, viele können irrationale Ängste nicht nachempfinden, also versteht man nicht. 

Aber wieso will es mein Umfeld überhaupt verstehen? Ich habe keine Depressionen, ich leide nicht unter Höhenangst, ich habe keine Spinnenphobie, es gibt unglaublich viel, was ich nicht kenne, nie gespürt und nicht gefühlt habe, aber ich würde nicht sagen: «Ich kann das alles nicht nachvollziehen, weil ich es nie erlebt habe.» 

Eine Angststörung ist nichts Seltenes und ich hoffe, dass sie bald auch breiter öffentlich thematisiert wird. Denn, wie es im Konzept zum Dokfilm electroboy steht: «Jede Epoche hat ihre Krankheiten. Heute ist es die generalisierte Angststörung, die statistisch gesehen die höchsten Zuwachsraten verzeichnet unter den Volkspathologien der Zeit.» 

«Ich konnte ein Jahr lang nicht aus dem Haus, weil ich draussen keine Luft gekriegt habe.»

Tatsächlich sind Angststörungen ausserordentlich weit verbreitet. Je nach Studie sind zwischen 11 und 25 Prozent der Bevölkerung einmal im Leben davon betroffen. Und weil sie so wenig bekannt sind, wird die Mehrzahl der Angstpatienten erst nach vier bis zehn Jahren adäquat diagnostiziert und behandelt. 

Es gibt Menschen, wahrscheinlich viele, für die eine Störung sichtbar sein muss. Ein Bein weniger, ein Arm ab. Das verstehen sie. Aber dass ich ein Jahr nicht aus dem Haus konnte, weil ich draussen keine Luft gekriegt habe, das übersteigt den engen Horizont ihrer Vorstellungskraft. Aber ich schreie es in ihre Welt hinein und es ist mir inzwischen egal, ob sie es verstehen oder nicht: Es gibt sie und ich habe sie – die Angststörung. 

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • virtale 06.05.2015 11:08
    Highlight Highlight Kann ich sehr gut verstehen und nachfühlen. Ich habe ebenfalls seit Jahren eine generalisierte Angststörung und nehme nun seit mehreren Jahren auch Medikamente dagegen. Die helfen wirklich gut mit kaum Nebenwirkungen. Mittels Therapie habe ich auch den Umgang damit gelernt. Das wichtigste ist, dass ich spüre, wenn ich wieder in Richtung der Störung gehe. Dann hilft nur Stress abbauen. Damit meine ich nicht, nur zu Hause rumhocken, das macht es schlimmer. Mein Hirn muss beschäftigt sein, sonst verstärkt dies die Angst. Auch ist nicht alles negativer Stress.
  • Locusto 02.05.2015 15:08
    Highlight Highlight Der einzige Weg aus dem Sumpf ist das Überschreiben der Angsterlebnisse. Es kommt einem wie ein Todeskampf vor, doch nur durch das Aushalten, angreifen wir der Angst die Macht genommen. Ich vermied jahrelang, ich vermeide heute noch. Aber es ist auch ein verdammt gutes Gefühl, zu siegen, nicht der Angst die Kontrolle zu überlassen.
  • Patrick Toggweiler 02.05.2015 13:37
    Highlight Highlight Hatte das dank falschen Diagnosen 8 Jahre lang. Es geht leider nur weg, wenn man sich der Angst stellt. Wenn man Situationen vermeidet, welche die Attacken auslösen, wirds nur noch schlimmer.
    • saderthansad 03.09.2016 18:16
      Highlight Highlight Danke Patrick. Nur so wird's besser. Du sagst es.
      Ich bin da auch seit Jahren dabei.
      Mit Medis geht's für den Moment besser, aber das Niveau der Angsstörung hält sich.
      Eine Besserung ist nur medikamentenfrei zu "erarbeiten" (nicht lustig), allerdings gefällt dies den Arbeitgebern und den (Taggeld-) Versicherungen nicht besonders.
  • Käpt'n Püppi 02.05.2015 11:29
    Highlight Highlight Danke
  • Fabian Schmid (3) 02.05.2015 09:44
    Highlight Highlight jep. die ersten zeilen beschreiben exakt meine erste panikattacke. das hielt in wellenförmiger intensität für rund drei stunden an. seither gab es immer wieder kleine impulse in diese richtung. im zug, in der schule, während dem einschlafen und während dem moment,wenn ich vergesse was ich sagen wollte.. das läuft seit 6 monaten so.
    • Fabian Schmid (3) 02.05.2015 10:01
      Highlight Highlight aber keine entwickelte sich so heftig wie die erste und nach sekunden ist es praktisch immer vorbei. hoffe das bleibt so und wird sogar noch besser.
  • SVRN5774 02.05.2015 08:25
    Highlight Highlight Ich habe es auch und leide sehr darunter =(

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