Ich habe eine Angststörung. Plötzlich habe ich Atemnot, ein Engegefühl in Brust und Kehle, dann hyperventiliere ich, mein Herz rast, ich schwitze und zittere, mir wird schwindlig. Ich denke: «Das ist ein Herzinfarkt!» Und: «Jetzt sterbe ich!» Aber nein, es sind nur schwere Angstattacken. Sie beschränken sich nicht auf eine spezifische Situation oder besondere Umstände und sind deshalb auch nicht vorhersehbar. «Generalisierte Angststörung» ist die Bezeichnung einer Angst, die von realer Bedrohung losgelöst ist.
Ich war ein Macher. Angst hatte ich selten. Doch dann kam sie. Die irrationale Angst, die dich schachmatt setzt. Sie kommt aus dem Nichts wie Nebel und dehnt sich aus, bis du nichts mehr siehst. Du bist sicher, dass du sterben wirst, wenn du aus dem Haus gehst. Die Reaktion deines Körpers auf die harmlose Situation scheint tödlich. Aber du musst aus dem Haus. Und dann würgt dich die Panik und dein Puls überschlägt sich. Der Boden wird butterweich, das Wasser in deinem Körper fliesst nach draussen, und es quetscht dich aus wie eine Zitrone. Unmöglich, da cool zu bleiben.
Meine Mutter sagt: «Also ich begreife es ja nicht.» Und mein Bruder: «Ich kann es nicht nachvollziehen, weil ich es nie erlebt habe.» Und: «Ich sehe nichts.» Der Laie sieht vielleicht nichts von aussen, viele können irrationale Ängste nicht nachempfinden, also versteht man nicht.
Aber wieso will es mein Umfeld überhaupt verstehen? Ich habe keine Depressionen, ich leide nicht unter Höhenangst, ich habe keine Spinnenphobie, es gibt unglaublich viel, was ich nicht kenne, nie gespürt und nicht gefühlt habe, aber ich würde nicht sagen: «Ich kann das alles nicht nachvollziehen, weil ich es nie erlebt habe.»
Eine Angststörung ist nichts Seltenes und ich hoffe, dass sie bald auch breiter öffentlich thematisiert wird. Denn, wie es im Konzept zum Dokfilm electroboy steht: «Jede Epoche hat ihre Krankheiten. Heute ist es die generalisierte Angststörung, die statistisch gesehen die höchsten Zuwachsraten verzeichnet unter den Volkspathologien der Zeit.»
Tatsächlich sind Angststörungen ausserordentlich weit verbreitet. Je nach Studie sind zwischen 11 und 25 Prozent der Bevölkerung einmal im Leben davon betroffen. Und weil sie so wenig bekannt sind, wird die Mehrzahl der Angstpatienten erst nach vier bis zehn Jahren adäquat diagnostiziert und behandelt.
Es gibt Menschen, wahrscheinlich viele, für die eine Störung sichtbar sein muss. Ein Bein weniger, ein Arm ab. Das verstehen sie. Aber dass ich ein Jahr nicht aus dem Haus konnte, weil ich draussen keine Luft gekriegt habe, das übersteigt den engen Horizont ihrer Vorstellungskraft. Aber ich schreie es in ihre Welt hinein und es ist mir inzwischen egal, ob sie es verstehen oder nicht: Es gibt sie und ich habe sie – die Angststörung.