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Ob «A1» wohl 1A wird? Tobi (links) und Mike Müller als Schattenspieler im Zürcher Schauspielhaus. Bild: Gina Schuler

Mike Müller kennen alle. Seinen Bruder Tobi weniger. Die Geschichte einer grossen Bromance

Seit vier Jahren machen die Müller-Brüder enorm erfolgreiche Theaterprojekte. Nächste Woche haben sie Premiere mit dem Autobahnstück «A1». 



Tobi weiss alles besser, Mike kann alles besser. Tobi, das Superbrain. Mike, der Superstar. Tobi, der Publizist, Moderator und Familienvater in Berlin. Mike, der «Bestatter», die raumgreifende Hälfte von «Giacobbo/Müller». Mike, der irgendwann Schweizer des Jahres werden wird. Garantiert. Und sollte die Abstimmung vom 14. Juni hoffentlich zu Gunsten der SRG ausfallen, dann ist das sicher nicht das Verdienst von Roger de Weck, aber vielleicht von Mike Müller.

Tobi und Mike also, die Müller-Brüder, true Bromance. Sieben Jahre liegen zwischen den Lehrersöhnen aus Olten, Tobi ist der jüngere, aber grauere von beiden. Wenn ihnen langweilig zu werden droht, dann machen sie zusammen Theater. Jetzt zum dritten Mal. Als Theatermacher-Paar sind die beiden wie Tobiässler, wie der älteste und beste Mostapfel der Schweiz, ihre Produkte sind vertraut, zuverlässig, erfrischend, sauer und süss, mit einem raffiniert gebrochenen Gout von Stammtisch. Klug gemachte Unterhaltung.

Erst 2011 der «Elternabend», dann 2013 der «Truppenbesuch», jetzt «A1– Ein Stück Schweizer Strasse», eine multimediale, sozialkritisch-satirische Autobahnfahrt. Sophie Hunger macht mit, erzählt auf der Bühne per Skype von langen Fahrten im Tourbus. Sophie Hunger hat Tobi schon immer gefallen. Kann es sein, dass Sophie Hunger Tobi Müllers Frau gleicht? Tobi sagt dazu nicht Nein.

Gruppenbild mit seltener Dame: Sophie Hunger (hinten), Markus Scheumann, Mike Müller und Michael Neuenschwander (von links).   Bild: Gina Schuler

Mike und Tobi haben also im letzten Sommer eine zweitägige Ost-West-Fahrt auf der A1 gemacht, zusammen mit einer Kamerafrau, Mike am Steuer, mit dem gestutzten, geschwärzten Luc-Conrad-Bart. «Der Bestatter» lebt ja nicht zuletzt von Mikes Fahrkünsten mit dem Leichenwagen. Tobi, kannst du eigentlich auch Auto fahren? «Fahren ja, besitzen nicht. Noch nie.»

Jetzt steht Mike mit Michael Neuenschwander und Markus Scheumann auf der Bühne des Schauspielhauses, in kurzen Hosen und enorm hellblauen Turnschuhen, sie spielen Raststätte. Hinter ihnen läuft der Film über den «Beton-Porno» (die Müllers in der «Zeit») namens A1, es ist ein Theater voller Männer: die drei auf der Bühne, Regisseur Rafael Sanchez, Dramaturg Tobi, Ton, Technik, Licht, von der Leinwand herab spricht Herr Giezendanner, aber auch ein polnischer Lastwagenfahrer. Ein einziges Bro-Projekt, zum Glück ist da noch Sophie H.

«Wir fahr'n, fahr'n, fahr'n auf der Autobahn/
Vor uns liegt ein weites Tal/
Die Sonne scheint mit Glitzerstrahl.»

Aus «Autobahn» von Kraftwerk

Vor fast zwanzig Jahren habe ich Tobis ersten Presseausweis gebastelt. Oder vielleicht auch gefälscht. Auf jeden Fall ist er damit günstiger in ein paar Museen und Theater reingekommen. Zum Dank erzählte mir Tobi die Geschichte, wie er während eines Austauschjahrs in Amerika mit Kid Rock «ein paar Riffs» gespielt habe. Und dass die Amerikaner seine kontinentaleuropäischen Unterhosen im Vergleich zu ihren Boxershorts enorm frivol gefunden hätten. 

Bild

Prost Most! bild: sammlung zhdk

Mike Müller Tobi Müller A1 Autobahn

Big Brother Mike mäkelt an Tobi herum. Bild: Gina Schuler

Später waren wir zusammen in der Marx-Lesegruppe und beim «Tages-Anzeiger». Und Tobi wusste fast immer alles besser. Meistens hatte er ja auch recht. Aber manchmal war er auch einfach nur ein Freund. Der enorm fein Pasta kochte, eine gute Stereoanlage besass und sich von seinem Bruder eine gewisse Überheblichkeit in Sachen Kaffee aufschwatzen liess. Höchst wahrscheinlich ist Kaffee wirklich das einzige Thema, bei dem Mike Müller unangenehm werden kann. Denn sonst gilt, was Tobi einmal über ihn schrieb: «Die Hälfte seines Erfolges gründet in der schlichten Tatsache: Mein Bruder ist kein Arschloch.» Tobi auch nicht.

Vor fast zwanzig Jahren habe ich Mike zum ersten Mal auf der Bühne gesehen und nicht gewusst, dass er Tobis Bruder ist. Aber nachdem ich es wusste, war mir auch klar, wieso Tobi damals so irrsinnig gerne über Kleintheater schrieb. Wieso er zum Beispiel schrieb, dass Kleintheater enorm viel lustiger sei als alles im Schweizer Fernsehen. Ausser natürlich «Viktors Spätprogramm» mit den regelmässigen Auftritten von Mike, aber das schrieb er lieber nicht.

«Die Fahrbahn ist ein graues Band/
Weisse Streifen, grüner Rand/
Jetzt schalten wir das Radio an.»

Aus «Autobahn» von Kraftwerk

Mit Mike auf der Bühne war das damals so: Er kam, spielte, und am nächsten Tag redeten alle Frauen nur über ihn. Obwohl er auf der Bühne von lauter Männern umgeben war, die alle an einem Model-Casting hätten teilnehmen können. Oder bei der «Bachelorette». Einen von ihnen nannte man damals sogar den Alain Delon der Schweiz. Heiraten wollten die Frauen trotzdem nur Mike. WEIL MIKE STRIPPTE! Zu «Teddy Bear» von Elvis. Das Stück hiess «Forever Godard», Mikes Rolle hiess Ike, Ike war unglücklich und führte einen Videoladen. Etwa so wie Stuart mit seinem Comicbuchladen in der «Big Bang Theory». Oder so wie John Cusack mit seinem Plattenladen in «High Fidelity». 

Mike Müller Tobi Müller A1 Autobahn

Für Theaterfreaks, frei nach Elfriede Jelinek: Raststätte oder sie machen alles. Bild: Gina Schuler

Damals begann auch die grosse Freundschaft mit Viktor Giacobbo, begann in «Viktors Spätprogramm», ging weiter im Kinofilm «Ernstfall in Havanna», führte ins Casinotheater Winterthur und irgendwann wieder gemeinsam ins Fernsehen, das seither ohne Mike nicht mehr denkbar ist. Von Tobi weiss ich, dass er früher in Zürich mal in einer Wohnung mit Dachterrasse wohnte, mal in einer Dachwohnung ohne Terrasse, mal in einem der bunten Häuser an den Bahngeleisen und mal an der Limmat, auf jeden Fall in den Kreisen 3, 4 und 5. In Berlin wohnt er in Prenzlauer Berg. Mike wohnt einfach im Fernsehen.  

Manchmal ist ihm das zuviel, dass ihn das Fernsehen zum berühmtesten Herrn Müller der Schweiz gemacht hat. Manchmal gibt es für ihn diese Momente in der Öffentlichkeit, in denen man ihm ansieht, jetzt fühlt er sich beobachtet, jetzt fällt selbst ihm die grosse Gelassenheit ein ganz klein wenig schwerer als sonst. Mike nennt das seine «sehnigen» Tage. Dann wäre er vielleicht am liebsten wieder wie früher mit dem Velo an der Aare zwischen Aarau und Olten und würde so allein wie möglich durch die Aare-Auen fahren. Oder auch mit einer schönen Frau an seiner Seite. Mike Müllers Freundinnen sind nämlich immer ausnehmend schön. 

Es sei ihm nicht klar gewesen, sagt Tobi, wie sehr sich die Popularität seines Bruders durch den «Bestatter» noch einmal potenziert habe, wie irrsinnig gross das Medieninteresse an ihrer «A1» jetzt sei. Klar, in Berlin ist auch Mike Müller nur irgendein Herr Müller. 

«A1 – Ein Stück Schweizer Strasse»: Premiere am 28. Mai im Zürcher Schauspielhaus.

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