Russland
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Feindbild des Kalten Kriegs: Briefmarke zu Ehren der Roten Armee. Bild: Shutterstock/rook76

Kalter Krieg reloaded

Der «BöFei» ist zurück: Warum wir es lieben, Russland zu hassen

Die Krim-Krise zeigt es einmal mehr: Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist ein einziges Un- und Missverständnis. Zeit für ein paar klare Gedanken.



Meine Zeit in der Schweizer Armee begann vor 30 Jahren, in der Endphase des Kalten Kriegs. In der Rekrutenschule wurde kein Zweifel daran gelassen, wo der Feind hockt: Er war rot, kam aus dem Osten und war mit MiG-Kampfjets und T-72-Panzern bewaffnet. 

Die Neutralität der Schweiz zählte bei diesen Szenarien nicht, das «Reich des Bösen» (Zitat Ronald Reagan) war eindeutig die Sowjetunion. Oder «die Russen», wie man der Einfachheit halber zu sagen pflegte.

Das Feindbild meldet sich zurück

Die Sowjetunion ist Geschichte, das Feindbild aber hat überlebt. Und nun meldet es sich zurück. Die Kalte-Krieg-Rhetorik feiert mit den Umwälzungen in der Ukraine und dem Streit um die Krim im Westen ein Comeback. 

Während der Georgien-Krise 2008 flackerte sie bereits auf, doch Georgien, das liegt irgendwo hinter den sieben Bergen des Kaukasus. Die Ukraine dagegen ist ein «echter» Teil Europas. Der russische Bär lässt vor unserer Tür die Muskeln spielen.

US-Republikaner jubilieren

Die Rolle des Oberschurken spielt derzeit Präsident Wladimir Putin. Er zeige nun «sein wahres Gesicht», kommentierte die NZZ stellvertretend für fast alle westlichen Medien. Putin, der eiskalte Machtmensch, der die schwächlichen Politiker im Westen vor vollendete Tatsachen stellt. 

Besonders die republikanischen Hardliner in den USA reagieren geradezu begeistert auf die Rückkehr des alten Feindes. «Ich habe es euch ja gesagt», twitterte Sarah Palin, die ehemalige Gouverneurin des (ehemals russischen) Bundesstaats Alaska.

«Putin kann sich selbst nicht so richtig entscheiden, wer er sein will. Er versinkt ständig im Nichts.» Der dies sagte in einem Interview mit dem «Spiegel», ist Wiktor Jerofejew, Schriftsteller und führender Intellektueller im heutigen Russland

Ein Gedanke, der bewegt. Könnte es sein, dass Putin in der Krim-Krise mehr ein Getriebener ist als der Antreiber? Dass er sich durch das Aufbegehren der russischstämmigen Bevölkerung gezwungen fühlte, militärisch Präsenz zu markieren? Doch für Zwischentöne dieser Art ist in den hiesigen Debatten kein Platz.

Antreiber oder Getriebener? Wladimir Putin beim Manöverbesuch. Bild: AP/RIA Novosti Kremlin Press Service

Russland und Europa – das ist die Geschichte eines grossen Missverständnisses. Schon Alexander Puschkin, der Lieblingsdichter der Russen, beklagte die Ignoranz Europas gegenüber seinem Land, das immerhin den Mongolensturm aufgehalten hatte. 

«Wir Russen brauchen einen Zaren.»

Fremdenführerin in St. Petersburg

Umgekehrt erkannte Puschkin auch die Gründe für die Entfremdung: Renaissance, Reformation und Aufklärung, die das westliche Europa umpflügten und geistig voran brachten, hatten an Russlands Grenzen Halt gemacht. Reformen wurden von oben verordnet, von westlich orientierten Zaren wie den beiden «Grossen» Peter und Katharina (eine deutsche Prinzessin) oder Alexander II..

Russen sind obrigkeitshörig

Bewirkt haben sie wenig, und auch der Kommunismus war für das Land weit mehr Fluch als Segen. Die berüchtigte Obrigkeitshörigkeit der Russen ist nicht bloss ein Klischee. Als ich vor einigen Jahren erstmals nach langer Zeit in Russland war, wurde ich von einer jungen Frau durch den Palast von Zarskoje Selo bei St. Petersburg geführt. Sie sprach perfekt deutsch, kannte die westliche Kultur, und doch schwärmte sie von Wladimir Putin: «Wir Russen brauchen einen Zaren», meinte sie.

Spätestens da wurde mir klar, dass Russland anders tickt.

Zar Peter der Grosse wollte Russland mit Gewalt modernisieren. Bild: Gemeinfrei

«Putin ist wahrscheinlich liberaler als 80 Prozent der russischen Bevölkerung», sagte Wiktor Jerofejew im «Spiegel»-Interview. Ein paradoxer Satz, denkt man an die Drangsalierung von Andersdenkenden oder Homosexuellen. Von den immensen Problemen, mit denen sich das riesige Land konfrontiert sieht, ganz zu schweigen. Eine nicht geringe Schuld daran trägt der Präsident, der seit 15 Jahren an der Macht ist und es versäumt hat, die nötigen Reformen konsequent anzupacken.

«Putin ist wahrscheinlich liberaler als 80 Prozent der russischen Bevölkerung.»

Wiktor Jerofejew, Schriftsteller

Und doch ist Russland heute freier als je zuvor in seiner Geschichte. Und überhaupt, was wären die Alternativen? Der Kommunist Sjuganow? Der Ultranationalist Schirinowski? Der Rückhalt für eine westliche Demokratie ist nach dem Chaos der Jelzin-Jahre gering. Putin ist da das kleinere Übel.

Öfter vom Westen angegriffen als umgekehrt

Natürlich sind seine Machtspiele in den Nachbarländern unsympathisch, seine Versuche, den Untergang der Sowjetunion (laut Putin «die grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts») zumindest teilweise zu revidieren.

Doch man vergisst, dass Russland öfter vom Westen angegriffen wurde als umgekehrt. 1707 marschierte der schwedische König Karl XII. ein, 1812 Napoleon Bonaparte und 1941 Adolf Hitler. Sie unterschätzten Russland kolossal, ihre Heere wurden von den unendlichen Weiten und den eisigen Wintern regelrecht verschluckt.

Der Westen hat Russland überfallen, nicht umgekehrt: Deutsche Soldaten marschieren nach der Schlacht von Stalingrad in Gefangenschaft. Bild: AP ARCHIV

Doch der Blutzoll war fürchterlich. Die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust sind allgemein bekannt. Wer aber weiss, dass in der Sowjetunion bis zu 40 Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg starben? Das ist fünfmal die heutige Bevölkerung der Schweiz. 

Russlands Misstrauen gegenüber Amerika und Europa wirkt oft irrational, ist vor diesem Hintergrund aber verständlich. Im Kalten Krieg hatten die Russen jedenfalls vor dem Westen und seinen Atomwaffen so viel Angst wie umgekehrt. Was man damals konsequent ausblendete.

Russland ist nicht nur Opfer

Als Opfer allein taugt Russland aber nicht, es hat seine aggressiven Seiten, etwa die Sehnsucht des kalten Landes nach den «warmen Meeren», die unter anderem zur Eroberung der Krim geführt hatte. 

Und kein Land Osteuropas hat das Leiden unter der Knute der Sowjets vergessen. Entsprechend empfindlich reagieren Polen, Tschechien oder die baltischen Staaten auf Putins Muskelspiele. Zu bedenken ist dabei, dass die eigene Bevölkerung wohl am meisten unter der Willkür gelitten hat, etwa während der Terrorherrschaft von Josef Stalin.

Die Zivilgesellschaft entsteht

Ob Klischee oder nicht: Russland ist anders. Alles ist grösser, unfassbarer, sogar der Himmel, dachte ich bei meinem Besuch vor einigen Jahren. 

«Der grösste Fehler, den der Westen machen kann, ist es, Russland zu isolieren.»

Wiktor Jerofejew, Schriftsteller

Das Missverständnis muss trotzdem nicht ewig bestehen bleiben, das zeigt die neue Zivilgesellschaft, die im Entstehen begriffen ist und die von den Frauen von Pussy Riot und anderen mutigen Menschen verkörpert wird, die gegen Putin auf die Strasse gingen und dafür mit langen Haftstrafen büssen müssen. 

«Der grösste Fehler, den der Westen machen kann, ist es, Russland zu isolieren», mahnt Wiktor Jerofejew. Positive Entwicklungen gilt es zu fördern, zum Beispiel mit einer Aufhebung der Visumspflicht. 

Je besser man sich kennt, umso mehr verblasst das Feindbild.

Lesetipp: Henry Kissinger hat eine exzellente Analyse zur Ukraine verfasst. Der «Grand Old Man» der US-Aussenpolitik versteht es einmal mehr, die Dinge ins richtige Licht zu rücken.

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