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watsons Lach- und Sachgeschichten 

8 ÖV-Storys des Grauens – für alle Working Class Heroes da draussen

Zu. Viele. Menschen. Bild: KEYSTONE



Liebe Leidesgenossin, lieber Leidesgenosse!

Diese Geschichten sind für Euch. Für all jene, die sich täglich durch überfüllte Züge, Postautos, Busse und Trams mit ungehobelten Männern, Frauen und Kindern quälen. Für alle Working Class Heroes, die herumspickende Fingernägel abwehren und gefährlich annähernden Achselhöhlen ausweichen müssen. Denkt immer daran: Ihr seid mit Euren traumatischen Erlebnissen nicht allein. Ganz im Sinne von «Geteiltes Leid ist halbes Leid»: watsons schrecklichste Pendler-Erlebnisse als Kurzgeschichten. Und bitte: Erzählen Sie uns auch Ihre!

«Sie drückt und drückt und drückt und schmiegt sich schliesslich an mich.»

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GIF: Gifbay

Okay. Ich hab weissgottschon viele Geschichten im Zürcher 32er- und 33er-Bus erlebt. Mir wurde von einem bereits dreimal Verstorbenen der Glaube an Gott aufgezwungen und eine Haltestelle weiter vom nächsten Satanisten wieder ausgetrieben, ein verwirrter Bub hat mich mit einer Banane beworfen und ein gewiefter Geschäftsmann eine niegelnagelneue Gucci-Uhr für 35 Franken angeboten. Das war ja alles noch irgendwie lustig. 

Aber heute Morgen hat eine Dame den Vogel abgeschossen. Es ist zehn vor acht, ich auf dem Weg zur Arbeit, der Bus vollgestopft, die Türen piepen ständig, der Busfahrer brummt «HetkäplatzgöndUSE» durch die Lautsprecher – aber dennoch schafft sie es, sich vorne reinzudrücken. Sie drückt und drückt und drückt und schmiegt sich schliesslich an mich. Es steigt mir ein Duft in die Nase, der mich an meinen Onkel erinnert. Wir fahren los. Die erste Kurve und: Ich bin voller Denner-Bier. Ja, die gute Frau hat es sich nicht nehmen lassen, ihr Guten-Morgen-Getränk im vollen Bus zu saufen. Und mich daran teilhaben zu lassen. Wäh. Echt wäh!!!

Lina «The Blob» Selmani

«Das hässliche Klack-Geräusch wird nur noch übertroffen, wenn einem das Horn des Sitznachbarn in hohem Bogen auf den Schoss fliegt.»

Wer Kulturpessimist ist, hat sich langsam schon daran gewöhnt, dass es Mitmenschen gibt, die den Anstand mit Füssen treten. Es sind jene Personen, die sich ihrer Schuhe entledigen, während sie in Tram oder Bus durch die Weltgeschichte gondeln. Die Folgen können gravierend sein: Sie reichen von der Zurschaustellung infantiler Socken über die Geruchsbelästigung durch infantile Socken bis zum Ausziehen jener infantilen Socken. 

Und wenn der Fuss erst einmal nackt ist, ist nichts mehr heilig. Denn es gibt wirklich Erdbewohner, die fünfe nicht gerade sein lassen können. Gemeint sind die menschlichen Zehen, die von einigen ihrer Besitzer tatsächlich im öffentlichen Nahverkehr gekürzt werden. Eine solche Beschneidung ist ein Dolchstoss in den Rücken jedes Ästheten: Das hässliche Klack-Geräusch wird nur noch übertroffen, wenn einem das Horn des Sitznachbarn in hohem Bogen auf den Schoss fliegt. Es ist der Moment, in dem sich Podophobe mit einem Schwall Erbrochenem (in hohem Bogen) beim Grüsel bedanken wollen.

Philipp Dahm

«Haha, Vollidiot, Du bist so dumm, so dumm, so dumm. Ein Vollidiot!»

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GIF: Reddit

Die Szene fand in einem fast leeren Bus der Nummer 72 auf der Hardbrücke Richtung Albisriederplatz statt. Ich glaube rauszumüssen und drücke deshalb den Halteknopf, bemerke aber gleich, dass dies nicht meine Station ist und bleibe also doch sitzen. Die Türen schliessen sich wieder, ohne dass jemand ein- oder ausgestiegen wäre. Bald schon tippt mir jemand von hinten auf die Schulter. 

Es ist ein junger Mann mit geistiger Behinderung. Und er schreit mir ins Gesicht: «Du bist so ein Vollidiot! Einfach drücken und nicht rausmüssen. Haha, Vollidiot, du bist so dumm, so dumm, so dumm. Ein Vollidiot!» Der Typ will nicht aufhören, kommt immer näher, wird immer lauter. Also stehe ich auf und brülle ihn an: «Jetzt hebsch eifach d'Frässi!» Der Typ schaut verdattert zu mir hoch und ich steig mit einem echt schlechten Gewissen aus dem Bus. Berechtigt?

Patrick Toggweiler

«Das grösste Problem in ÖVs ist der Mann an sich.»

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GIF: Giphy

Ich würde gerne einen Deo-Zwang in ÖVs einführen. Rasend gerne. Besonders im Sommer und ganz besonders für Männer. Ebenfalls würde es mich freuen, dass Männer, wenn sie sich neben mich setzen, von einem Zweierplatz nicht automatisch eineinhalb Plätze beanspruchen, sondern ganz exakt einen. Rasend macht mich das.

Noch rasender machte mich nur einmal einer in einem Bus mitten in Bern. Ich hab's allerdings zuerst, ganz ehrlich, nicht mal gemerkt. Ich dachte halt, alles um mich herum ist hart: Die Buswand zu meiner Linken, die Aktentasche zu meiner Rechten, die dünne Frau vor mir. Dass das Ding an dem Mann hinter mir ganz ungehörig hart war, das bemerkte damals zuerst mein total empörter Begleiter. Den Mann hinter mir hat das einen Dreck gekümmert. Und deshalb muss ich leider zusammenfassend konstatieren: Das grösste Problem in ÖVs ist der Mann an sich. 

Simone Meier

«Durch meine Kopfhörer hörte ich nichts, sonst wäre ich vielleicht schon früher auf die verstörende Wahrheit gestossen...»

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Bild: Reddit

Ich oute mich zuerst mal: Ich bin ein Pendler. Meistens sogar ein sehr fröhlicher Pendler. Vielleicht rührt die Zufriedenheit daher, dass ich im Zug eigentlich immer schlafe. Von Basel nach Zürich schlafe ich. Und zurück auch. Das einzige, was mich in diesem Dämmerzustand noch interessiert, ist, ob mein Mund sich ohne mein Wissen höchst unvorteilhaft öffnet und – oh Graus – vielleicht sogar ein bisschen Sabber über den Mundwinkel läuft. Einmal aber kam ich nicht einmal dazu, mich dieser Frage zu widmen, weil ich da einen gegenüber hatte ... also, da hätte ich lieber eine Stunde lange gesabbert! Stutzig wurde ich, weil der Mann sein Magazin verkehrt herum hielt. Er las also nicht, folgerte ich daraus. 

Durch meine Kopfhörer hörte ich nichts, sonst wäre ich vielleicht schon früher auf die verstörende Wahrheit gestossen. Und man schaut ja auch nicht immer so blöd rüber. Man guckt aus dem Fenster, schreibt SMS, liest watson oder was weiss ich. Wie aus dem Nichts war sie da, die Gewissheit, was dieser Grüsel treibt. Man konnte das aus dem Augenwinkel an schneller werdenden Handbewegungen plötzlich erkennen. Die Zeitung diente nur als spanische Wand. Dahinter verbarg sich ein rubbelnder Perverser. Ich war weg, bevor es zum bitteren Ende kam.

Anna Rothenfluh

«... und plötzlich fiel ungefähr ein Liter Flüssigkeit aus ihrem Gesicht.»

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Nach einem Konzert im Hallenstadion sassen mir im Tram in einem Vierer zwei junge Frauen gegenüber. Von Beginn an wunderte ich mich über den fürchterlich grimmigen Blick der einen, obwohl eigentlich alle wegen der Show (noch) gut gelaunt waren. Doch nach circa zwei Minuten wurde mir einiges klar. 

Die junge Frau drehte den Kopf zur Seite, in Richtung des Ganges, und plötzlich fiel ungefähr ein Liter Flüssigkeit aus ihrem Gesicht. Mit normalem Übergeben hatte das wirklich nichts zu tun. Das, was da eben zu Boden plätscherte, war Rotwein. So sah es auch aus und so roch es auch. Die Unmengen saurer Suppe breiteten sich bei jedem Anfahren (und Bremsen) im gesamten Tram aus. Aber immer noch besser als halbverdautes Essen. 

Viktoria Weber

«Und wer wird dann eingeschläfert?»

Selber wurde ich zum Glück noch nie ungebeten angefingert. Dafür aber mein Hund, der sich nicht wehren kann. Und würde er sich wehren, hätte der Grabscher womöglich einen halben Finger weniger. Und wer wird dann eingeschläfert? Wahrscheinlich nicht der ältere Herr, der Hundis Schnauze grob begrabbelt und durch das ganze Zugabteil der S7 «Jooo, wär bisch denn du-u?» blökt. Schlimmer sind nur noch die Mütter, die ihren Kinderlein im Zug zuflüstern: «Hast du den Wau-Wau gesehen? Guck, den darfst du sicher streicheln.» Darfst du NICHT!

Madeleine Sigrist

«Am meisten verstörte mich eine vermutlich Achtjährige, die wütend auf meine Box einschlug.»

Für einmal war nicht ich Opfer eines öffentlichen Ärgernisses im ÖV, sondern der Verursacher. Zur Stosszeit – bei gefühlten 50 Grad Celsius – musste ich in einem Baumarkt einen Gartenschrank kaufen und diesen irgendwie an den Zürcher Albisriederplatz befördern. Ohne Auto war es naheliegend, munter die drei mal vier Meter grosse Box via Lift auf die Hardbrücke zu hieven, um den 33er zu nehmen. Drei überladene Busse liess ich vorbeifahren. Dann riss mein Geduldsfaden. Der nächste sollte es sein. 

Kurzerhand stopfte ich mich in das überfüllte Verkehrsmittel. Ehe sich die zerquetschten Menschen wehren konnten, schlossen sich hinter mir die Türen. Dann ging's los. Eine menopausierende Tante, offensichtlich geplagt von der Hitze und von meinem Mobiliar, fing lauthals zu schreien an. Was für ein Habasch und Zurückgebliebener denn zur Rush Hour auf so eine behämmerte Idee käme. Das Bashing brach sich innert Augenblicken Bahn: Vom Banker bis zur Oma waren alle dabei, es hagelte Schimpfe: «Mongo, Dubbel, Gang usse, Figg Di, Wiggser!» 

Am meisten verstörte mich eine vermutlich Achtjährige, die wütend auf meine Box einschlug. Als wäre das schon nicht genug gewesen: Stau. Die eigentlich fünfminütige Fahrt verlängerte sich auf ein halbstündiges Fiasko. Der Busfahrer öffnete dann kurz vor kollektiven Handgreiflichkeiten an der Bullingerkreuzung zwischen Albisriederplatz und Hardplatz die Türe und rief mir helfend zu: «Rette Dich!». Ich stürzte aus dem Bus und liess den Hass hinter mir. Zum Abschied zeigte mir die Achtjährige den Stinkefinger. 

Can Kgil

Bonusgeschichte

«Es hätt au Negerinnä.»

Greis 1 zu Greis 2.

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Vor ein paar Jahren sass ich eines Nachts hinter zwei greisen Männern im 32er von der Langstrasse in Richtung Bucheggplatz. Ihr Gespräch kann ich heute noch fast wortwörtlich zitieren:

Greis 1 zu Greis 2:

«Daschetzt herrlich gsii.»

Greis 2 zu Greis 1:

«Früänär häsch müässä froh si, wennt eini übercho häsch.»

Greis 1 zu Greis 2:

«Jetzt chasch uusuächä – und es hätt au Negerinnä.»

Greis 2 zu Greis 1:

«Ich han minärä 20 Frankä extra zallt. Isch ä liäbi gsii»

Greis 1 zu Greis 2:

«Blöd, dass de Koni nie mitchunt.»

Greis 2 zu Greis 1:

«De mit sinärä Chuä dihei.»

Patrick Toggweiler

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