«Diese Chance wird nicht so schnell wieder kommen» – die grösste Gefahr für die SRG
Herr Hermann, wenn die Hälfte der Stimmbevölkerung an die Urne geht, gilt eine Vorlage als so richtig polarisierend. Welche der Vorlagen vom 8. März hat dieses Potenzial?
Michael Hermann: Das ist am ehesten bei der SRG-Initiative der Fall. Sie dominiert die Debatte und beschäftigt die Menschen am meisten.
Bei der SRG-Initiative wird es laut den ersten Umfragen eng: Woran entscheidet sich das Rennen am Ende?
Was wir typischerweise von Initiativen kennen, ist, dass die Zustimmung eher sinkt über die Zeit. Das könnte auch hier geschehen, wenn ein Teil der Leute, die zuerst dachten, Radio und Fernsehen liessen sich problemlos auch für 200 Franken machen, sich nun vermehrt den weitreichenden Konsequenzen bewusst werden. Etwa durch all die beliebten Schweizer Sportler wie Marco Odermatt, die von den negativen Folgen warnten.
Wie stark sinkt die Zustimmung in der heissen Phase des Abstimmungskampfes?
Der Ja-Anteil der ersten Umfrage ist im Schnitt 14 Punkte höher als das Resultat am Schluss. Es kommt bei Initiativen sehr selten vor, dass sie am Abstimmungssonntag eine höhere Zustimmung haben als in früheren Umfragen. Das war etwa bei der Masseneinwanderungs- oder Abzocker-Initiative der Fall.
Dass Umfragen keine Glaskugeln sind, hat sich zuletzt bei der E-ID gezeigt, bei der niemand ein knappes Rennen vorausgesagt hatte. Was ist aus Ihrer Sicht der Hauptgrund, wenn Umfragen stark danebenliegen?
Tatsächlich liegen selbst die Umfragen, die kurz vor den Abstimmungen erhoben werden, im Durchschnitt ganze 5 Prozentpunkte daneben. Dies, obwohl der ausgewiesene statistische Fehlerbereich viel kleiner ist. Gründe für diese Abweichungen können eine späte Mobilisierung oder eine falsch eingeschätzte Mobilisierungsdynamik sein. Zudem gibt es bei jeder Umfrage Gruppen, die unterrepräsentiert sind. Die dadurch entstehenden Verzerrungen lassen sich mit statistischen Methoden nicht immer hinreichend korrigieren.
Ein Politologe sagte watson: Bei der E-ID sei ein staats- und digitalisierungsskeptisches Milieu besonders aktiv gewesen, das in Umfragen schwerer zu erreichen sei. Sehen Sie dieses Muster auch aktuell?
Mein erster Gedanke war auch, dass man misstrauische Leute, die gegenüber Datenerfassung skeptisch sind, schlechter erreicht. Diese wollen weniger digitale Spuren hinterlassen. Das kann ein Faktor sein. Aber wie gesagt: Das E-ID-Resultat war kein riesiger Ausreisser im Vergleich zu anderen Umfragen.
Das haben gewisse Menschen anders empfunden. Die junge SVP hat nach der E-ID-Abstimmung Instituten wie Ihrem Sotomo vorgeworfen, Stimmbürger zu manipulieren. Tun Sie das?
Das knappe Abstimmungsresultat zeigt doch genau, dass die Stimmbevölkerung trotzdem das macht, was sie möchte, egal was Umfragen voraussagen. Und es gibt Studien, welche die Wirkungen von Umfragen auf das Abstimmungsverhalten untersucht haben.
Was sagen diese aus?
Sie zeigen, dass die Effekte von Umfragen selten klar in eine Richtung gehen, also weder Gegner noch Befürworter stärker mobilisieren. Was Umfragen jedoch tun: Sie regen die Debatte an. Bei gewissen Vorlagen denkt im Vorfeld niemand daran, dass sie eine Chance haben. Wenn Umfragen dann zeigen, dass sie mehrheitsfähig sein könnten, setzen sich die Menschen damit stärker auseinander.
Der Vorwurf, dass viele zu den Gewinnern gehören wollen und entsprechend den Trendumfragen abstimmen, ist also wissenschaftlich nicht bewiesen?
Genau. Denn es kann genauso gut einen Underdog-Effekt geben, weil man denkt, man gehört zu den Verlierern und muss stärker mobilisieren. Oder man denkt, man gehört zu den Gewinnern, und geht nicht abstimmen.
Sie haben gesagt, dass man nie die ganze Dynamik einer Abstimmung erfassen kann. Bei der Bargeld- und SRG-Initiative könnten wieder vermehrt schwer greifbare staats- und digitalisierungskrische Stimmbürger an die Urne gehen. Wie gross ist deren Effekt?
Ich finde es sehr schwierig, hier ein klares Muster zu erkennen. Viele ältere Menschen nutzen Bargeld gerne und konsumieren SRF-Inhalte ebenso gerne. Aber klar: Beide Initiativen sprechen Personenkreise an, die skeptisch gegenüber der Staatsmacht sind. Und diese Gruppen könnten in den Umfragen unterrepräsentiert sein. Unsicherheit gibt es jedoch noch aus einem anderen Grund.
Darum geht es bei der SRG-Initiative
Wegen welchem?
Allenfalls unterschätzen die Umfragen, dass die SRG-Initiative Milieus mobilisiert, die sonst weniger abstimmen gehen, nun aber teilnehmen, weil sie unmittelbar finanziell entlastet werden. Das Thema Lebenshaltungskosten wurde in den letzten Jahren immer entscheidender bei Abstimmungen. Kritiker des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gab es hingegen schon immer, doch das Kostenargument ist wichtiger geworden.
Die SRG-Initiative ist die erste Abstimmung in den letzten Jahren, die allen Schweizer Haushalten sofort eine finanzielle Entlastung bringt. Wird das für eine grössere Mobilisierung sorgen?
Die Stimmung im Land ist geprägt von steigenden Kosten bei den Prämien und den Mieten. Dazu kommt die geplante Mehrwertsteuer-Erhöhung für die AHV und die Armee. Das Besondere an der SRG-Initiative ist, dass alle genau sehen, was sie einsparen. Wer Druck auf das Portemonnaie spürt, sieht hier eine Möglichkeit, direkt Geld zu sparen. Und diese Chance kommt vermutlich nicht so schnell wieder. Wie stark dies die ansonsten stimmabstinenten Jungen mobilisiert, ist für mich eine offene Frage. Deshalb lese ich die Umfragen mit einer gewissen Vorsicht.
