Schweiz
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Italienische Gastarbeiter warten am 17. Dezember 1966 auf dem Hauptbahnhof in Zuerich auf Informationen ueber die Streiks in Italien. Die Gastarbeiter wollen die Feiertage ueber Weihnachten in ihrer Heimat verbringen. (KEYSTONE/Str)

Italienische Gastarbeiter warten im Dezember 1966 im Hauptbahnhof Zürich auf einen Zug Richtung Heimat.
Bild: KEYSTONE

Die Schweiz holte Gastarbeiter und erhielt Mitbewohner: Geschichte einer schwierigen Beziehung

In kaum einem europäischen Land leben so viele Menschen mit Migrationshintergrund wie in der Schweiz. Sie arbeiten und sichern unseren Wohlstand. Warum tun wir uns trotzdem schwer damit, sie als vollwertige Mitbewohner zu akzeptieren?



Wer das Verhältnis zwischen Schweizern und Ausländern beschreiben will, landet unweigerlich bei Max Frisch. Sein Satz «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen» ist vielleicht zu oft zitiert worden. Zeitlos gültig bleibt er trotzdem, besonders wenn man liest, was der Grossschriftsteller 1965 im Vorwort zum Buch «Siamo Italiani» genau geschrieben hat: «Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.»

Das Buch erschien auf dem Höhepunkt des wirtschaftlichen Nachkriegsbooms, der eine grosse Einwanderungswelle zur Folge hatte, vorab aus Italien. Längst nicht alle Angehörigen des «kleinen Herrenvolks» hiessen die oft lauten und temperamentvollen «Gastarbeiter» willkommen. «Überfremdung» wurde zum politischen Kampfbegriff. Ein Zürcher Grossbürger namens James Schwarzenbach lancierte die nach ihm benannte Volksinitiative, die eine Begrenzung des Ausländeranteils auf zehn Prozent verlangte und 1970 einen Ja-Anteil von 46 Prozent erreichte.

Fernsehbericht von 1962: Werden Gastarbeiter aus Italien gut behandelt?
video: srf

In den folgenden Jahren wurden weitere «Überfremdungs-Initiativen» eingereicht, die ausnahmslos abgelehnt wurden. Wenige Tage vor einer dieser Abstimmungen erzählte mir ein Schulfreund, wie sein Vater – Inhaber einer Spenglerei – einem italienischen Angestellten auftrug, was er am folgenden Montag zu erledigen habe. Dieser habe geantwortet: «Vielleicht muss ich dann schon ‹s' Köferli› packen.» Wir lachten, aber für den Italiener war es der bittere Ernst.

Er musste nicht packen. Seither sind rund 40 Jahre vergangen. Der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung in der Schweiz beträgt fast 25 Prozent. Mehr als ein Drittel aller Einwohnerinnen und Einwohner hat einen Migrationshintergrund: Sie sind Ausländer, Eingebürgerte oder gebürtige Schweizerinnen und Schweizer, deren Eltern beide im Ausland geboren wurden. In kaum einem europäischen Land leben so viele Menschen mit «fremden» Wurzeln.

Von «Überfremdung» redet trotzdem kaum noch jemand, zumindest in der Öffentlichkeit. Menschen mit Migrationshintergrund sind auf den ersten Blick akzeptiert, man anerkennt, dass sie in Frischs Terminologie «für den Wohlstand unerlässlich» sind. Dank unseres Bildungssystems gelingt ihnen der Einstieg in die Arbeitswelt. In der Schweiz brennen keine Asylunterkünfte, es gibt wenige Übergriffe mit fremdenfeindlichem Motiv. Bei uns findet man auch keine «Ausländer-Ghettos» wie in Frankreich oder Belgien.

Politiker vor allem bürgerlicher Couleur brüsten sich gerne damit, wie ausländerfreundlich die Schweiz doch sei, nicht zuletzt bei Auftritten im Ausland. Aber ist trifft das auch zu?

«Ich bin Eidgenosse, denn Schweizer kann jeder werden.» Papierlischwiizer eben, höchstens geduldet, kaum akzeptiert.

Man muss nicht die zahllosen Gehässigkeiten gegenüber Ausländern in den sozialen Medien zitieren, um das schöne Image einer xenophilen Schweiz zu hinterfragen. Der Begriff «Gastarbeiter» mag aus der Mode gekommen sein, doch nach wie vor ist die Ansicht verbreitet, wonach Ausländer «Gäste» in der Schweiz sind, auch wenn sie seit Jahrzehnten hier leben.

Man toleriert sie, so lange sie Geld bringen oder arbeiten, aber eigentlich erwartet man, dass sie irgendwann gehen. Und wenn sie sich nicht zu benehmen wissen, wirft man sie hinaus.

Werner Stauffacher, Walter Fuerst und Arnold von Melchthal beschliessen den Bund der drei Eidgenossen gegen die Tyrannei anlaesslich der Tell-Freilichtspiele am Montag, 23. Juni 2014 in Interlaken. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Rütlischwur bei den Tellspielen in Interlaken: Eidgenosse wird zum Ausdruck der Abgrenzung gegen «Papierlischwiizer».
Bild: KEYSTONE

Mit dieser Einstellung tun sich viele Menschen mit Migrationshintergrund schwer. Der Publizist Lukas Tonetto hat dazu für die Silvesterausgabe der «Aargauer Zeitung» einen glänzenden Essay verfasst. Er ist ein «halber» Ausländer (Vater Italiener, Mutter Schweizerin), wurde in Aarau geboren und als Kind eingebürgert. Dennoch bleibt er für viele ein «Papierlischwiizer» – einer, der «in den Augen gewisser Kreise» seit seiner Einbürgerung 1977 das Bild der Schweiz verfälscht.

Wen er mit «gewisse Kreise» meint, schildert Tonetto anhand einer Anekdote: In Aarau beobachtete er eine Frau, die aus einem Auto mit Schweizer Kennzeichen stieg: «Auf der getönten Heckscheibe stand in Fraktur: Eidgenossin.» In den «gewissen Kreisen» ist dies zu einem Code geworden, mit dem man sich von denen mit Migrationshintergrund abgrenzt: «Ich bin Eidgenosse, denn Schweizer kann jeder werden.» Papierlischwiizer eben, höchstens geduldet, kaum akzeptiert.

In seinem Text setzt sich Lukas Tonetto mit dieser Gefühlslage auseinander, nicht ohne Spott an die Adresse jener «Eidgenossen», die so stolz seien auf ihre Mundart und sie dennoch schlechter sprächen als er: «Bei diesen Schweizern steht dann etwa än Schrank unter dä Träppe, wo doch bei mir e Chaschte unter der Schtäge steht.» Eine treffliche Beobachtung: Gerade «senkrechte» Schweizer sprechen nicht selten eine verhochdeutschte Form des Dialekts.

Für den Mittelstand war es eine Win-Win-Situation. Die Ausländer mehrten den Wohlstand, während er durch den Inländervorrang geschützt war.

Dennoch definiert sich das rechte Spektrum der Gesellschaft mit Vorliebe durch seine Abgrenzung gegenüber den Ausländern. Auf der linken Seite hingegen frönt man häufig einer unreflektierten Multikulti-Romantik und neigt dazu, die unschönen Seiten der Zuwanderung herunterzuspielen. Dazwischen findet man jene Schweizerinnen und Schweizer, die Zugewanderte so akzeptieren, wie sie sind. Und jenen nicht geringen Teil der «Urbevölkerung», dessen Haltung ambivalent ist: Man weiss, dass die Migranten gebraucht werden, und tut sich trotzdem schwer mit ihnen.

Die Nationalraetin Anita Fetz, SP-BS, Sibylle Berger-Bono, Praesidentin FDP Frauen Schweiz, die Nationalraetin Milli Wittenwiler, FDP-SG, Brigitte Hauser-Suess, Praesidentin CVP Frauen Schweiz, und die Nationalraetin Ursula Haller, SVP-BE, von links nach rechts, haben sich am Freitag, 8. September 2000 in Bern gegen die 18%-Initiative ausgesprochen. (KEYSTONE/Juerg Mueller) ===ELECTRONIC IMAGE===

Kampagne gegen die 18%-Initiative.
Bild: KEYSTONE

Lange sah es so aus, als ob das Pendel in Richtung Akzeptanz schwingen würde. Der Ja-Anteil bei den Überfremdungs-Abstimmungen nahm laufend ab, von 46 Prozent für Schwarzenbach 1970 bis knapp 37 Prozent für Philipp Müllers 18%-Initiative im Jahr 2000. Damals erfolgte die Zuwanderung vor allem in den unteren und oberen Schichten der Gesellschaft. Die Ausländer erledigten jene Arbeiten, die die Schweizer nicht machen wollten oder konnten.

Für den Mittelstand war es eine Win-Win-Situation. Die Ausländer mehrten den Wohlstand, während er durch den Inländervorrang geschützt war. Die Personenfreizügigkeit mit der EU brachte diesen Wall zum Einsturz. Die mittelständische Schweiz sah sich mit Konkurrenz konfrontiert, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, im öffentlichen Verkehr. Das Unbehagen nahm zu. Man muss von einem historischen Versagen der Eliten in Politik und Wirtschaft sprechen, dass sie diese Entwicklung ignoriert oder kleingeredet haben.

Die Quittung erhielten sie mit dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative. Schon zuvor hatte die Duldsamkeit gegenüber jenen «Fremden» abgenommen, die unangenehm auffielen. Die Minarett-Initiative wurde genauso angenommen wie die Ausschaffungs-Initiative. Muslime dürfen Gebetshäuser haben, aber man soll sie möglichst nicht sehen. Wenn muslimische Mädchen in der Schule ein Kopftuch tragen, rufen «gewisse Kreise» den nationalen Notstand aus. «Kriminelles» Verhalten wird ohnehin nicht toleriert: Ausländer raus, und zwar subito!

Wir sollten Ausländer nicht als «Gäste» betrachten, wie dies «gewisse Kreise» gerne tun, sondern als Mitbewohner.

Diese Mentalität erklärt, warum die Durchsetzungs-Initiative in den Umfragen auf derart viel Zuspruch stösst, so radikal und rechtsstaatlich fragwürdig sie sein mag. Die zunehmend unsichere und verworrene Welt verstärkt die Abwehrreflexe gegenüber den «Fremden». Wir verlangen von ihnen Integration, meinen aber Assimilation – sie sollen sich möglichst unsichtbar machen. Ausser sie bringen viel Geld mit, dann dürfen sie sich (fast) alles erlauben.

Man kann einwenden, dass die Einstellung gegenüber Ausländern anderswo nicht besser ist. Die Schweiz fällt nur deshalb auf, weil das Volk über solche Fragen abstimmen darf. Nur ändert das nichts daran, dass die Einbürgerung bei uns so hürdenreich abläuft wie in keinem anderen europäischen Land. Man muss jahrelang im gleichen Kanton leben und sich in dieser Zeit mustergültig verhalten, einen Test machen, bei dem mancher «Original-Schweizer» durchfallen würde, eine oft happige Gebühr entrichten und riskiert am Ende dennoch eine Abfuhr durch die Gemeindeversammlung.

Wer den Pass hat, ist deswegen noch lange nicht akzeptiert. Davon kann nicht nur Lukas Tonetto ein Liedlein singen. In der Politik ist der grosse Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund massiv untervertreten. Ein Grund dafür mag sein, dass viele Secondos den Aufstieg hierzulande mehr durch berufliche als politische Tätigkeit definieren. Oft aber werden fremdländisch klingende Namen einfach von den Wahlllisten gestrichen. Eine Erfahrung, die nicht zuletzt jene Secondos machen mussten, die in superpatriotischer Überangepasstheit der SVP beigetreten waren.

Wie es ginge, zeigt ausgerechnet jenes Frankreich, das wegen seiner Integrationsprobleme in den Banlieues oft und zu Recht am Pranger steht. Drei der führenden Politiker des Landes haben keinerlei französische Wurzeln: Der frühere Präsident und heutige Oppositionsführer Nicolas Sarkozy hat einen ungarischen Vater und eine griechisch-jüdische Mutter. Premierminister Manuel Valls ist Katalane, die Pariser Stadtpräsidentin Anne Hidalgo stammt aus Andalusien.

Paris mayor Anne Hidalgo,left,  looks at former French President Nicolas Sarkozy, shaking hands to Prime Minister Manuel Valls, before a ceremony in the courtyard of the Invalides in Paris, Friday, Nov. 27, 2015. France is mourning and honoring those killed in the Nov. 13 attacks in a somber ceremony presided by French President Francois Hollande. (AP Photo/Francois Mori)

Anne Hidalgo, Nicolas Sarkozy und Manuel Valls (r.): Keiner der drei hat französische Wurzeln.
Bild: Francois Mori/AP/KEYSTONE

Die beiden letzteren sind nicht einmal in Frankreich geboren, sie kamen mit ihren Eltern ins Land und wurden eingebürgert. Trotzdem gelten sie als künftige Anwärter auf eine Präsidentschaftskandidatur bei den Sozialisten. Der vergleichsweise populäre Valls könnte schon nächstes Jahr den glücklosen François Hollande ersetzen. Bei uns dagegen wird noch viel Wasser die Aare hinunterfliessen, ehe ein Secondo oder eine Seconda in den Bundesrat gewählt wird.

Warum tun wir uns so schwer mit Menschen aus anderen Kulturkreisen? Vielleicht liegt es daran, dass wir als mehrsprachiges Land selber über keine eindeutige kulturelle Identität verfügen. Umso mehr definieren wir uns über die Herkunft. Wer nicht über mindestens einen Elternteil tief im hiesigen Boden verwurzelt ist, für den gilt: Einmal ein Ausländer, immer ein Ausländer.

Und die Realität? Sie arbeiten, zahlen Steuern und Abgaben, dürfen aber ausser in wenigen Kantonen nicht mitbestimmen, wofür ihr Geld verwendet wird. Wir fordern mit Recht, dass sie unsere Regeln einhalten, sollten ihnen gegenüber aber nicht päpstlicher sein als der Papst. Und sie nicht wegen jeder Lappalie vor die Tür stellen.

Wir sollten Ausländer nicht als «Gäste» betrachten, wie dies «gewisse Kreise» gerne tun, sondern als Mitbewohner.

Was ist der Unterschied zwischen einem «Inländer» und einem «Ausländer»?

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65 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Wolfsblut_2
09.01.2016 11:08registriert January 2014
Das Versagen der politischen und wirtschaftlichen Elite ist für mich der Schlüsselsatz. Sie profitiert von sinkenden Personalkosten durch die Rekrutierung von ausländischen Arbeitskräften und gleichzeitig beteiligt sie sich immer weniger an den höher werdenden Infrastrukturkosten durch immer tiefere Steuern. Sie ist es, die die Solidarität und den sozialen Frieden zerstört. Wann merken wir das endlich und richten unsere Wut auf sie und nicht auf die Flüchtlinge?
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Der Beukelark
09.01.2016 11:16registriert January 2016
Für solche Artikel liebe ich Watson!
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StealthPanda
09.01.2016 11:02registriert September 2015
Also ich selbst bin ja auch Halb Thai und Schweizer und kann überhaupt nich bestätigen dass ich jemals irgendwie Rassistisch oder sonstwie angemacht wurde. In der Primar Schule sagten sie mir zwar "Chines" doch wussten sie schlicht nicht wo Thailand liegt. Das Problem oder was in meinen Augen "Ausländer" sind, sind unsere Leute die seit 5,10 oder mehr Jahren hier wohnen und kein Wort Deutsch sprechen. Die wollen sich ja gar nicht Integrieren, sie interessieren sich nicht für uns also wieso sollten wir uns für sie Interessieren? Überhaupt will ich ein Cafi Cremé und nicht ein Kaffee mit Sahne.
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