Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Video: watson

Kampfjet-Befürworter: «Wir müssen gewaltig über die Bücher»

Das hauchdünne Ja bei den Kampfjets ist ein Denkzettel für die Armee. In Bern sinnieren die Kampfjet-Befürworter bereits über die Zukunft der Luftverteidigung.



50,1 Ja zu 49,9 Nein: Ein solches Hitchcock-Finale hat niemand erwartet. Ein älterer Mann steht nervös vor einer Pizzeria in Bern, wo sich die Kampfjet-Befürworter eingefunden haben. «Die Leute sind tatsächlich so blöd und denken, der ewige Friede sei ausgebrochen», sagt er und zieht an seiner Zigarillo.

«Die Leute sind tatsächlich so blöd und denken, der ewige Friede sei ausgebrochen.»

Kampfjet-Befürworter

Drinnen richtet Stefan Hollenstein, Präsident der Offiziersgesellschaft (SOG), seinen Anzug. Die «unerträgliche Spannung», wie er sagt, ist ihm ins Gesicht geschrieben. Trotz des mit 50,1 % hauchdünnen Ja hat das Wundenlecken bei den Kampfjet-Befürworter begonnen. «Wir müssen gewaltig über die Bücher», sagt Hollenstein zu watson. Sich genau überlegen, wie man die Sicherheit der Schweiz künftig gewährleisten könne. «Wir sollten uns punkto Verteidigung auf das konzentrieren, was die Bevölkerung wirklich will. Das heisst vielleicht, sich nur noch auf die Luftpolizei zu beschränken.»

Für GLP-Nationalrat Beat Flach ist das knappe Resultat ein deutlicher Fingerzeig. Die Armee müsse nun vermehrt der jüngeren Bevölkerung aufzeigen, warum sie weiter notwendig sei und wie sie auf neuen Gefahren reagieren will.

Stefan Holenstein, Praesident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft SOG, im Hauptquartier Ja zur Beschaffung neuer Kampfflugzeuge in Bern, am Sonntag, 27. September 2020. Das eidgenoessische Stimmvolk hatte am Sonntag ueber fuenf Vorlagen zu bestimmen: Fuer eine massvolle Zuwanderung, Aenderung des Jagdgesetzes, Aenderung des Bundesgesetzes ueber die direkte Bundessteuer, Aenderung des Erwerbsersatzgesetzes und Bundesbeschluss ueber die Beschaffung euer Kampfflugzeuge. (KEYSTONE/Thomas Hodel)

Finstere Mine bei Stefan Hollenstein, Präsident Offiziersgesellschaft. Bild: keystone

Womöglich ist dazu ein Paradigmenwechsel nötig. Die Schweizer Armee müsse vermehrt auf die internationale Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich setzen, meint Flach. «Wir können der Bevölkerung nicht mehr verkaufen, dass wir alleine Krieg führen könnten.»

Die Schweiz müsse bei der Armee in Spitzentechnologien investieren und etwa den Bereich Cyber-Defense stärken. Wenn es nach ihm gehe, könne die Armee durchaus noch kleiner werden. Ein Bestand von 80'000 Soldaten würde reichen.

Aber warum wurde es so knapp mit den Stimmen für die Kampfjets? BDP-Nationalrat Lorzenz Hess glaubt, dass es insbesondere um das Portemonnaie gegangen ist. «Den Leuten war wohl nicht klar, dass das Geld für die Jets aus dem ordentlichen Armeebudget kommt und nicht bei Bildung oder Kultur eingespart würde.»

Nach dem Ja ist SOG-Hollenstein erleichtert. Es brauchte nun aber eine tiefgreifende Analyse. Die Hauptaufgabe sei jetzt, die Bevölkerung besser von der Notwendigkeit der Armee überzeugen zu können.« Es braucht eine Modernisierung des veralteten Bildes der Schweizerinnen und Schweizer zur Armee.»

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Diese vier Kampfjets sind in der engeren Auswahl

Priska Seiler Graf: «Bemerkenswert, dass noch kein Trend zu Kampfjets vorliegt»

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

92 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
mille_plateaux
27.09.2020 16:58registriert June 2017
«Den Leuten war wohl nicht klar, dass das Geld für die Jets aus dem ordentlichen Armeebudget kommt und nicht bei Bildung oder Kultur eingespart würde.»
Vielleicht haben wir die Nase von diesen elenden Buebetrickli auch einfach voll. Ich bin selbst Offizier und gewiss kein Armeeabschaffer. Aber solche Quasilügen sind einfach eine Frechheit an den StimmbürgerInnen. Das «ordentliche Armeebudget» soll ja jährlich um Millionen aufgestockt werden, um die Flieger zu finanzieren. Und woher kommt denn dieses Geld? Derweil in Bildung und Sozialwesen an allen Enden gespart wird! So nicht mehr, hoff ich.
917119
Melden
Zum Kommentar
Thomas Melone (1)
27.09.2020 16:44registriert May 2014
Vielleicht gibt es ja auch mal einen AHA-Effekt der Ewiggestrigen, die leider immer noch im geistigen Schützengraben liegen.
50197
Melden
Zum Kommentar
Wellenrit
27.09.2020 16:51registriert June 2020
Die Armee muss kleiner werden! Sie müssen aufhören sinnlos in der Gegend herum zu fahren nur damit sie ihr Benzin kontingent weiter erfüllen können. Ebenso muss sich die Armee überlegen bei den beschaffungen zukunftstauglich zu sein. Raketen welche bei gewissen Bedingungen nicht fliegen können! Kampfjets die völlig übermotorisiert sind, und ein Armeebudget und das stillschweigend Jahr für Jahr leicht wächst damit sie ihre Anschaffungen besser decken können 🤷🤦
475117
Melden
Zum Kommentar
92

Kampfjet-Deal: Warum die marode Luftwaffe Österreichs kein Vorbild ist

Mit ihren Eurofighter-Kampfjets kann unser Nachbarland den Luftpolizeidienst mehr schlecht als recht aufrechterhalten. Schweizer Experten sollen nun bei den maroden österreichischen Luftstreitkräften «Entwicklungshilfe» leisten.

Am 27. September stimmen wir in der Schweiz darüber ab, ob die Luftwaffe für sechs Milliarden Franken 30 bis 40 neue Kampfflieger beschaffen kann. In eine ganz andere Richtung gehen die Diskussionen im Nachbarland Österreich.

Obschon der Luftraum doppelt so gross wie jener der Schweiz ist, verfügen die österreichischen Luftstreitkräfte bloss über 15 Eurofighter-Kampfjets. Damit kann knapp der Luftpolizeidienst in normalen Lagen sichergestellt werden. Während zehn Stunden pro Tag. Mehr nicht.

Jetzt …

Artikel lesen
Link zum Artikel