Schweiz
Appenzell

Die Gründe für die tödlichen Unfälle zwischen Aescher und Seealpsee

Zu Besuch aus London: Das Paar fühlt sich schlecht informiert und wandert mit Turnschuhen zum Aescher.
Zu Besuch aus London: Das Paar fühlt sich schlecht informiert und wandert mit Turnschuhen zum Aescher.bild: raphael rohner

Weshalb es zwischen Aescher und Seealpsee wiederholt zu tödlichen Unfällen kommt

Nach zwei tödlichen Unfällen innert weniger Stunden soll Wanderern im Alpstein die Gefahr bewusster gemacht werden. Doch wie gefährlich ist der Weg vom Aescher zum Seealpsee wirklich? Eine Reportage.
21.07.2022, 20:4321.07.2022, 21:26
Raphael Rohner / ch media
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So schön sind die Bilder, die im Internet vom idyllischen Alpstein kursieren. Zauberhafte Bergseen, ein in einen Felsvorsprung gehauenes Gasthaus, atemberaubende Wanderwege hoch oben an den Kanten der Felsen. Schon am Flughafen Zürich wird mit einem grossformatigen Bild vom Seealpsee geworben. Zu sehen: Ruderboot, Kuh und ein einladendes Panorama.

Doch sind die Wanderwege im Appenzellerland kein Spazierweg für Sonntagsausflüge. Im Gegenteil: Kürzlich verunglückten wieder zwei Wanderer tödlich auf dem Wanderweg zwischen den Sightseeing-Hotspots Aescher und dem Seealpsee. Der Weg fordert immer wieder Todesopfer. In den letzten Jahren kamen auf dem rund zwei Kilometer langen Wanderweg, wie die Datenauswertung zeigt, acht Menschen ums Leben. Doch was macht diese Passage so gefährlich?

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Strecke wird vielfach unterschätzt

Die Strecke zwischen dem Berggasthaus Aescher und dem Seealpsee verläuft grösstenteils in einem bewaldeten Gebiet. Der Abstieg vom fotogenen Gasthaus zum See geht mit 352 Metern in die Knie. Einige Stellen sind durchaus auch für geübte Wanderer eine Herausforderung. Speziell die kurzen, spitzen Kehren bei Dürrschrennen sind steil und gefährlich, da sich unmittelbar darunter eine etwa 80 Meter hohe Felswand befindet. Trügerisch dabei sind die vielen Bäume, die den Weg säumen und den Wanderern vermitteln, sie seien in einem schützenden Wald und könnten sich in Notfall an den Bäumen festhalten.

Der Abstieg bei Dürrschrennen ist von vielen Bäumen umgeben.
Der Abstieg bei Dürrschrennen ist von vielen Bäumen umgeben.bild: raphael rohner
Der Wanderweg vom Aescher zum Seealpsee verläuft an gefährlichen Stellen vorbei – ohne dass die Wanderer das bewusst merken.
Der Wanderweg vom Aescher zum Seealpsee verläuft an gefährlichen Stellen vorbei – ohne dass die Wanderer das bewusst merken.bild: swisstopo/rar

Genau das sei unter anderem eine Ursache für die vielen Abstürze, sagt Roland Koster von der Appenzell Innerrhoder Kantonspolizei: «Die Leute unterschätzen die Schwierigkeit dieser steilen Passagen und denken, sie seien auf einem Waldweglein. Dass sich unmittelbar unterhalb dieser steilen Wanderwege ein Abgrund befindet, realisieren die meisten Leute nicht.» Schaut man sich den Verlauf der Wanderung im 3D-Modell genauer an, sieht man, wie steil der Wanderweg an den Absturzstellen wirklich ist:

Im 3D-Modell sieht man die gefährlichen Stellen der Wanderung deutlich.
Im 3D-Modell sieht man die gefährlichen Stellen der Wanderung deutlich.3D-Modell: Swisstopo/rar
Von oben sieht die Stelle nicht gefährlich aus. Die Bäume verdecken die Felskante.
Von oben sieht die Stelle nicht gefährlich aus. Die Bäume verdecken die Felskante.bild: raphael rohner

Die Tritte in diesem Abschnitt sind oft steinig und von den vielen Wanderern teils glatt. Für Koster ein Grund mehr, hier sehr gut aufzupassen:

«Ein Hans Guck-in-die-Luft hat auf diesem Weg rein gar nichts verloren. Wer da den Kopf nicht beieinander hat und wirklich gut aufpasst, riskiert es zu stolpern und in die Tiefe zu stürzen.»

Wer auf einem Bergwanderweg geht, habe sich voll und ganz auf den Weg zu konzentrieren. Und wenn die Person die Aussicht geniessen will, dann solle man dafür an einer sicheren Stelle stillstehen. «Dasselbe gilt für Fotoaufnahmen», sagt Koster. Wer sich auf dem Weg befindet, sieht die steilen Felswände unter dem Wanderweg wegen der vielen Bäume nicht. Erst auf dem Weg vom Seealpsee nach Wasserauen werden die Felswände sichtbar.

Die steilen Felsabhänge sind in der Karte gut erkennbar.
Die steilen Felsabhänge sind in der Karte gut erkennbar.karte: swisstopo
Von unten sieht man die steilen Felswände deutlich.
Von unten sieht man die steilen Felswände deutlich.bild: raphael rohner

Mehr als die Hälfte der Wanderer in Turnschuhen unterwegs

Am Tag nach den zwei tödlichen Abstürzen innert einer Stunde, gehen wieder Dutzende Wanderer den Weg vom Aescher hinunter. Ein Paar aus Berlin hat von den Unglücken gelesen und will trotzdem in Halbschuhen zum See runter wandern: «Wir waren früher so oft in den Bergen, da sind wir uns den Gefahren schon bewusst. Die sollen halt ein Geländer bauen da und die Leute besser informieren», sagt die Frau. Zwar werden sie von anderen Wanderern angesprochen, doch zeigen sie sich uneinsichtig und gehen davon. Hinter ihnen geht eine weitere Gruppe älterer Wanderer los – einer gar in Sandalen.

Unweit der Absturzstelle hampeln einige Wanderer aus Frankreich den Weg hinunter.
Unweit der Absturzstelle hampeln einige Wanderer aus Frankreich den Weg hinunter.bild: raphael rohner

Weiter unten auf dem Wanderweg läuft ein jüngeres Paar aus London genau an der Stelle vorbei, wo keine 24 Stunden vorher ein Wanderer in den Tod gestürzt ist. Sie tragen beide Turnschuhe und sind völlig ausser Atem:

«Wir sind überrascht, wie steil es hier ist. Schon nicht ganz so, wie es auf Instagram scheint. Hätten wir das gewusst, hätten wir bessere Schuhe gekauft.»

Die beiden wollen noch zum Aescher hinauf und von dort zum Mesmer. Dass der Alpstein so gefährlich sei, habe ihnen niemand gesagt. «Da könnten sie doch Geländer bauen oder Warnhinweise. Oder halt Foto-Spots, damit die Leute runter schauen können und sehen wie steil es hinunter geht.» Auch das aufkommende Gewitter sei für sie kein Problem, sagen die beiden. Umdrehen sei kein Thema für sie: «Andere sind da sicher auch schon so hinaufgekommen.»

Insgesamt waren von 52 gezählten Wanderinnen und Wanderern 28 mit Turnschuhen unterwegs, vier sogar mit Sandalen. Obschon an vielen Wanderwegweisern ein grünes Schild hängt, dass Turnschuhe nichts in den Bergen verloren haben.

Auf mehrsprachigen Schildern werden Wanderer auf richtiges Schuhwerk hingewiesen.
Auf mehrsprachigen Schildern werden Wanderer auf richtiges Schuhwerk hingewiesen.bild: raphael rohner

Diese Uneinsicht der Wanderer löst bei Koster Kopfschütteln und Entrüstung aus: «Viele Leute überschätzen sich bei so einer – in Anführungszeichen – leichten Bergwanderung und denken, das sei ja nur halb so wild, rasch da runterzugehen, um den Seealpsee zu sehen. Das ist das wirkliche Problem», sagt Koster. Auch seien viele der Wanderer schlicht komplett falsch ausgerüstet und zu wenig vorbereitet für eine Bergwanderung im Alpstein.

«Sandalen oder Turnschuhe haben in den Bergen einfach rein gar nichts zu suchen! Ende.»

Doch seien die Schuhe teils gar nicht das Hauptproblem. Viele Wanderer würden auch ihre Fähigkeiten im Gebirge völlig falsch einschätzen und seien sich nicht gewohnt in so einer Umgebung zu wandern. Zudem sei der Weg mit der Seilbahn sehr einfach zu erreichen und gerade für Touristen attraktiv. Koster hat schon Leute mit Rollkoffern auf der besagten Strecke beobachtet. Auch am Zustand der Wege kann es laut Koster nicht liegen: «Ich werde oft von routinierten Bergwanderern angesprochen, die den äusserst guten Unterhalt der Bergwege im Alpstein loben.» Ein Blick vor Ort zeigt, dass die Wege überall gut ausgearbeitet sind und es auf einem Grossteil der Strecke vom Berggasthaus hinunter zum Seealpsee bergseitig mit Stahlseilen als Handlauf gesichert ist.

Handläufe mit Stahlseilen sollen den Wanderweg sicherer machen.
Handläufe mit Stahlseilen sollen den Wanderweg sicherer machen.bild: raphael rohner

«Ein Geländer? Warum nicht gleich eine Rolltreppe?»

Gar ein Geländer auf der Strecke zu installieren, sei Mumpitz, sagt ein Einheimischer, der auf dem Weg hinauf zum Schäfler ist: «So weit kommt es noch. Da könnte man ja gleich eine Rolltreppe bauen für die vielen Leute, die sich hierher verirren und nicht wissen, wie sie sich zu verhalten haben.» Für den Appenzeller ist klar:

«Die Leute müssen sich informieren. Man kann es denen halt auch nicht mehr als sagen. Sie nicken dann zwar, aber verstehen es nicht. Die haben nur ihr Telefon und dieses Internet im Kopf – zum Davonlaufen.»

Auch Koster von der Polizei sieht das genauso. Ein Geländer zu installieren, sei nicht der richtige Ansatz: «Wenn wir da an dieser Stelle talseitig ein Geländer bauen würden, müssten die Wanderwegverantwortlichen ähnliche Stellen, wie etwa den Bergwanderweg beim Lisengrat auch mit Geländern versehen.» Das Problem sei das Gefahrenbewusstsein der Wanderer. An der besagten Stelle bei Dürrschrennen sei den meisten Wanderern gar nicht bewusst, wie tückisch diese Stelle ist.

Die vielen Abstürze in der letzten Zeit fordern nun die Behörden, Massnahmen zu überlegen. Ein Warnschild wurde beim Aescher schon vor einigen Jahren aufgestellt, dass auf die Gefahr dieses Wanderwegs hinweist. Beim Kanton werden nun verschiedene Massnahmen geprüft, wie man den Leuten bewusster machen kann, wie gefährlich die vermeintlich «leichten» Wanderungen sein können. (aargauerzeitung.ch)

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115 Kommentare
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Nick Name
21.07.2022 21:06registriert Juli 2014
Vielleicht so Warnfotos wie auf Zigarettenpackungen bei den Weganfängen auf grossen Tafeln installieren?...

Das Problem liegt vermutlich nicht einfach bei den Turnschuhen, mit denen geübte Bergmenschen wohl problemlos rauf- und runterkommen dort. Sondern schlicht an der Ignoranz: zu wenig Wissen darüber, was Bergwanderwege im Gebirge hier bedeuten.
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Gurgelhals
21.07.2022 21:06registriert Mai 2015
Der Alpstein ist in der Tat trügerisch und auf keinen Fall zu unterschätzen – auch wenn es "nur" Voralpen um die 2'000m sind. Es gibt dort wirklich zahlreiche Stellen, die einiges riskanter sind, als das, was man sonst so auf Bergwanderwegen in höheren Gefilden im Bündnerland, Wallis, Berner Oberland, etc. antrifft.

Dass er touristisch so überlaufen ist, macht die Sache natürlich auch nicht besser. Auch immer "lustig" zu sehen, welches Publikum mit welcher "Ausrüstung" den Aufstieg von der Schwägalp zum Säntis wagt.
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James McNew
21.07.2022 21:59registriert Februar 2014
Die „hampelnden“ Franzosen auf dem Bild sehen zumindest so aus, sls wären sie sich bewusst, dass sie auf einer Wanderung sind. Auch wenn die Schuhe besser sein könnten.

Übrigens: Turnschuhe sind natürlich ein No-go, aber mit guten Trekkingschuhen kommt man schon recht weit. Ich persönlich fühle mich mit Wanderschuhen zwar auch wohler, aber die steigeisen-tauglichen Bergschuhe müssen es ja schon nicht grad immer sein…
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Seit Jahren ist Kerstin M. im Detailhandel tägig, wo grossmehrheitlich Frauen für einen tiefen Lohn arbeiten. Ihre Geschichte zeigt, warum Frauen viel schneller in der Altersarmut landen können.

Kerstin M. fährt jeweils mit dem Elektrovelo zur Arbeit. Ausser im Winter, dann nimmt sie den Bus. Ein Auto hat weder sie noch ihr Ehemann. Aus Spargründen.

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