Schreinerlernende wollen nicht mehr Ferien – erhalten sie aber trotzdem
Im Ausland rieb man sich die Augen, als die Schweizer Stimmbevölkerung 2012 die Volksinitiative für sechs Wochen Ferien deutlich ablehnte. In keinem einzigen Kanton gab es ein Ja zur Initiative, die aus dem Umfeld der Gewerkschaften entstanden war. Die Schweiz, ein einzig Volk von Arbeitstüchtigen.
In diesem Jahr hat die Debatte um mehr Ferien wieder Fahrt aufgenommen. Zumindest, was die jungen Arbeitnehmenden betrifft. So forderte der Schweizerische Gewerkschaftsbund unlängst, dass alle Berufslernenden in der Schweiz künftig Anspruch auf acht Wochen Ferien haben sollen. Eine Umfrage der Unia unter 1100 Lernenden ergab, dass die Hälfte während der Arbeit häufig oder immer gestresst ist, noch mehr fühlen sich nach der Arbeit erschöpft. Jeder Vierte bricht aktuell die Lehre ab – ein historischer Höchststand. 180'000 Unterschriften kamen im Sommer für die Petition «Acht Wochen Ferien in der Lehre» zusammen.
Doch in der Folge zeigte sich: Selbst nur eine zusätzliche Woche für die Lernenden ist offensichtlich nicht mehrheitsfähig. Vor kurzem sprach sich der Bundesrat dagegen aus. Er lehnte diverse Motionen aus mehreren Fraktionen ab: Der gesetzliche Ferienanspruch während der Berufslehre soll nicht auf mindestens sechs Wochen erhöht werden.
Harmonisierung mit den Holzbauern
Fernab der politischen Prozesse macht eine Branche nun aber Nägel mit Köpfen. Der Verband Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten VSSM empfiehlt den Schreinerbetrieben, ab dem Lehrjahr 2026 sechs Wochen Ferien für Lernende einzuführen. Der VSSM zählt im Verbandsgebiet 3355 Lernende mit angehendem Fähigkeitszeugnis und 328 Lernende mit vorgesehenem Berufsattest.
Bemerkenswert an dieser Empfehlung ist, dass die Direktbetroffenen gar keine zusätzliche Ferienwoche möchten. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage unter den Abschlussklassen zeigte eine insgesamt hohe Zufriedenheit der Lernenden mit ihrer Ausbildung. In der Umfrage unter 650 Teilnehmenden wurde unter anderem gefragt, ob sie mit fünf Wochen Ferien zufrieden wären. Der überwiegende Teil antwortete mit «Ja».
Trotzdem hat der Verband das Thema aufgenommen und spricht nun die Empfehlung aus, die ab August gelten soll. Der Hauptgrund dafür ist nicht die Belastung der Lernenden, sondern eine Vereinheitlichung, wie aus der Branche zu hören ist. Angehende Schreiner arbeiten heute zunehmend in Mischbetrieben, die auch Zimmerinnen und Zimmermänner ausbilden. Gemäss dem Gesamtarbeitsvertrag Holzbau beträgt der Ferienanspruch für diese Lernenden sechs Wochen pro Kalenderjahr.
Man reagiere auf die uneinheitlichen Ferienansprüche, die sich aus verschiedenen Gesamtarbeitsvertragsregelungen und Altersgruppen ergeben, bestätigt der Verband. Insbesondere bei Jugendlichen führen die Unterschiede zwischen Schreinergewerbe (25 Tage für Lernende gemäss OR, 28 Tage unter 20 Jahren gemäss GAV) und Holzbau (30 Tage für Lernende) für Verwirrung.
«Wir sind überzeugt, dass mit dieser Empfehlung einige unliebsame Diskussionen in sogenannten Mischbetrieben, die Zimmerleute und Schreinerinnen und Schreiner ausbilden, zukünftig wegfallen werden», sagt Rolf Kümin, Bereichsleiter Bildung beim VSSM. Die Empfehlung schaffe Klarheit und unterstütze die Betriebe dabei, einheitliche und zeitgemässe Rahmenbedingungen zu bieten. Zudem steigere dies die Attraktivität der Schreinerlehre.
Ob sechs Wochen Ferien künftig auch tatsächlich gewährt werden, bleibt aber weiterhin in der Entscheidungshoheit der einzelnen Betriebe.
Arbeitgeberverband pocht auf Flexibilität
Beim Gewerkschaftsbund hat man die Empfehlung der Schreinermeister wohlwollend zur Kenntnis genommen. «Jeder Schritt zur Aufwertung der Berufslehre zählt. Sie muss für Jugendliche attraktiver werden», sagt Sprecher Urban Hodel. «Dass nun Branchen mit gutem Beispiel vorangehen, zeigt: Mehr Ferien sind machbar.»
Wenn Branchen oder Unternehmen für sich entscheiden, mehr Ferien für Lernende anzubieten, dann sei nichts dagegen einzuwenden, heisst es beim Arbeitgeberverband. Er ist aber gegen eine nationale Regelung. «Wir sprechen uns nicht pauschal gegen mehr Ferien aus. Sondern wir sprechen uns für flexible Regelungen aus, die den Herausforderungen und Ansprüchen von Branchen und Unternehmen gerecht werden», sagt Sprecher Stefan Heini.
Er verweist darauf, dass bereits heute dank der Vertragsfreiheit die Möglichkeit besteht, dass Branchen oder Betriebe mehr Ferien mit ihren Lernenden vereinbaren. «Dies wird auch so gelebt: Lernende im Bauhauptgewerbe haben beispielsweise sechs Wochen Ferien, einige Betriebe bieten auch in anderen Branchen mehr als die gesetzlich geregelten fünf Wochen Ferien an.» Es sei also wichtig, dass diese Flexibilität beibehalten werde und nicht pauschal mehr Ferien für alle Lernenden staatlich verordnet würden. (aargauerzeitung.ch)
