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Wir arbeiten zu viel – jeder Zweite von Stressfaktoren betroffen

Erschöpfung kann Vorbote eines Burn-outs sein (Symbolbild).
Erschöpfung kann Vorbote eines Burn-outs sein (Symbolbild).bild: shutterstock

Wir arbeiten zu viel – jeder Zweite von Stressfaktoren betroffen

20.08.2019, 16:10
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Immer mehr Erwerbstätige leiden unter Stress an ihrem Arbeitsplatz: In der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2017 gaben 21 Prozent der Befragten an, bei der Arbeit immer oder meistens unter Stress zu stehen. Vor fünf Jahren waren es noch 18 Prozent gewesen.

Besonders signifikant sei der Anstieg bei den unter 30-jährigen Erwerbstätigen, teilte das Bundesamt für Statistik (BFS) am Mittwoch mit. Bei dieser Altersgruppe stieg der Anteil der gestressten Personen von 19 auf 25 Prozent. Aber auch bei den 30- bis 49-Jährigen nahm der Anteil der Stressgeplagten von 18 auf 22 Prozent zu.

Geschlechterspezifische Unterschiede stellte das BFS bei der Befragung keine fest. Auch habe die Stressbelastung in allen Branchen zugenommen. Doch vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen sei der Anstieg von 18 auf 23 Prozent signifikant ausgefallen.

Burn-out-Risiko

Zwar gab jede vierte Person, die bei der Arbeit meistens oder immer unter Stress steht, an, gut oder ziemlich gut mit der Belastung umgehen zu können. Doch auf der anderen Seite fühlte sich die Hälfte (49 Prozent) der sehr oft gestressten Personen bei der Arbeit emotional erschöpft. Diese Erschöpfung wiederum gilt als Warnsignal für ein hohes Burn-out-Risiko.

Auch auf den Gesundheitszustand wirkt sie sich aus: So wiesen emotional verbrauchte Personen sechs mal mehr Anzeichen einer mittelschweren bis schwere Depression auf, als emotional stabilere Personen (24 Prozent gegenüber 4 Prozent), wie das BFS weiter schreibt.

Jeder Zweite betroffen

Insgesamt war 2017 jeder zweite Erwerbstätige von mindestens drei Typen sogenannter psychosozialer Risiken betroffen. Dazu gehören neben Stress auch die Angst um den Arbeitsplatz, hoher Zeitdruck, geringer Gestaltungsspielraum, fehlende Unterstützung durch Vorgesetzte, Diskriminierung oder Gewalt am Arbeitsplatz und hohe Arbeitsanforderung.

Das entspricht einer Zunahme von 4 Prozentpunkten gegenüber der letzten Befragung 2012. Damals waren es noch 46 Prozent gewesen. Nur gerade 11 Prozent der Befragten gaben an, unter keiner psychosozialer Belastung zu leiden.

Vor allem auch die Angst um den Arbeitsplatz nahm 2017 stark zu. Dieser Faktor wurde von 16 Prozent der Befragten genannt, das sind drei Prozentpunkte mehr als noch vor fünf Jahren.

Männer (54 Prozent) stehen häufiger unter hohem Zeitdruck als Frauen (50 Prozent) und sie erfahren auch öfter geringe soziale Unterstützung (21 Prozent gegenüber 18 Prozent). Frauen (37 Prozent) ihrerseits haben einen geringeren Gestaltungsspielraum als Männer (30 Prozent), sind emotional eher beansprucht (26 Prozent gegenüber 23 Prozent) und erleben eher Diskriminierung und Gewalt (21 Prozent gegenüber 18 Prozent).

Physische Risiken stabil

Bei den physischen Risiken hingegen blieb die Situation auf dem Arbeitsmarkt in den letzten fünf Jahren stabil, nachdem sie von 2007 bis 2012 noch um neun Prozentpunkte zugenommen hatte. So gaben 45 Prozent der Befragten an, mindestens drei schädlichen Faktoren ausgesetzt zu sein.

Am meisten genannt wurden stets gleiche Bewegungen (61 Prozent). Der Anteil der Frauen, die unter dieser Belastung leiden, stieg gegenüber 2012 um vier Prozent. Oft genannt wurden auch schmerzhafte oder ermüdende Körperhaltungen (50 Prozent bei Frauen und 46 Prozent bei Männern). Weiter gehören zu den physischen Risiken das Tragen schwerer Lasten, hohe Temperaturen, starke Lärmbelastung und die Arbeit mit giftigen Produkten.

Gewerkschaften wehren sich gegen Abbau

Angesichts der Ergebnisse der Befragung ist es für die Gewerkschaft Unia, den Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) und den Dachverband Travail.Suisse «unverständlich», dass der Schutz der Arbeitnehmenden durch parlamentarische Vorstösse gefährdet werden solle.

Des delegues discutent entre eux pendant une pause, lors du quatrieme congres ordinaire du syndicat Unia a Palexpo, ce vendredi, 28 octobre 2016, a Geneve. Pres de 350 delegues sont reunis jusqu' ...
Die Unia kämpft für den Schutz der Arbeitnehmenden (Archivbild).Bild: KEYSTONE

Die Revision des Arbeitsgesetzes soll im Herbst im Ständerat beraten werden. Dabei stehen spezielle Regeln zu Höchstarbeitszeit und Ruhezeiten sowie Ausnahmen von der Pflicht zur Arbeitszeiterfassung zur Debatte.

In einem Communiqué fordert Travail.Suisse den Ständerat auf, die Vorlage abzulehnen. Die Unia teilte mit, sie werde sich mit allen Mitteln gegen «diese gesundheitsschädigenden Vorstösse wehren». Und der SGB warnte, er werde das Referendum ergreifen, sollten die eidgenössischen Räte «diesen Angriff auf die Gesundheit der Arbeitnehmenden» nicht stoppen. (mim/sda)

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36 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Rethinking
20.08.2019 16:41registriert Oktober 2018
Der Mensch als Ressource..

Ich empfehle allen das herausragende Buch Reinventing Organizations von Frederic Laloux zu lesen. Unternehmen, Wirtschaft, Politik und Schulen müssen sich neu erfinden. Wir müssen aufhören uns in seelenlosen, technokratisierten Systemen sinnlosen Tätigkeiten zu widmen und uns rein auf Geld, Macht und Ego zu konzentrieren. Wir sollten einem Sinn nachstreben der es sich zum Ziel macht der Gesellschaft/Natur zu dienen. Wir sollten die Masken die wir tragen ablegen, wieder ganz Mensch sein dürfen und auf unser Innerstes, auf unsere Mitmenschen und die Natur hören lernen
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Mimi Muppet
20.08.2019 17:09registriert Oktober 2018
Wann wird wohl das Limit erreicht sein? Und wird man dann was ändern oder einfach weiter auf Verschleiss fahren? 🧐
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Firefly
20.08.2019 19:06registriert April 2016
Ja, mit den Werkzeugen/Tools ist es das Selbe wie mit dem Verkehr. Baut man mehr Strassen, die den Stau verhindern sollen, gibts mehr Verkehr und wieder Stau. Baut man mehr Tools, die die Arbeit erleichtern sollen, gibts mehr Arbeit und Stress.

Irgendwie ein Hansterrad das ganze. Zeit mal einen drauf zu machen, oder einfach; Tools ausschalten und tschüss.
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