Das Dilemma der Bauern beim Zivildienst
Eigentlich ist die Armee gut abgestützt innerhalb der Bauernschaft. Das Militär geniesst in den landwirtschaftlich geprägten Gebieten der Schweiz überdurchschnittlich viel Rückhalt. Nicht nur politisch, wie ein Blick auf die Abstimmungsresultate von Armeevorlagen zeigt.
Sondern auch personell: Dies belegt die Untersuchung eines Forschungsteams der Universität Zürich aus dem Jahr 2016 von 241'000 Tauglichkeitsentscheidungen der Armee. Das Ergebnis: Kaum eine Berufsgruppe ist so militärdiensttauglich wie die Kategorie «Land- und Forstwirtschaft/Fischerei». Mit einer Tauglichkeitsquote von 70,7 Prozent mussten sich die Landwirte nur den Handwerkern geschlagen geben (71,6 Prozent).
Die tiefe Verankerung der Armee in der bäuerlich geprägten Schweiz zeigt sich auch daran, dass die Tauglichkeitsquote in keinem anderen Gemeindetyp so hoch ist wie in agrarischen Gemeinden (71,3 Prozent).
Umso erstaunlicher fällt ein jüngst getroffener Entscheid des Vorstands des Schweizerischen Bauernverbands (SBV) aus: Er beantragt der Landwirtschaftskammer, dem «Parlament» des Bauernverbands, Stimmfreigabe bei der Abstimmung über die Änderung des Zivildienstgesetzes vom 14. Juni. Die Kammer wird am 22. April darüber befinden.
Mit der von der bürgerlichen Mehrheit im National- und Ständerat beschlossenen Änderung des Zivildienstgesetzes sollen die Zulassungen zum Zivildienst erschwert werden. Insgesamt sechs Massnahmen sollen dazu führen, dass künftig weniger Armeeangehörige nach dem Absolvieren der Rekrutenschule in den Zivildienst wechseln. Gemäss den Befürwortern verschärfen die Abgänge von Armeeangehörigen in den Zivildienst das Alimentierungsproblem der Armee.
Eine Allianz aus GSoA, SP, Grünen, EVP und weiteren Organisationen wie der Heilsarmee, Behindertenverbänden und dem Kita-Dachverband hat dagegen das Referendum ergriffen. Sie befürchten, dass den Einsatzbetrieben künftig Zivildienstleistende für unverzichtbare Arbeiten fehlen und warnen vor einer Salamitaktik mit dem Fernziel, den Zivildienst vollständig abzuschaffen.
Bergbauern fürchten um Unterstützung durch Zivis
Wie ist der traditionell armeefreundliche Bauernverband zu seinem Entscheid gekommen? «Es gibt sowohl Gründe, die für eine Annahme der Vorlage sprechen, als auch Gründe, die dagegen sprechen», erläutert Sandra Helfenstein, Mediensprecherin des Bauernverbands, auf Anfrage. Es sei langjährige Praxis des Bauernverbands, bei divergierenden Ansichten innerhalb des Verbands Stimmfreigabe zu beschliessen.
Bei der Beratung im Parlament haben sich die Bauernvertreter in National- und Ständerat mit Blick auf die personelle Situation der Armee für die Verschärfungen beim Zivildienstgesetz ausgesprochen, erklärt Helfenstein. «Gleichzeitig profitieren Bauernbetriebe, vor allem im Berggebiet, vom Einsatz von Zivildienstleistenden, die Arbeiten übernehmen, für die sich sonst kein Personal findet, beziehungsweise deren Ausführung sich sonst nicht finanzieren lässt.» Im letzten Jahr leisteten Zivildienstleistende gemäss Bund insgesamt 50'746 Diensttage im Landwirtschaftsbereich. (aargauerzeitung.ch)

