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Gesunde Menschen in den Tod begleitet? Wie die Basler Sterbehilfe-Organisation «Eternal Spirit» ins Visier der Justiz geriet

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Basler Stiftung Eternal Spirit. Was hat es mit der dritten Sterbehilfe-Organisation der Schweiz auf sich?



Die begleitete Sterbehilfe ist in der Schweiz legal – solange sie nicht aus «selbstsüchtigen Motiven», also Profitgier, geschieht. Unter diesem Verdacht stehen die Baselbieter Sterbehelferin Erika Preisig und ihre Stiftung Eternal Spirit. Vergangene Woche hat die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen sie eröffnet. Eternal Spirit, das zum Verein Lifecircle gehört, ist nach Exit und Dignitas die dritte Organisation, die in der Schweiz Freitodbegleitungen durchführt.

«Wenn die Sterbehilfe auf der ganzen Welt legal wäre, dann wären Dignitas und zwei Drittel von Lifecircle überflüssig.»

Erika Preisig

Dass sie Menschen aus Profitsucht in den Tod begleitet, streitet Präsidentin Erika Preisig entschieden ab. «Ich verdiente ein reguläres Honorar als begleitende Ärztin», sagt sie auf Anfrage. Dazu käme eine Menge unentgeltliche Arbeit für die Stiftung. Eine Freitodbegleitung sei für ausländische Patienten so teuer, weil der Aufwand mindestens fünfmal so hoch sei wie bei Schweizern.

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Ärztin Erika Preisig. Bild: lifecircle.ch

Sie selbst wünscht sich eine Welt ohne Sterbetourismus. «Wenn die Sterbehilfe auf der ganzen Welt legal wäre, dann wären Dignitas und zwei Drittel von Lifecircle überflüssig», sagt die 57-Jährige. Und das wolle sie erreichen. 

Von Dignitas emanzipiert

Aus diesem Grund hat sich Preisig im Jahr 2011 nach einem sechsjährigen Engagement als Konsiliarärztin von Dignitas gelöst und den Verein gegründet. Seither setzt sie sich für eine weltweite Legalisierung ein. «Es kann doch nicht sein, dass eine schwer kranke Frau aus Australien die strapaziöse Reise in die Schweiz auf sich nehmen muss, wo sie aus Schwäche aus dem Taxi fällt, nur um in Würde sterben zu können», sagt Preisig in Erinnerung an einen tragischen Fall.

Preisig machte international Schlagzeilen, nachdem sie die 75-jährige Britin Gill Pharaoh bei ihrem Suizid begleitet hatte, die sich in englischen Medien und auf ihrem Blog als weitgehend gesund ausgab. Dies weist die Ärztin, die in Biel-Benken BL eine Hausarztpraxis führt, entschieden zurück. «In diesem Fall hätte ich sie doch nie begleitet», sagte sie zur Basler Zeitung. Die Patientin sei krank gewesen und habe Schmerzen gehabt – Details könne sie jedoch aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht nicht nennen, so Preisig.

«Es kann doch nicht sein, dass eine schwer kranke Frau aus Australien die strapaziöse Reise in die Schweiz auf sich nehmen muss, um in Würde sterben zu können.»

Erika Preisig

Aufgrund des Skandals in England habe man ihr die Tür fast eingerannt. Innerhalb von zwei Tagen nach dem ersten Bericht habe man über 25 Anfragen für Sterbebegleitungen aus Grossbritannien erhalten – worüber Preisig alles andere als glücklich ist. Sie habe alle ablehnen müssen, weil die Organisation an ihre Kapazitätsgrenzen stosse. «Wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn man jemanden ablehnen muss, der einen anfleht, dass man ihm seinen Freitod ermöglicht?», fragt Preisig.

Die Staatsanwaltschaft eröffnete die Ermittlungen, nachdem in Medienberichten Fragen zur Finanzierung der Sterbebegleitungen aufgetaucht sind. Ausländische Klienten zahlen bei Eternal Spirit 10'000 Franken für einen begleiteten Suizid – das ist Vergleichbar mit dem Preis von Dignitas, wo Patienten 10'500 Franken berappen. Bei einer Verurteilung droht Erika Preisig eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Busse.

Vier bis sechs Begleitungen pro Monat

Die Stiftung Eternal Spirit hat bisher 130 Menschen in den Tod begleitet, sagt Erika Preisig – pro Monat führt sie vier bis sechs Sterbebegleitungen durch. Zwei Drittel davon sind Ausländer, ein Drittel Schweizer. Der Verein Lifecircle hat rund 1000 Mitglieder, dort ist das Verhältnis etwa gleich wie bei den Begleitungen. Die meisten ausländischen Kunden kommen aus Frankreich, Italien, England und Deutschland. Genaue Zahlen zu den Geldflüssen behält die Stiftung unter Verschluss.

Wenn es erforderlich ist, besucht Preisig ihre Patienten auch im Ausland. «Es ist meist ein sehr schönes Erlebnis, den Patienten in seiner Heimat kennenlernen zu dürfen», sagt die Ärztin. Bei Paaren, die gemeinsam sterben möchten, sei ein Besuch zwingend: «Ich muss hundertprozentig ausschliessen können, dass jemand den anderen beeinflusst.» Deswegen habe Preisig schon zwei Paare abgelehnt.

Zum Vergleich: Dignitas hat 5'500 Mitglieder. Seit seiner Gründung bis Ende 2014 hat der Verein 1'905 Menschen bei einem Suizid begleitet. Auch Dignitas veröffentlicht keine Zahlen zu seinen Finanzen.

Anders sieht es bei Exit aus, das im Gegensatz zu den anderen beiden Organisationen nur Menschen mit Schweizer Pass beim Freitod assistiert. Exit hat über 80'000 Mitglieder und publiziert jedes Jahr einen Finanzbericht mit detaillierten Zahlen.

Gefälschte Zeugnisse und getäuschte Angehörige

Die junge Sterbehilfe-Organisation Eternal Spirit generiert nicht zum ersten Mal Schlagzeilen. Anfang Jahr begleitete sie einen Cousin und eine Cousine aus England in den Tod. Sie hatten ein Leben lang zusammen gewohnt und befürchteten, getrennt zu werden. Gemäss englischen Medienberichten seien die Cousins nicht tödlich krank gewesen – dem widerspricht Erika Preisig. Jeder Fall werde von drei unabhängigen Ärzten geprüft, um sicherzustellen, dass man keine gesunden Menschen begleite.

Im Jahr 2013 begleitete sie den Italiener Pietro D'Amico, der für die Begleitung zwei Arztzeugnisse gefälscht hatte. Der Anwalt der Familie des Verstorbenen bestätigte gegenüber der «Neuen Zürcher Zeitung», dass D'Amico zwar immer wieder unter Depressionen gelitten habe, körperlich aber gesund gewesen sei.

ARCHIV --- ZUR GV VON EXIT DEUTSCHE SCHWEIZ STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Das Buch

Sterbehilfe darf nicht aus «selbstsüchtigen Motiven» geschehen. Bild: KEYSTONE

Erika Preisig begleitete auch die ehemalige italienische Schönheitskönigin Oriella Cazzanello, die im Januar 2014 in Basel aus dem Leben schied. Der Fall wurde zum Skandal in Italien, weil die Angehörigen offenbar nichts von der Entscheidung der 85-Jährigen gewusst haben. Und Eternal Spirit danach vorwarfen, eine kerngesunde Frau auf dem Gewissen zu haben.

«Als ich angefangen habe, hatte ich die Illusion, dass die Sterbehilfe bei meiner Pensionierung auf der ganzen Welt legal sein könnte.»

Erika Preisig

«Ich möchte betonen, dass durch die Stiftung Eternal Spirit keine gesunden Mitglieder in einen Freitod begleitet werden», verteidigte sich Erika Preisig damals im «Blick». Man habe Gesundheitszustand, Krankenakten und Urteilsfähigkeit sorgfältig geprüft. Ob die Familie jedoch über den Gesundheitszustand Oriella Cazzanellos informiert gewesen sei, wisse sie nicht. 

Wie Preisig in einer Medienmitteilung ausführt, müssen in Italien Angehörige, die bei einem begleiteten Freitod behilflich sind, mit langjährigen Gefängnisstrafen rechnen. Zudem können Personen, die einen begleiteten Suizid planen, in einer psychiatrischen Institution zwangsinterniert werden. Aus Angst davor verschweigen Patienten aus Italien immer wieder, dass sie Verwandte haben.

Hohe Ziele

Der Verein Lifecircle hat zum Ziel die Lebensqualität von schwer kranken und pflegebedürftigen Menschen zu verbessern. Auch soll Patienten eine lebensbejahende Einstellung vermittelt und Suizidprophylaxe betrieben werden.

Karte Via lifecircle.ch

Für Patienten, die ihr Leben trotz allem beenden möchten, rief Preisig zusätzlich die Stiftung Eternal Spirit ins Leben: Darüber werden die Freitodbegleitungen abgewickelt. Mit dem Geld, das daraus gewonnen wird, werden nach eigenen Angaben Organisationen zur Förderung der Sterbehilfe unterstützt. Ausserdem soll mit den Geldern Menschen ein begleiteten Freitod ermöglicht werden, die ihn sich nicht leisten können.

Das Hauptziel bleibt die Legalisierung: «Als ich angefangen habe, hatte ich die Illusion, dass die Sterbehilfe bei meiner Pensionierung auf der ganzen Welt legal sein würde», sagt die heute 57-jährige. Und fügt mit einem Lachen hinzu: «Und obwohl niemand in meinem Umfeld daran glaubt, habe ich diese Illusion noch heute.»

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