Schweiz
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Vor 40 Jahren rollte die «oben ohne»-Welle in Badis an (und flaute später wieder ab)



Seit 40 Jahren dürfen Frauen in Berner Freibädern straffrei «oben ohne» baden. 1978 entschieden die Justizbehörden, das «Entblössen der weiblichen Brüste» in Freibädern fortan nicht mehr zwingend als «schwere Missachtung des Sittlichkeitsgefühls» zu verfolgen.

Zwei Frauen geniessen

Badi Tiefenbrunnen in Zürich am 2. August 1978. Bild: KEYSTONE

Die Abkehr vom prüden Zeitalter besiegelte die Anklagekammer des Berner Obergerichtes am 23. Januar 1978. In einem Schreiben an die «Sehr geehrten Herren» des Polizeikommandos rieten die Oberrichter angesichts der «doch etwas gewandelten Rechtsauffassung» davon ab, Frauen mit «oberteillosen» Badekleidern von Amtes wegen zu verfolgen.

«Gesunder Menschenverstand»

Damit rückten die Oberrichter von einer Weisung aus dem Jahr 1964 ab, wonach das Entblössen der weiblichen Brust als unzüchtige Handlung zu ahnden sei. Den Frauen könne man allenfalls noch ein «unanständiges Benehmen» vorwerfen.

Diese neue Rechtsauffassung wollten die Oberrichter zwar nicht als Präjudiz für ein allfälliges Strafurteil verstanden wissen. «Immerhin scheint uns, dass es auch in diesen Dingen so etwas wie einen gesunden Menschenverstand gibt, der, sofern vorhanden, zu Rate zu ziehen wäre», heisst es im Brief an das Polizeikommando.

Die Badeanstalt Tiefenbrunnen am Zuerichsee zaehlte am Samstag, 11. Juli 1987 erstmals in dieser Saison eine Rekord-Besucherzahl. Fuenftausend Badegaeste machten sich die Plaetze auf der Wiese und wahrscheinlich auch im See streitig. (KEYSTONE/Str) ======

Badi Tiefenbrunnen in Zürich. Bild: KEYSTONE

«Busen vor dem Bundeshaus»

Obwohl 1978 ein eher kühler und regnerischer Sommer war, nutzten viele Frauen das neue Recht auf textile Selbstbestimmung. Vor allem das Berner Marzili wurde zum «oben ohne»-Mekka. «Blick»-Schlagzeilen wie «Busen vor dem Bundeshaus» lockten dann auch zahlreiche männliche, mit Kameras ausgerüstete Schaulustige ins Berner Flussbad.

Mitunter mussten die Bademeister eingreifen, wenn sich die Frauen von Gaffern belästigt fühlten. Da wurde auch mal eine Kamera geöffnet und die (damals noch analoge) Filmrolle unbrauchbar gemacht.

Berner schneller als Zürcher

Unaufgeregter berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» über die neue Mode im Berner Marzili. Die Redaktion wertete die entblösste Brust als Zeichen einer gesellschaftlichen Offenheit. Für Irritation sorgte an der Limmat bloss, dass «die Berner plötzlich schneller reagieren als die Zürcher».

Zum Teil

Badi Tiefenbrunnen in Zürich. Bild: KEYSTONE

Zur ungezwungenen und von der Frauenbewegung erhofften Selbstverständlichkeit wurde «oben ohne» nie, stellte die Historikerin Caroline Arni 2016 gegenüber der «NZZ» fest. Die weibliche Brust sei symbolisch so aufgeladen, «dass man immer ein Statement macht, ob man sie bedeckt oder nicht».

«Oben-ohne»-Welle flaute wieder ab

Nach den 1980er-Jahren flaute die «oben-ohne»-Welle wieder ab. Seither sieht man kaum noch Frauen topless in Badeanstalten – es sei denn in abgetrennten Frauenabteilen wie zum Beispiel im ganz textilfreien «Paradiesli» im Berner Marzili. Dort schützen hohe Mauern vor unerwünschten Blicken.

Ab in die Badi! Das sagten sich auch schon unsere Grosseltern.

Fast hätte vor 40 Jahren auch noch das Berner Stimmvolk über «oben ohne» befinden müssen. Der christlich-konservative EDU-Politiker Werner Scherrer machte zunächst mit einem parlamentarischen Vorstoss und anschliessend mit einer Volksinitiative «gegen die Verwilderung der Badesitten» mobil.

«Heisser Frage» aus dem Weg gehen

Die EDU reichte im Januar 1979 fast 15'000 gültige Unterschriften ein. Das Volksbegehren verlangte, «das Entblössen der weiblichen Brüste an öffentlich zugänglichen Orten» sei zu verbieten und strafrechtlich zu ahnden.

Im März 1980 erklärte der Grosse Rat die Initiative mit 89 gegen 55 Stimmen für ungültig. Grund dafür war ein Formfehler: Die Initianten hatten es versäumt, das geforderte Strafmass zu formulieren. Die Regierung verwehrte sich in der Parlamentsdebatte gegen den Vorwurf, man wolle mit der Ungültigkeitserklärung «heissen Fragen» aus dem Weg gehen. (whr/sda)

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36Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Wenn Åre = Are dann Zürich = Zorich 25.04.2018 21:45
    Highlight Highlight Ahh der Püppi-Scherrer 😒
    Irgendwas war doch mit ihm und Hotels und dem Brocki Hiob 🤔
  • Gummibär 25.04.2018 20:24
    Highlight Highlight Das impromptu Bad ganz ohne, im See, im Weiher, im Bach und Fluss an warmen Sommerabenden war schon zu Urgrossvaters Zeiten bei den etwas Unbeschwerteren gang und gäbe. 1978 wurde das Besonnen des Damenoberkörpers einfach zum Trend erhoben und wie jeder Trend flaute auch der wieder ab. Wichtig ist, dass wer will darf. Wer sich bedeckt wohler fühlt, darf auch.
  • Reli 25.04.2018 19:38
    Highlight Highlight Und warum nur Fotos aus Zürich? Bärner Meitschi sy viu schöner!
  • sheimers 25.04.2018 18:56
    Highlight Highlight Ich bin in den 70er/80er Jahren in Basel aufgewachsen und kann mich nicht an nackte Frauenbrüste in der Badi erinnern. Das war bei uns wohl nur in der separaten Fauenbadi Eglisee üblich. Möglich, dass es nicht mehr verboten war, aber die meisten Frauen hätten sich wohl geschämt oben ohne in der Familienbadi. Mir scheint, hier wird die Vergangenheit anders dargestellt als sie wirklich war, die Fotoszenen waren vermutlich die Ausnahme. Oder war Basel prüder als andere schweizer Städte? Das kann ich mir nicht vorstellen.
    • Reli 25.04.2018 22:13
      Highlight Highlight Ja, da war Basel wohl definitiv anders...
    • Bruno Wüthrich 26.04.2018 03:57
      Highlight Highlight Entweder war Basel prüder, oder Sie waren an den falschen Orten. Im Kanton Bern sah man damals viele Frauen oben ohne. Vor allem in den Städten, aber auch auf dem Land.
    • sheimers 26.04.2018 10:28
      Highlight Highlight Ich war oft im Bachgraben, im Joggeli (St. Jakob) und im Eglisee, den drei grossen öffentlichen Bädern der Stadt Basel. Wenn es ein allgemeiner Trend gewesen wäre, hätte ich das mitbekommen. Wenn es nur in einzelnen Bädern war, dann wäre es nicht die sensationell freizügige Breitenbewegung, als die es im Artikel dargestellt wird. Glaubt nicht solche Verklärungen der Vergangenheit, an solchen Geschichten ist immer was dran, nackt Badende gab es immer, aber es war nie allgemein üblich, es war die Ausnahme.
  • Walter Sahli 25.04.2018 14:53
    Highlight Highlight "...dass es auch in diesen Dingen so etwas wie einen gesunden Menschenverstand gibt, der, sofern vorhanden, zu Rate zu ziehen wäre"

    Meine neue Standardformulierung in Geschäftsbriefen.
  • amazonas queen 25.04.2018 14:50
    Highlight Highlight Irgendwie erscheint es mir wirklich wie ein Henne / Ei Problem zu sein. Hätte man diese Kultur in den 80ern durchgehalten bis heute, wäre das ganze Thema vermutlich entmystifiziert. Sprich, wenn du täglich mit solchen "Aussichten" konfrontiert bist, gewöhnst du dich dran. So wird jedes mal ein Riesenthema gemacht. Eigentlich ist es schade, dass "frau" es damals nicht durchgezogen hat.
  • NWO Schwanzus Longus 25.04.2018 13:34
    Highlight Highlight Unten ohne wäre doch auch was...
    • Pana 25.04.2018 14:20
      Highlight Highlight Schau dir das Titelfoto nochmals genauer an ;)
    • Fabio74 25.04.2018 17:32
      Highlight Highlight Was hält dich davon ab?
  • Joe Smith 25.04.2018 12:23
    Highlight Highlight Das ist die Kehrseite des Internets: Es machte die Neoprüderie zum wohl erfolgreichsten US-amerikanischen Exportschlager.
    • ZaharztAua 25.04.2018 13:08
      Highlight Highlight Hat wohl kaum mit dem Inernet zu tun.

      Hinter dieser Prüderiewelle stehen erzkonservative Kreise, die es als ihre Mission verstehen, alles erotische und sexuelle zu bekämpfen.
      Die machen einen auf seriös und verantwortlich, sind Anti-68er, reichen emsig Klagen ein etc.

      Und nicht nur in den USA; es gibt sie auch bei uns. Das sieht man an komischen Kleidervorschriften, die an Schulen eingeführt wurden.
      Und und und.

      Gewusst? Die Beschneidung der US-Buben hat zum Zweck das Empfinden an der Eichel abzutöten; kommt aus dem 19.Jhdt.
    • Juliet Bravo 25.04.2018 19:55
      Highlight Highlight Wir sind gar mittlerweilen soweit, dass einige fordern, nackte Statuen aus der Griechischen oder Römischen Antike, oder aus der Klassik müssten „angezogen“ sein. Das Internet ist aber mE - wie ein Sackmesser - nur ein gutes Werkzeug, um etwas effizienter zu tun. Es ist nicht der eigentliche Grund.
    • Wenn Åre = Are dann Zürich = Zorich 25.04.2018 22:28
      Highlight Highlight @Juliet: Hat nicht irgend ein Papst angeordnet das allen Männlichen Statuen im Vatikan ihr bestes Stück abgemeiselt wird und ein steinernes Feigenblatt darüber gelegt wird?

      Sind wir echt wieder soweit (zurück)
  • homo sapiens melior 25.04.2018 12:05
    Highlight Highlight Ich hab das damals auch probiert und schnell wieder gelassen. Bei den Glotzereien zu vieler Kerle hab ich mich sehr unwohl gefühlt. Es gibt einen Unterschied zwischen Gucken und ekligem Glotzen.

    Die weibliche Brust ist zu stark sexualisiert. Zeigt sich schon deutlich in einigen Kommentaren hier. Solange sich das nicht ändert, wird sie in Alltag und Öffentlichkeit bedeckt bleiben.

    Alternativ finden Menschen endlich zu einer tatsächlichen Geschlechtergleichheit. Dann könnte Frau sich auch unbelästigt kleiden oder entkleiden wie sie mag. Aber da friert sicher eher die Hölle zu.
    • Charlie Brown 25.04.2018 14:58
      Highlight Highlight @Waldorf: Wie ordnest du in dem Zusammenhang dirsen Abschnitt ein? Was genau fehlt heute, was früher noch vorhanden war?
      Benutzer Bild
  • Charlie Brown 25.04.2018 11:49
    Highlight Highlight Und in der Kommentarspalte so:

    Männer sagen Frauen, sie seien nicht selbstbestimmt, weil sie selbst entscheiden wollen, ob sie der Welt ihre Brüste zeigen wollen oder nicht.

    Wer den Widerspruch findet, darf ihn behalten.
  • Mr.President 25.04.2018 11:43
    Highlight Highlight stellt man sich das mal vor: es gäbe keine badebekleidung, jeder würde nackt ins wasser steigen, sonnenbaden nackt - dann würden sich die leute an das nackstein gewöhnen und es nicht als etwas Spezielles abtun, dann würde der „SeX Sells“ factor (busen/ nippel-alarm/ dekolte/ schamhaar/ geschlechtsteile usw) auch nicht mehr funktionieren, da es alltag wäre in jeder Badi / Schwimmbad und nicht so verpönnt wie heute...
  • a-minoro 25.04.2018 11:29
    Highlight Highlight Kaum sonnt sich in der Badi eine Frau oben ohne, glotzen gleich alle (vorallem Typen) wild drauf los, als ob man(n) noch nie Brüste gesehen hätte. Kein Wunder fühlt sich frau mit Bikini Oberteil in der Badi wohler.
  • ZaharztAua 25.04.2018 11:06
    Highlight Highlight "Die Abkehr vom prüden Zeitalter "
    ... und heute die Rückkehr zum prüden Zeitalter.
    Finde es nur peinlich, wie einige (viele) Frauen diesen Körperteil zum exklusiven Weltwunder stilisieren, das es unbedingt zu verbergen gilt.
    Aber dann gleichzeitig Google, Apple, WatsAp & Co. die intimsten Details preisgeben...
    Es gibt 8 Milliarden weibliche Menschenbrüste auf der Welt!
    • lilie 25.04.2018 19:23
      Highlight Highlight Äääähm, das Problem ist, dass die Männer Frauenbrüste zum exklusiven Weltwunder stilisieren! Für uns Frauen ist es einfach ein Körperteil, der halt da so rumhängt und den zumindest ich auch gerne mal in der freien Luft baumeln lassen würde. Aber wenn dann die Männer Stilaugen bekommen und die Handys zücken, finde ich: Nee, bin doch keine Touristenattraktion! Das war echt in den 90ern noch anders, da hat niemand geguckt.
  • Blitzableiter 25.04.2018 10:38
    Highlight Highlight Eigentlich wollte ich nur die entblössten Brüste schauen..😏 Toller und interessanter Artikel. 👍
    • who cares? 25.04.2018 11:30
      Highlight Highlight Leute wie du sind genau der Grund, warum ich mein Bikinioberteil anbehalte.
  • Husar 25.04.2018 10:19
    Highlight Highlight Schade, dass die Oben-Ohne-Kultur sich nicht durchgesetzt hat.
    Ich bin der Meinung das textilbefreite Brüste der Beweis sind für eine freie, selbstbewusste und selbstbestimmte Frau.
    Wo Männer sich oben-ohne tummeln, da sollen Frauen das auch tun, wenn sie nicht als bevormundete, zurückgestellte Heimchen am Herd gelten wollen.
    • P. Saulus 25.04.2018 13:22
      Highlight Highlight Ein typischer Fall von Gleichmacherei
    • Husar 25.04.2018 15:51
      Highlight Highlight @P.Saulus: Daraus schliesse ich, dass es für Sie ganz okay ist, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Die Löhne gleich zu machen, wäre dann schliesslich auch ein Fall von Gleichmacherei.
  • DerSimu 25.04.2018 10:05
    Highlight Highlight Leider bewegen wir uns wieder in eine prüdere Gesellschaft. Mein Gott, wem es nicht passt, der soll doch einfach wegschauen. Leben und Leben lassen.
    • DerSimu 25.04.2018 18:21
      Highlight Highlight Das wurde doch früher auch. Halt analog statt digital.
  • Nelson Muntz 25.04.2018 10:03
    Highlight Highlight Damals gabs halt auch keine Smartphones und Internet... Frau musste nicht fürchten, dass plötzlich jemand am anderen Ende der Welt zu ihrem Busen Mütze-Glatze spielt.
    • Husar 25.04.2018 10:34
      Highlight Highlight Wer schaut sich für das Mütze-Glatze-Spiel noch heimlich geschossene Fotos an, wo man nur ein paar Brüste sieht, wo es doch für jeden Fetisch detailreiche, professionelle Videos en masse und frei Haus gibt und in jedem TV-Knanal nackte Tatsachen am laufenden Band?
      Damals übrigens, und auch heute, macht der echte Spanner besagtes Spiel nicht am anderen Ende der Welt, sondern hinter dem nächsten Busch mitten im Park, kaum einen Steinwurf entfernt von der reizendenden Dame, oben-mit oder oben-ohne. Na ja, jedem Tierchen sein Plaisierchen. Schadet ja niemandem.
    • Fabio74 25.04.2018 11:13
      Highlight Highlight Nein. Aber Kameras und Spanner gab es damals auch. Die Welt ist generell prüder geworden. Ob am Strand oder das nicht mehr Duschen nach dem Sport z.b.
    • El Vals del Obrero 25.04.2018 11:29
      Highlight Highlight Da beisst sich die Katze etwas in den Schwanz, denn wenn es wie früher ein total gewöhnlicher Anblick wäre, dann wären solche voyeuristischen Fotos im Internet ja auch nicht mehr interessant und die Sache würde sich von selbst erledigen.
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