Zeigt «Vierfach-Gott» Malinin auf dem Weg zum Gold sogar einen fünffachen Sprung?
Der vierfache Axel gilt als der schwierigste aller Sprünge. Man läuft ihn vorwärts an, springt mit dem linken Fuss ab, dreht sich in der Luft mit irrsinniger Geschwindigkeit viereinhalb Mal um die eigene Achse und landet etwa sieben Zehntelsekunden nach dem Absprung rückwärts auf dem rechten Fuss.
Es gibt nur einen Menschen, der den vierfachen Axel in einem Wettkampf schon gestanden ist: Ilia Malinin.
Seit zwei Jahren ungeschlagen
Der 21 Jahre alte Amerikaner, in Virginia als Sohn zweier ausgewanderter Sowjet-Athleten geboren, ist zweifacher Weltmeister. Seit zwei Jahren ist er ungeschlagen und in Mailand hat er bereits Team-Gold gewonnen. In den USA wird er häufig in einem Atemzug mit anderen Ikonen ihrer Sportart genannt: der Turnerin Simone Biles oder dem Schwimmer Michael Phelps.
Nun strebt Malinin dem Olympiasieg in der Einzelkonkurrenz entgegen. Nach dem Kurzprogramm, in dem er die Fans unter anderem mit einem Rückwärts-Salto begeisterte, liegt er in Führung. Rund fünf Punkte beträgt vor der Kür sein Vorsprung auf die nächsten Verfolger, den Japaner Yuma Kagiyama und Adam Siao Him Fa aus Frankreich.
«Er ist perfekt für diesen Sport»
Die Fachwelt ist sich einig: Malinin kann sich nur selber schlagen. Wenn er um 22.48 Uhr das Eis in der Milano Ice Skating Arena betreten wird, hat er Grosses vor. Nicht weniger als sieben Vierfach-Sprünge stehen in seinem Programm. Malinin will jeden der sechs Sprünge, die es gibt, mit jeweils vier Umdrehungen zeigen: Flip, Axel, Lutz (zwei Mal), Rittberger, Toeloop und Salchow.
«Er ist perfekt für diesen Sport gebaut», sagte die frühere Läuferin Ashley Wagner, die als TV-Expertin in Mailand ist. «Man sollte idealerweise leicht O-Beine haben, nicht zu gross sein, aber auch nicht zu klein. Er entspricht definitiv genau dem, was man braucht, um in diesem Sport erfolgreich zu sein», sagte sie über den 1,74 Meter grossen Athleten.
Im Training klappt der «Quintuple»
Wagt sich Ilia Malinin auf der grössten Bühne des Sports sogar an die Weltpremiere? Zeigt er einen fünffachen Sprung? Im Vorfeld der Olympischen Spiele liess er sich nicht in die Karten blicken und sagte: «Es könnte passieren oder auch nicht.» Im Training stand er schon einen «Quintuple».
Körperlich sei er bereit, kündigte Malinin an. Es werde eine Frage des Timings sein: «Wenn der Zeitpunkt stimmt, könnte es sein, dass Sie ihn sehen werden.»
Puristen rümpfen die Nase
Dieses Sprung-Spektakel sorgt für Begeisterung in der Halle und vor dem Fernseher – aber auch für Naserümpfen bei manch einem Puristen. Sprung folgt auf Sprung, Athletik ist Trumpf und verdrängt die Choreographie, das Künstlerische, in den Hintergrund.
Dazu beigetragen hat ein geändertes Wertungssystem, bei dem sogar die Schweizer Legende Stéphane Lambiel sagt: «Ich bin seit 33 Jahren im Eiskunstlauf, doch selbst mir bleibt das System ein Rätsel.» In der NZZ kritisierte der Weltmeister der Jahre 2005 und 2006, dass durch die Messbarkeit sämtlicher Elemente etwas verloren gegangen sei. «Früher gab es mehr Raum für Persönlichkeit und Emotionen. Charisma und Ausstrahlung entziehen sich jedem Bewertungssystem, ebenso die Kunst, Gefühle zu vermitteln.»
Britschgi visiert Diplom an
Kein Thema ist ein Fünffach-Sprung für die Schweizer Nummer 1. Lukas Britschgi gelang das Kurzprogramm nicht nach Wunsch. Der Europameister 2025 liegt vor der Kür auf Rang 19. Vom angestrebten Diplom für Rang 8 trennen Britschgi rund acht Punkte. Die Kür des Schaffhausers ist für 19.47 Uhr angesetzt.
Für Ilia Malinin ist ein olympisches Diplom nicht mehr als ein Fetzen Papier. Alles ausser der Goldmedaille wäre eine Enttäuschung. Packt er dabei tatsächlich einen Fünffach-Sprung aus, hat er ein schönes Problem. Dann kann sich der Eiskunstläufer einen neuen Instagram-Handle zulegen: Noch nennt sich der «Quad God» dort «ilia_quadg0d_malinin».
