Diese Netflix-Serie trendet, weil sie Parallelen zur Tragödie von Crans-Montana hat
Die schreckliche Faszination, die die Katastrophe von Crans-Montana auslöst, zeigt sich auch auf Netflix. Genauer auf der Rangliste der in der Schweiz meistgesehenen Netflix-Serien. Eine Woche nach dem verheerenden Silvesterbrand in der Bar «Le Constellation» steht auf Platz fünf der Liste eine brasilianische Mini-Serie mit dem Titel «The Endless Night» (im Original: «Todo Dia a Mesma Noite»).
Sie erschien vor drei Jahren, ohne dass ein Schweizer Publikum gross Notiz davon genommen hätte. Heute interessiert die Serie offensichtlich, weil sie von einer Katastrophe handelt, die der von Crans-Montana verblüffend ähnelt: dem Brand von 2013 im brasilianischen Musik-Club «Kiss». Dabei starben insgesamt 242 junge Menschen, viele davon Studierende.
Die Brandursache? Der Sänger der Band, die im überfüllten «Kiss» auftrat, hielt eine brennende Wunderkerze hoch zur Decke. Dort hatten die Clubbesitzer billigen Schaumstoff zur Schalldämpfung angebracht. Der Schaumstoff fing Feuer, worauf eine Massenpanik ausbrach und Menschen zum einzigen Ausgang drängten. Die meisten starben an den giftigen Rauchgasen. Später zeigte sich, dass die Brandschutzkontrollen mangelhaft gewesen waren.
Ein Justiz-Debakel, das die Opfer verhöhnt
«The Endless Night» basiert auf einem Buch, das die brasilianische Journalistin Daniela Arbex vor acht Jahren veröffentlichte. Es beleuchtet die Umstände, die die Tragödie ermöglichten. Und es zeichnet den Leidensweg der Eltern nach, die wegen des Brandes ihre Kinder verloren. Die Staatsanwaltschaft klagte gar einige dieser Eltern an, weil diese die Arbeit der verfilzten Justiz öffentlich kritisiert hatten; immerhin wurden die Eltern freigesprochen.
Nach zahlreichen Verzögerungen wurden vor drei Jahren schliesslich die beiden Besitzer des «Kiss»-Clubs und zwei Band-Mitglieder zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Ein halbes Jahr später allerdings hob ein Gericht dieses Urteil wieder auf. Sodass heute, fast dreizehn Jahre nach der Katastrophe des Brandes, die juristische Antwort darauf weiter aussteht. Ein Justiz-Debakel, das sich für die Angehörigen der Opfer wie blanker Hohn anfühlen muss.
Diese grässliche Geschichte erzählt die Serie zwar leicht fiktionalisiert und mit professionellen Schauspielern, aber im Grunde als True-Crime-Story. Sie beginnt am Tag des Unglücks, arbeitet sich rasch zur eigentlichen Katastrophe vor, und widmet sich danach ausführlich den trauernden Eltern, der schmerzhaften Genesung von Überlebenden, der Frage nach den Schuldigen – und ausführlichst dem juristischen Hickhack, das diese Frage auslöst.
Die Schlussworte treffen äusserst brutal
Vor dem Hintergrund der Ereignisse im Wallis sind insbesondere die beiden ersten Episoden brutal, die den Brand und seine unmittelbaren Folgen detailreich zeigen. Wenn die Kamera die jungen Menschen in den «Kiss»-Club begleitet, sucht man dessen Decke automatisch nach Schaumstoff ab und zuckt innerlich zusammen, sobald der Sänger die Wunderkerze zündet. Wenn der Clubbesitzer (Bruno Sigrist) sich nach der Katastrophe selbst als Opfer beschreibt, fühlt man sich an die unglücklichen Äusserungen von Nicolas Féraud erinnert, dem Gemeindepräsidenten von Crans-Montana.
Eine herausragende Serie ist «The Endless Night» jedoch nicht. Mit viel Streichmusik und Rückblenden in Zeiten, als die Opfer noch lebten, heischt sie allzu offensichtlich nach Mitgefühl, das sich ohnehin eingestellt hätte. Das wirft auch die Frage nach unserem eigenen Voyeurismus auf: Wo kippt das Mitgefühl in reines Starren? Braucht es zu jeder Tragödie eine aufwendige Serie? Würden wir die Ereignisse von «Le Constellation» nochmals als Netflix-Produktion sehen wollen?
Júlia Rezende und Carol Minêm, die Regisseurinnen von «The Endless Night», blenden ganz am Schluss ihrer Serie folgenden Text ein: «Für die Erinnerung, für die Gerechtigkeit, es darf nie wieder geschehen.» Worte, die nach Crans-Montana unfassbar brutal treffen.
The Endless Night: Auf Netflix. (aargauerzeitung.ch)
