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Epidemiologin korrigiert Bundesrat Berset: Die Fälle wachsen exponentiell

Nach einem Interview in der «Sonntagszeitung» gibt es Widerspruch vonseiten der Corona-Taskforce: Auch wenn die Fälle nun langsam steigen, so verdoppelt sich die Wachstumsrate doch alle vier bis sechs Wochen.

Sabine Kuster / ch media



Bundesrat Alain Berset hoert sich eine Frage eines Journalisten an, waehrend einer Medienkonferenz des Bundesrates zur aktuellen Lage im Zusammenhang mit dem Coronavirus, am Freitag, 11. September 2020 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Ungenau kommuniziert: Bundesrat Alain Berset. Bild: keystone

Wer immer ein bisschen zu viel isst, nimmt kontinuierlich zu. Sein Gewicht wächst linear. Infektiöse Krankheiten hingegen verbreiten sich immer exponentiell, sobald die Fälle zunehmen: Statt einer oder keiner weiteren Person, steckt ein Erkrankter also zum Beispiel zwei neue Personen an. Wenn die Umstände gleich bleiben, stecken diese zwei wiederum zwei an, womit es vier Neuerkrankungen gibt. Diese sorgen für acht Neuerkrankungen und diese acht (wieder mal zwei) für 16.

1-2-4-8-16-32? ist der altbekannte Faktor «hoch zwei» aus der Schule. Das exponentielle Wachstum eben, das rasch starke Auswirkungen hat. Eine klassische Veranschaulichung ist ein Reiskorn auf dem ersten Schachbrettfeld - fürs letzte Feld bräuchte es einen enormen Reisberg. Auch das Bevölkerungswachstum ist exponentiell - ein Stammbaum verdeutlicht das.

Massnahmen wirken: Langsameres Wachstum als im März

Nun steigen die Corona-Fallzahlen aber nicht sehr rasch an. Sie verdoppeln sich aktuell alle vier bis sechs Wochen. Ein exponentielles Wachstum ist das dennoch - anders als sich Bundesrat Alain Berset in der «Sonntagszeitung» ausgedrückt hat.

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Nicola Low, Epidemiologin an der Universität Bern. zvg

Er sagte: «Ich stelle einfach fest, dass wir im Moment kein exponentielles Wachstum haben. Die Fallzahlen sind hoch, steigen aber sehr viel langsamer als im Frühling.»

Darauf korrigierte Nicola Low, Epidemiologin an der Universität Bern und Mitglied der Corona-Taskforce auf Twitter: «Die Anzahl der neuen Covid19-Fälle nimmt definitiv exponentiell zu.»

Tanja Stadler, ebenfalls Mitglied der Taskforce erklärt auf Anfrage weiter:

Exponentielles Wachstum findet immer statt, wenn sich die Zahl der Neuinfektionen in regelmässigen Abständen verdoppeln.

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Tanja Stadler, Mathematikerin an der ETH Zürich. ETH Zürich

Also auch, wenn das Wachstum deutlich langsamer ist als noch im März. Es reicht, dass der berühmte R-Wert auf nur 0.1 über 1 steigt. Auf 1.1 liegt er nämlich seit längerem und steht für ein langsames exponentielles Wachstum.

Zwar ist die Zahl der wöchentlichen Tests über Sommer stark angestiegen und eine Erklärung für die steigenden Fallzahlen könne daher das vermehrte Testen sein. Doch liefern 100 gemachte Tests heute mehr positive Resultate als im Juni.

Die sogenannte Positivitätsrate ist gestiegen von ca. 0.4 % im Juni auf momentan rund 3%. Tanja Stadler sagt: «Also steigen die Fallzahlen auch nach Korrektur für vermehrtes Testen.» Kurve wird längerfristig trotzdem steiler.

Bundesratssprecher: «Situation ist mit März nicht vergleichbar»

Bundesratssprecher Peter Lauener sagt zur Aussage Bersets: «Er hat sich darauf bezogen, dass momentan keine so extreme Multiplikation statt findet wie noch im März. Die jetzige Steigerung ist mit damals nicht vergleichbar.»

Dass die Epidemie sich nun viel langsamer verbreitet als noch im März hat damit zu tun, dass die meisten Infizierten nun keine weiteren Personen anstecken, weil sie Hygiene- und Abstandsregeln befolgen und mehr Masken getragen werden.

So kommt es seltener zu Ansteckungs-Ereignisse, wie auch die gefürchteten Super-Spreader-Events, wo durch Nähe, schlechte Luft und lautes Sprechen auf einmal sehr viele weitere Personen angesteckt werden.

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • subreena 15.09.2020 14:57
    Highlight Highlight Mathe klar ein 1er... x2 und hoch 2 ist nicht ganz das gleiche :)

    1*2 = 2 1^2 = 1
    2*2 = 4 2^2 = 4
    4*2 = 8 4^2 = 16
    8*2 = 16 16^2 = 256
  • Talken 15.09.2020 12:57
    Highlight Highlight Die Mathematikerin kennt sich mit Mathematik aus. Der Virologe vermutlich mit Viren. Die Epidemiologin mit Epidemien, Zivilisationsschäden, etc. Und viele andere ExpertenInnen mit ihren Themen. Aber ein BR muss in ALLEN Themen ein Spezialist sein und darf ja keine Fehler machen. Er oder sie muss auch auf jede noch so schlaue Medienfrage, die korrekte Antwort bereit haben. Aber wehe wenn er oder sie einen klitzekleinen Fehler macht, droht der Gang zum Schafott. Ogi würde sagen „Freude herrscht“.
  • Dave1974 15.09.2020 09:00
    Highlight Highlight Tüpflisch...erei.

    Wichtig ist, dass die Wortkombination "Exponentielles Wachstum" nicht mehr so inflationär und unbedacht verwendet wird.

    Übrigens. Auch ein linearer Anstieg wäre ein "langsames exponentielles Wachstum". Kommt einfach darauf an, welche Punkte man in der Zeitachse wählt zum Vergleich.
    Man kann es so oder so nennen - die Ziele nicht aus den Augen verlieren.
    Diese Ziele würde ich übrigens gerne wieder mal ausgedeutscht und für jeden deutlich verständlich formuliert gehört/gelesen.
    • Pbel 15.09.2020 14:45
      Highlight Highlight Naja. Es macht einen Unterschied von 500 x 3 Monate Fälle / Tag = 1500 in 3 Monaten und 500 x 2 hoch 3 = 4000. Und die Verdopplungsquote ist aktuell kürzer als 1 Monat.
      Und darum ist ein linearer Anstieg kein langsamer exponentieller Anstieg.
  • Barth Simpson 15.09.2020 06:07
    Highlight Highlight Mich würde interessieren, warum das in China anders ist. Wird dort nicht mehr getestet, oder die Fälle unter den Teppich gekehrt? Oder hat China trotz extremer Bevölkerungsdichte die Pandemie unter Kontrolle? Oder hat China das Virus doch im Labor produziert und hat ein Impfstoff dagegen? Oder ist China durchgeseucht, weil Coronaviren dort längst eine Kreuzressistenz erzeugt haben?
    Fragen über Fragen, die viel Raum zu Spekulationen lassen, aber die man unbedingt angehen sollte.
  • Filz 14.09.2020 21:58
    Highlight Highlight Mit dem Satz "1-2-4-8-16-32? ist der altbekannte Faktor «hoch zwei» aus der Schule", zeigt uns die Autorin ihren Fensterplatz in Mathematik. Es handelt sich dabei vielmehr um «2 hoch X«. Solange X>1 ist, haben wir es mit exponentiellem Wachstum zu tun. Wäre eigentlich nicht so schwierig zu verklickern.
  • Pbel 14.09.2020 21:49
    Highlight Highlight Bei Epidemien kann es prinzipbedingt kein lineares Wachstum geben, ausser zwei Effekte wirken sich zufällig ganz kurz gleich stark invers entgegen (z.B. Aufbau von Resistent in der Bevölkerung). Ansonsten gibt das einfache Ansteckungsmodell (das oft bis zur Durchseuchung oder Gegenmassnahmen korrekt ist) etwas grösser eins (auch wenn evtl nur 1.0000001) hoch Zeitabschnitt (vereinfacht Inkubationszeit), weil ein kranker mehr als einen anderen Ansteckt. Alles kleiner eins verschwindet nämlich von selbst. Bei Zufällig gleich 1 bleiben die Zahlen konstant.
    • Sandro Wanderlust 15.09.2020 12:02
      Highlight Highlight Wenn das Wachstum nunmal exponentiell IST, sollen wir künftig lieber "steili steili Kürvli aua" sagen, damit es nicht so weh tut?
    • Pbel 15.09.2020 18:55
      Highlight Highlight Nein sondern Hände waschen. Abstand halten. Maske tragen. Bei Symptomen isolieren und testen und was das BAG täglich repetiert. Wenn ein kranker maximal einen weiteren ansteckt ist R0 < 1 und das ganze verschwindet wie von alleine.
  • MGausR 14.09.2020 21:26
    Highlight Highlight Also dürfen wir ohne striktere Massnahmen Ende Oktober mit 1000 und Mitte Dezember mit 2000 Neuansteckungen pro Tag rechnen...
  • Sportfan 14.09.2020 21:11
    Highlight Highlight Ach und das ist die andere Virologin bzw. Mathematikerin. Einfach nur noch peinlich die Effekthascherei dieser Damen. Schweigen ist Gold und Reden ist ......
    Mathematische Modelle kann man mit allen möglichen Annahmen füttern, je nach Ergebnis und Medienpräsenz man wünscht.
    Stopp it!

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