«Gut ist es hier nicht» – Crans-Montana sucht den Weg zurück zur Normalität
Ein «gros connard» sei der Gemeindepräsident, sagt der alte Mann, ein Idiot, dass er erst jetzt merke, dass er sich hätte entschuldigen müssen. Sie sitzen zu zweit am Tisch in der Ecke, der Mann im Karohemd und seine Frau im hellgrauen Mohairpullover, je ein Glas Wein vor sich, auf dem Tisch eine zerknüllte Zeitung, an einem dieser Orte im Dorf mit Holztresen und Sportbildern an den Wänden, wo der Zapfhahn früh morgens in Betrieb geht. Alle hätten es falsch gemacht, schimpft der Mann weiter. Der Staat mit seiner Fahrlässigkeit, die Italiener mit ihren Schuldzuweisungen, die Anwälte mit ihren Ausreden. Die Polizei, die überall Details durchsickern lasse. Alles nur, um Crans-Montana, sein Dorf, zu destabilisieren. Seine Frau nickt, nimmt einen Schluck.
An diesem Wochenende wird in Crans-Montana der Ski-Weltcup ausgetragen. Auf den Anlass lassen wenige Tage vorher vor allem die Verkehrshinweise schliessen. Die Strassen sind so leer, wie sie es in den Wochen zwischen Neujahr und den Sportferien immer sind. Manchmal spazieren Gäste vorbei, vereinzelt ziehen Kamerateams durch das Dorf. An den Anschlagbrettern hängen Trauerhinweise und Einladungen zu Andachten. Vor einem Restaurant steht eine Tafel: Der Inhaber fühle sich nach dem verheerenden Brand im «Le Constellation» nicht mehr in der Lage, den Betrieb weiterzuführen, seit Montag sei das Restaurant vorerst geschlossen.
Von einer Handvoll Bergdörfer zur Walliser Luxus-Meile
Crans-Montana war lange kein geeintes Dorf, sondern mehrere Dörfer in der Hochebene über Sierre – die bekanntesten davon Crans-sur-Sierre und Montana. Ab 1901 wurden in Montana zahlreiche Sanatorien für Tuberkulosepatienten gebaut. Sie trafen einen Nerv: Innert zehn Jahren wurde Montana zum bekannten Kurort mit einer Drahtseilbahn ins Tal.
Parallel dazu boomte in Crans-sur-Sierre der Sport. 1907 wurde eine Golf-Gastwirtschaft eröffnet, von dort aus wurde «Crans» zu einem alpinen Golfzentrum. Auch im Skisport war das Dorf Pionier: 1936 wurde der erste Skilift der Schweiz eröffnet.
Schon bald tummelten sich die Skigäste aus ganz Europa auf dem gesamten Plateau. In den 50er-Jahren sank die Anzahl der Tuberkulosefälle und Kurgäste. Crans-Montana richtete sich auf den Wintersport aus – im Luxussegment. In dieser Zeit schossen hier die ersten Ferienwohnungen im Wallis aus dem Boden. Berühmtheiten aus Grossbritannien, Frankreich, Italien und den Vereinigten Staaten leisteten sich Chalets und Winterresidenzen in diesem Ski-Paradies der Reichen und Schönen. Gipfel dieses Booms war die Ski-Weltmeisterschaft im Jahr 1987: ein Mega-Event, der den Schweizern insgesamt 14 Medaillen bescherte und die Destination Crans-Montana international festigte.
Bis heute hängen in den Bars und Cafés signierte Fotos, die an diese Zeit erinnern, bevor die Dörfer enger zusammenrückten. 1997 entstand ein gemeinsamer Tourismusverein. Zwanzig Jahre später fusionierten vier der Dörfer zu einer neuen Gemeinde: Crans-Montana. Sie wächst weiter.
Ein Ort unter Investitionsdruck
Auf dem Plateau sind in den letzten zwanzig Jahren Dutzende Hochhäuser aus Beton und Glas entstanden, bis heute wird weiter gebaut. Unternehmer aus dem Ausland stecken viel Geld in die Kleinstadt mit Dorf-Image. In den nächsten fünf Jahren sollen 30 Millionen Franken in die Bergbahnen fliessen. In der Gemeinde sind Megaprojekte geplant, darunter eine Therme, insgesamt für 1,6 Milliarden Franken. Zudem soll ein weiteres Dorfzentrum entstehen, ein «Resort Village» mit allem, was dazugehört.
Die Pläne und Verfehlungen der russischen, amerikanischen oder tschechischen Investoren sorgen zwar immer wieder für Aufruhr. Letztlich sind sie es aber, deren Struktur und Gäste wiederum in den Luxushotels, Boutiquen und Kliniken, auf den Golfplätzen und Skipisten Geld einbringen – und Crans-Montana zu seinem Wachstum verhelfen.
Die Kinder dieser Gäste sind es auch, die dem Brand im «Le Constellation» zum Opfer fielen. Seit nun einem Monat läuft die Suche nach den Schuldigen. Die Barbetreiber zeigen mit dem Finger wahlweise auf ihre Kellnerinnen, Bauarbeiter oder die Behörden; die Gemeinde spricht von Fehlern, aber nie davon, wer sie gemacht haben soll. Eine Entschuldigung äussert der Gemeindepräsident Nicolas Féraud erst drei Wochen später.
Inmitten dieser Diskussionen trauert das Dorf. Darüber mit Journalisten reden will kaum jemand, noch weniger mit Namen. Schliesslich sei es doch immer nur zum eigenen Nachteil, heisst es. Wer mit den Medien spricht, werde verurteilt. «Immer diese Leute, die allen weismachen wollen, es werde alles wieder gut hier», sagt ein Mann im weissen Wollpullover. Er sitzt am Tresen seiner Stammbar, starrt in seinen Espresso, schüttelt den Kopf. Sagt leise: Nein, gut sei es nicht.
Der falsche Moment für das «volle Programm»
40 Jahre nach der Weltmeisterschaft von 1987 wird Crans-Montana erneut eine Ski-WM stemmen. Der Anlass soll im Februar 2027 Zehntausende ins Wallis locken, den Tourismus weiter ankurbeln. Nun wird die WM auf die Trauerperiode fallen; so wie der Weltcup von diesem Wochenende.
Das Programm rund um den Weltcup wurde reduziert. Ausserhalb des Zielgeländes gibt es keine Konzerte, keine Medaillenfeier, keine Übertragungen auf Grossbildschirmen.
Bruno Huggler, beiger Rollkragenpulli, schlichte Uhr, ist seit über 10 Jahren Tourismusdirektor in Crans-Montana. Er zuckt mit den Schultern. Es dürfe nicht alles im Vollprogramm stattfinden: «Dafür ist jetzt nicht der richtige Moment.» Es ist eine Gratwanderung zwischen dem Ausnahmezustand und dem Tourismus, der weiterlaufen muss, gerade jetzt. Aber mit Respekt, sagt Huggler.
Huggler spricht ruhig, trifft den Ton zwischen Verständnis, Trauer und leiser Entschlossenheit. In den Tagen nach dem Brand befindet sich auch seine Organisation im Ausnahmezustand. Alle Partys in den Bars werden abgesagt, die meisten Gäste bleiben. Mittlerweile pendle sich der Betrieb wieder ein, sagt Huggler, die Anfragen der Gäste kehren von Notfallkontakten und Trauerfeiern zurück zum Tagesprogramm, zum Skibetrieb, zum Wetter.
«Unsere Glaubwürdigkeit wird nicht infrage gestellt»
In den Wochen seit dem Brand seien Buchungen annulliert oder verschoben worden, sagt Huggler. Weil Firmen ihre Kundenanlässe abgesagt hätten, oder weil sich die Gäste nicht sicher gewesen seien, ob es angebracht sei, nun im Dorf Ferienstimmung zu verbreiten. Was das für die anstehenden Sportferien bedeutet, ist noch offen. Von grossen Verschiebungen geht Huggler aber nicht aus. Der Brand werde als tragisches Einzelereignis wahrgenommen, sagt er: «Die Glaubwürdigkeit unserer Destination wird nicht grundsätzlich infrage gestellt.»
Das Ereignis bleibt am Weltcup weiter präsent. Zum Start der Frauenrennen gibt es eine Andacht, die Athletinnen tragen Blumen vor das «Le Constellation», hinter dessen Fenstern längst Spannholzplatten stehen. Für den Samstag hat eine junge Studentin einen Trauermarsch angesagt. Auf den Pistenbegrenzungen stehen Andachtsbekundungen statt Werbung. Doch die Rennen sollen stattfinden – und werden nur wetterbedingt abgesagt.
Was am frühen Morgen des 1. Januars geschehen sei, könne nicht alles andere verdrängen, sagt Huggler. Crans-Montana verfüge über eine gut funktionierende Infrastruktur, eine solide Basis. Auf die 15'000 Einwohner der Gemeinden kommen mittlerweile 12'000 Zweitwohnungsbesitzer, die dem Ort nicht einfach so den Rücken kehren würden. Es müsse weitergehen, sagt Huggler. Er will trotz allem vorwärts schauen. Der Weltcup werde die Leute wieder nach Crans-Montana bringen, ist Huggler überzeugt. «Und das ist auch gut so.» (aargauerzeitung.ch)
