Die widersprüchliche Rolle von Morettis Ziehsohn und andere Auffälligkeiten
Woher hatten Jacques und Jessica Moretti das viele Geld, um in Crans-Montana mehrere Restaurants und Liegenschaften zu kaufen? Zunächst hiess es, das Paar habe dafür keine Fremdfinanzierung benötigt. Das warf die Frage auf, woher das Geld stammte.
Laut der Zeitung «Le Temps», die sich auf Untersuchungsakten beruft, stammte das Geld der Morettis allerdings vorwiegend von Banken. Sie besässen in der Schweiz Immobilien im Wert von etwa fünf Millionen Franken und hätten Hypotheken von etwa vier Millionen. Unklar bleibe jedoch, woher die 300'000 bis 500'000 Franken stammten, die Moretti für Renovationen ausgegeben habe.
In einem seiner Lokale, der Bar Le Constellation, kam es in der Silvesternacht zur Katastrophe mit 40 Todesopfern. Vermutlich fing der von Moretti vor zehn Jahren selbst angebrachte Akustikschaum an der Decke Feuer, als gegen 1.30 Uhr morgens Wunderkerzen auf mehreren Champagnerflaschen hochgehalten wurden.
Neben der Geldfrage gibt es in diesem Fall an allen Ecken und Enden Unklarheiten und Widersprüche.
Wüste Drohungen gegen Medienleute
Eine zentrale Rolle für die Morettis spielt in Crans-Montana der Korse Jean-Marc G., 33. Er ist Geschäftsführer eines der Restaurants des Ehepaars, des Le Vieux Chalet in Lens. Der Mann ist der Sohn der früheren Partnerin von Moretti, dieser bezeichnete ihn als seinen «Adoptivsohn».
Vor dem Le Vieux Chalet gingen Männer aus Morettis Umfeld wiederholt Medienschaffende an. Ein italienisches Fernsehteam wurde in Halbweltmanier verbal und körperlich aggressiv attackiert und am Filmen gehindert. Den Satz «Hat es nicht schon genug Tote gegeben?» empfand der italienische Journalist als Morddrohung, wie er angab. Tage zuvor wurde ein Blick-Journalist ähnlich rüde angegangen.
Im Kontrast dazu steht ein längeres Interview, das Morettis Ziehsohn kürzlich dem französischen Sender BFMTV gab. Das von Medien gezeichnete Bild der Morettis entspreche nicht dem, wie er sie kenne. «Das sind nicht sie.» Sie seien harte Arbeiter, sehr menschlich. Jean-Marc G., der sein Gesicht im Beitrag nicht zeigte, ist selbst schwer betroffen: Er war mit der Serviceangestellten Cyane Panine liiert, die bei dem Brand ums Leben kam.
Der junge Mann tritt wie eine Art Beschützer für seinen Chef auf. Die gemeinsame Vergangenheit von ihm und Moretti beginnt 2004. Der französische «Figaro» zitiert eine Person, die dem Barbetreiber nahesteht: Moretti habe Jean-Marc G., Jahrgang 1992, grossgezogen, «seit dieser zwölf Jahre alt war».
Just in diese Zeit fallen Morettis Aktivitäten als Zuhälter. Ein französisches Gericht verurteilte ihn 2008 wegen «Förderung der Prostitution». Zwischen 2004 und 2005 wurden junge Frauen für Salons in Genf, Bern und Solothurn angeheuert. Moretti erhielt zwölf Monate Haft, vier Monate davon unbedingt. Ein weiterer Korse erhielt zehn Monate Haft, ein dritter wurde freigesprochen. Laut Urteil sei «eine organisierte Bande am Werk» gewesen, die Frauen rekrutiert sowie Tarife und Anzahl Kunden pro Tag festgelegt habe.
Barbetreiber wurde schon 2016 gebüsst im Wallis
Moretti nahm es auch später nicht immer so genau mit dem Gesetz. Auf Korsika ging es laut Berichten um unrechtmässig bezogene Sozialbeiträge. Im Wallis wurde er laut «Le Temps» 2016 mit 1000 Franken gebüsst: Wegen Beschäftigung von Ausländern ohne Bewilligung und «Verstössen gegen Sozialversicherungen».
Ab 2010 bis 2014 betrieb Moretti zusammen mit der Mutter von Jean-Marc G. den Nachtschuppen Lolla Palooza im Hafen von Bonifacio auf Korsika. Der Schuppen hatte laut «Le Temps» zuvor einem «schwer verurteilten» Bandenchef gehört. Zum Verhältnis ihres Sohnes zu Moretti sagte die Mutter laut «Figaro»: «Ich weiss nicht, was sie zusammen machen, und ich will es nicht wissen. Mein Sohn ist ein sehr diskreter Mensch, er sagt mir nichts.»
Ihr Sohn legte ab 2010 als DJ im Lolla Palooza auf. Er stand laut Facebook-Post in Kontakt zum benachbarten Klub, dem B-52, der einer einflussreichen korsischen Verbrecherfamilie gehört. Französische Quellen betonen jedoch, es gebe keine Hinweise darauf, dass Moretti zur korsischen organisierten Kriminalität gehöre.
Moretti sitzt in Untersuchungshaft, könnte bald auf Kaution freikommen. Experten sehen jedoch nicht nur Flucht-, sondern auch Verdunkelungsgefahr.
Erst letzte Woche zeigten Aufnahmen von Rai Uno, wie mehrere Männer vor dem Le Vieux Chalet, das vom Ziehsohn geführt wird, Kisten in einen Lieferwagen verluden. Eine Hausdurchsuchung habe dort bisher nicht stattgefunden, so der italienische Sender. Das Material, was auch immer es war, wurde offenbar in Morettis Wohnung gebracht, wo bereits eine Durchsuchung stattfand. Es gilt die Unschuldsvermutung. (aargauerzeitung.ch)
