Schweiz
Crans-Montana

Crans-Montana: Finanzen von Barbetreibern werfen Fragen auf

The owners of the bar in Crans-Montana, where the deadly fire happened on New Year's Day, Jacques und Jessica Moretti from France, center, arrive with their lawyers Patrick Michod and Nicola Meie ...
Wegen Fluchtgefahr: Jacques Moretti sitzt in Untersuchungshaft, Jessica Moretti soll eine Fussfessel tragen.Bild: keystone

Verhör, Verhaftung und viele Fragen – darunter: Wie kamen die Morettis zu ihren Millionen?

Nach dem Inferno von Crans-Montana mit 40 Toten wurden die Betreiber der Bar «Le Constellation» einvernommen. Die Ermittler gehen unter anderem der Frage nach, woher die Millionen kamen, die die Morettis in der Region Crans-Montana investierten.
10.01.2026, 08:2911.01.2026, 05:38
Kari Kälin, Henry Habegger / ch media

Gesenkten Hauptes schreiten Jacques und Jessica Moretti, 49 respektive 40 Jahre alt, am Freitagmorgen um 8 Uhr in Sitten zum Verhör bei der Staatsanwaltschaft. Beide tragen eine schwarze Jacke, sie eine Sonnenbrille. Die Polizei muss dem Ehepaar den Weg bahnen. Etwa 50 Journalisten aus dem In- und Ausland stellen Fragen. Ein italienischer Journalist fragt:

«Wollen Sie sich entschuldigen?»

Die Betreiber und Besitzer der Todesbar «Le Constellation», beide Franzosen, schweigen. Die Ehefrau, die sich später doch noch erklärt und entschuldigt, ringt mit den Tränen. 40 Menschen starben beim Inferno in der Silvesternacht, 116 wurden schwer verletzt.

Die Morettis wurden erstmals als Beschuldigte befragt. Die Walliser Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst. Über ihre Anwälte liessen sie Anfang der Woche ausrichten, dass sie sich ihrer Verantwortung nicht entziehen. Sie zeigten sich erschüttert über das Drama und versicherten ihre Empathie.

Morettis Entourage bedroht Journalisten

Im Kontrast zur signalisierten Bereitschaft zur Kooperation stehen Vorfälle rund um die Tragödie. So berichteten italienische Medien, Jessica Moretti, die Verletzungen am Arm davontrug, habe in der Brandnacht die Bar mit der Kasse und den Tageseinnahmen verlassen. Das wirft aus strafrechtlicher Sicht die Frage nach unterlassener Hilfeleistung auf. Vor dem Restaurant in Lens, einer Nachbargemeinde, wurden Medienschaffende der italienischen Rai von sieben Personen aus Morettis Entourage bedrängt und bedroht. Sie schleuderten den Journalisten entgegen:

«Verschwindet! Gab es nicht genug Tote hier?»

Ein betroffener Journalist hat deswegen Strafanzeige eingereicht, wie er auf Anfrage von CH Media sagte.

Derweil berichten ehemalige Angestellte, dass sie die Champagnerflaschen mit den Wunderkerzen als hochgefährlich einstuften. Ein Video aus dem Jahr 2019 zeigt, wie der Schaumstoff an der Decke wegen einer Wunderkerze schmilzt. Ein Angestellter warnt: «Passt auf, der Schaum.» Wussten die Betreiber um die Gefahr des Pyrospektakels, das auch ihrem Servierpersonal ungeheuer war?

Unschöne Vergangenheit

Sicher ist, dass Jacques Moretti eine unschöne Vergangenheit hat. Er sass in Frankreich wegen Förderung der Prostitution im Gefängnis. 2010 erhielt er laut Medienberichten eine Busse, weil er ungerechtfertigt Sozialgelder für eine günstigere Wohnungsmiete kassierte. In Frankreich durfte er kein Geschäft mehr betreiben.

Aber wenig später machte das Paar in der Schweiz einen kometenhaften Aufstieg. Die Morettis bauten sich innert weniger Jahre im teuren Crans-Montana ein kleines Imperium auf.

2015 übernahmen sie die spätere Unglücksbar «Le Constellation» als Pächter. Die Rede ist von sehr hohen Mieten, die das Paar bezahlen musste.

Ungefähr ab dem Jahr 2020 verfügte das Paar offensichtlich über finanzielle Mittel in Millionenhöhe. In der Folge kaufte es nicht nur das «Le Constellation», sondern auch zwei andere Restaurants sowie ein Chalet.

Die Römer Zeitung «La Repubblica» will wissen: Bilanzen und Kassenbücher seien beschlagnahmt worden, die Ermittler wollten Geldströme aufdecken, die es den Eigentümern ermöglichten, «rasante und schwindelerregende Investitionen zu tätigen». Sie schreibt:

«Es gibt einen Schatten der Geldwäsche über den Geschäften der Morettis.»

Finanzielle Mittel in Millionenhöhe

Sébastien Fanti, Anwalt in Sion und Vertreter von vier Opferfamilien, sagt:

«Es ist unmöglich, mit dem Betrieb von Restaurants innert ein paar Jahren so viel Geld zu verdienen, dass man damit mehrere Liegenschaften kaufen kann.»
Opferanwalt

Dies unter anderem deshalb, weil die Saison in Crans-Montana nur drei Monate dauere, man während neun Monaten wenig bis nichts verdiene.

Die Morettis kauften unter anderem das Restaurant «Le Senso» in Crans-Montana an der Rue de la Gare 2. Das Lokal hatte laut einem Beitrag in der «Bilanz» aus dem Jahr 2010 Sébastien Bottinelli gehört, einem Spross der gleichnamigen schwerreichen Familie, eine der grössten Aktionärinnen des Luxusuhrenherstellers Audemars Piguet.

Die Finanzplattform «Inside Paradeplatz» habe Grundbuchauszüge gezeigt, auf denen keine Hypothek erscheine, sagt Anwalt Fanti.

«Das heisst, die Morettis brauchten offenbar kein Geld von Banken, sie hatten sehr viel eigenes Geld.»
Opferanwalt

Es frage sich also, woher das viele Geld komme. «Ich erwarte, dass die Staatsanwaltschaft ihre Arbeit macht und diese Frage klärt», sagt Fanti. «Wenn die Barbetreiber tatsächlich so viel eigenes Geld in den Geschäften haben, dann bleibt mehr Geld für die Opferfamilien.»

Verurteilt wegen Zuhälterei

Moretti, ursprünglich Barkeeper, stammt aus Korsikas Osten, auch seine Frau hat korsische Wurzeln, wuchs aber in Südfrankreich auf. Zu Morettis Bekanntschaften, so «La Repubblica», gehöre ein reicher korsischer Geschäftsmann, der zwischen der Schweiz und Dubai hin- und herpendle. Dieser habe Verbindungen zur berüchtigten korsischen Bande «Petit Bar». In Marseille werde wegen Geldwäsche und krimineller Vereinigung untersucht. Der Unternehmer selbst gab inzwischen an, er sei hereingelegt worden von der Mafia-Bande. In Marseille wurde dieser unter anderem vorgeworfen, sie habe Dutzende Millionen Euro via Hongkong, Luxemburg und der Schweiz gewaschen.

Wie auch immer der Fall ausgeht: Laut Opferanwalt Fanti macht es das Wallis dubiosen bis vorbestraften Akteuren einfach, hier Geschäfte zu machen. Er sagt:

«Losgelöst vom Fall Moretti kenne ich mehrere Fälle von Personen, die im Ausland Probleme mit der Justiz hatten und dann im Wallis auftauchten.»
Opferanwalt

Sie bekämen die Aufenthaltsbewilligung, betrieben ihre Geschäfte, die teils höchst dubios seien, aber niemand unternähme etwas, sagt er. Im Wallis gelte leider nach wie vor das Motto: «Das Gesetz gilt für die anderen, aber nicht für mich.»

Im Kastenwagen weggebracht

Die Walliser Staatsanwaltschaft kommt nach Startschwierigkeiten langsam in die Gänge. An der Befragung der Beschuldigten konnten die Opferanwälte nun doch teilnehmen. Die Walliser Staatsanwaltschaft wollte sie zunächst noch ausschliessen, krebste aber nach scharfen Protesten von Anwälten und Strafrechtlern zurück.

Entsetzt waren die Opferanwälte auch darüber, dass die Barbetreiber nicht unmittelbar nach der Katastrophe festgenommen worden waren. Sie könnten sich jederzeit nach Frankreich absetzen, das seine Staatsbürger nicht ausliefere. Es bestehe keine Flucht- und auch keine Verdunkelungsgefahr, hielt Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud dagegen.

Auch diese Einschätzung hat sich jetzt geändert. Am Freitag, im Anschluss an die Befragung, wurde Jacques Moretti in Sitten festgenommen und im Kastenwagen der Polizei weggebracht. Seine Gattin dagegen blieb auf freiem Fuss. Laut «24heures» begründete die Staatsanwaltschaft die Verhaftung des Korsen mit Fluchtgefahr. Innerhalb von 48 Stunden muss das Walliser Zwangsmassnahmengericht die Verhaftung bestätigen, sonst kommt Moretti wieder auf freien Fuss.

Konkrete Fluchtgefahr

Während der Einvernahme sei die Fluchtgefahr erneut analysiert worden, begründete Generalstaatsanwältin Pilloud in einer Medienmitteilung die Festnahme. Darin liess sie sich wie folgt zitieren:

«Angesichts seiner Aussagen, seines Lebenslaufs und seiner Situation in der Schweiz und im Ausland geht die Staatsanwaltschaft von einer konkreten Fluchtgefahr aus.»
Generalstaatsanwältin

Was die Frau betreffe, sei die Staatsanwaltschaft der Ansicht, das Fluchtrisiko könne durch Ersatzmassnahmen kompensiert werden. Ausschlaggegend hier sei der Werdegang und die persönlichen Bindungen der Barbetreiberin.

Die Generalstaatsanwältin betonte am Schluss: Für beide Beschuldigte gelte die Unschuldsvermutung. Und die Untersuchung laufe weiter. (aargauerzeitung.ch)

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197 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Schlaf
10.01.2026 08:57registriert Oktober 2019
Wir sind halt ein Paradies für die Geldwäscherei!

Das wird in unserem Land mittlerweile so offen praktiziert und scheint die Behörden nicht zu interessieren, oder die Behörden sind schlicht ob der Menge, masslos überfordert.

Autohandel wo kein Handel herrscht, Barber wo keine Bärte gestutzt werden, Restaurant wo niemand essen geht, usw.

Es ist echt schlimm, was da in unserem Land abgeht!
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Knoudi
10.01.2026 08:50registriert Juni 2020
In jedem Dorf steht eine Beiz in ausländischem Besitz, bei der sich jeder fragt wie das profitabel betrieben werden kann.
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N. Y. P.
10.01.2026 08:54registriert August 2018
Aus diesem Artikel entnehme ich zwei Dinge, die ich noch nicht wusste. Den Angestellten war bewusst, dass diese Lichterkerzen gefährlich sind, die Betreiber wollten davon nichts wissen.

Falls das stimmt, dass die Betreiberin mit den Tageseinnahmen das Weite suchte, während den Menschen bei 300° die Haut wegschmelzt.. Nein, wirft kein gutes Licht auf sie.

Der Walliser Filz steht am Pranger der Weltöffentlichkeit.
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