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Das Grab des abhörsicheren Mobilfunksystems Zürcher Start-up Qnective

Das Millionengrab eines abhörsicheren Mobilfunksystems

Wie 160 Millionen Franken in Versprechungen untergegangen sind. Den Schaden tragen private Investoren sowie über die Schweizerische Exportrisikoversicherung der Bund.
17.01.2026, 22:4317.01.2026, 22:43
Christian Mensch / ch media

Edward Snowden war ein Glücksfall. Der Geheimdienstmitarbeiter, der 2013 als Whistleblower vor der Welt ausbreitete, wie der US-Dienst NSA sich in den Mobilfunkverkehr auch von Verbündeten einklinkt, liess den Markt für abhörsichere Systeme explodieren. Mitten in diesem Hype: das Zürcher Startup Qnective.

Qnective hat ein abhörsicheres Mobilfunksystem angeboten - attraktiv vor allem für Sicherheitsbehörden.
Qnective hat ein abhörsicheres Mobilfunksystem angeboten - attraktiv vor allem für Sicherheitsbehörden.Bild: Getty

Die Schlagzeilen, mit denen sich Qnective ins öffentliche Bewusstsein rückte, regten zum Träumen an. «Whatsapp ohne Big Brother» titelte der «Tages-Anzeiger», «Die Lizenz zum Verschlüsseln» schrieb die «Basler Zeitung», «Im Netz des Sultans» feierte die «Handelszeitung» die ersten Grossaufträge. Die Beiträge schilderten einen sicher geglaubten Erfolgszug: Die indonesische Regierung habe bereits unterschrieben, dass sie ihre Sicherheitsbehörden mit der Schweizer Software ausrüsten wolle, es folgten Oman und bald wohl weitere Golfstaaten.

Alleine Indonesien versprach einen Auftrag in dreistelliger Millionenhöhe. Oman sollte Qnective während 15 Jahren jährlich 30 Millionen Franken einbringen. Ein Börsengang wurde bereits erwogen. Die Kerninvestoren, allen voran zwei Basler Familien, die vorab 55 Millionen Franken eingebracht hatten, durften eine Vervielfachung ihrer Risikoinvestition erwarten.

Mit voller Unterstützung der Exportrisikoversicherung

Dass Startups scheitern, ist statistisch eher die Regel denn die Ausnahme. Doch Qnective schien die kritische Phase überwunden zu haben. Vorliegende Gerichtsentscheide zeichnen jedoch das Bild einer Firma, in der immer wieder nichts so war, wie es schien.

Das Buero-Hochhaus Prime-Tower fotografiert in der Daemmerung um 17:30 Uhr am ersten Tag des Teil-Lockdowns mit Home-Office-Pflicht, Montag am 18. Januar 2021 in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Drei Ratenzahlungen erstattete Qnective pünktlich zurück. (Symbolbild)Bild: keystone

Diese Lehre musste auch die Schweizerische Exportrisikoversicherung (Serv) ziehen. Die Serv sicherte das Omangeschäft doppelt ab; einerseits mit einer Fabrikationsgarantie über 86 Millionen Dollar für den Netzaufbau, andererseits mit einer Lieferantengarantie über 180 Millionen Dollar für den laufenden Betrieb. Dreimal musste der Vertragsabschluss allerdings verschoben werden.

Mit der staatlichen Rückversicherung überwies die Credit Suisse (CS) Darlehensgelder für die Fabrikation. Drei Ratenzahlungen erstattete Qnective pünktlich zurück, doch ab 2017 stauten sich Zahlungsrückstände. Im Oktober machte die CS eine Rückzahlung der Darlehen aufgrund der Fabrikationskreditversicherung bei der Serv geltend.

Nach drei Ratenzahlungen war Schluss

Aus staatlichen Mitteln erhielt die CS im Oktober des gleichen Jahres 63 Millionen Dollar erstattet. Noch ein Jahr lang überwies Qnective vereinzelt Teilzahlungen, wodurch sich die Schuld auf 61,6 Millionen Dollar reduzierte. 2018 war das Geschirr zerschlagen. Qnective kam einer Zahlungsaufforderung nicht nach und wies jede Schuld für den Schadensfall von sich. Die Serv macht seither ihren Anspruch vor Gericht geltend.

Le logo de la banque Credit Suisse est photographie, ce mercredi 18 decembre 2024 a Geneve. (KEYSTONE/Martial Trezzini)
Die Credit Suisse wurde im März 2023 von der UBS übernommen.Bild: KEYSTONE

Qnective stellte sich auf den Standpunkt, die Serv habe durch ihr Verhalten den Zahlungsausfall selbst erst bewirkt und entsprechend keinen Anspruch auf Rückzahlung. Umgekehrt erhebe Qnective aber Anspruch auf 117 Millionen Dollar aus der Lieferantenkreditversicherung. Diese wird fällig, wenn der Kunde nicht bezahlt. Doch dagegen verwahrte sich wiederum die Serv. Zum einen sei unsicher, ob die Leistung tatsächlich erbracht wurde, zum anderen sei die Forderung zuerst in Oman selbst einzufordern.

Den Rechtsweg in Oman zu beschreiten, sei unzumutbar, entgegnete Qnective im Gerichtsverfahren. Und dass die vertraglich zugesicherten Arbeiten – ein funktionsfähiges, abhörsicheres Netzwerk – abgeschlossen seien, zeige ein Gutachten. Doch nach dem Bundesverwaltungsgericht stellte auch das Bundesgericht im vergangenen Jahr fest, dass dem wohl nicht so sei: Die Forderung von Qnective über 117 Millionen Dollar an die Serv sei ungültig, die Forderung der Serv an Qnective über 61 Millionen Dollar jedoch rechtens.

Revisionsgesellschaft legt Mandat nieder

Nach Ansicht der Revisionsgesellschaft war Qnective bereits Mitte 2023 überschuldet; sie legte ihr Mandat nieder. Der Zürcher Vermieter der Büroräumlichkeiten stellte für ausstehende Mietkosten zudem ein Konkursbegehren. Das Gericht stimmte auf Antrag von Qnective einer stillen provisorischen Nachlassstundung zu, was bedeutet, dass zwar ein Sachwalter eingesetzt, das Verfahren jedoch nicht öffentlich wurde.

Eine Frau arbeitet am Abreitsplatz im Buero am Laptop, ihre Schutzmaske liegt auf dem Tisch, fotografiert am Donnerstag, 14. Januar 2021, in Zuerich. Per Verordnung des Bundesrates vom 13. Januar 2021 ...
Das Gericht stimmte auf Antrag von Qnective einer stillen provisorischen Nachlassstundung zu. (Symbolbild)Bild: keystone

Der Sachwalter stellte nach Einsicht in die Bücher wiederholt Antrag, über die Firma sei der Konkurs zu eröffnen. Doch immer neue Ansagen brachten das Gericht dazu, die Fristen zu verlängern. Es seien noch liquide Mittel vorhanden. Oder ein Investor werde eine Mehrheit übernehmen und 500 Millionen Euro einschiessen. Oder ein indonesischer Investor werde 10 Millionen Euro bringen. Oder bei einer Transaktion zwischen einer Firma auf den Bahamas und einer in Irland werde eine Provision über 2,3 Millionen Franken anfallen. Immer wieder hat sich das Geschäft aber «nicht materialisiert», wie es in einem Urteil heisst.

Der gescheiterte Nickel-Deal

So auch beim Nickel-Deal. Qnective brachte vor, sie könne ein in Deutschland gelagertes Depot des Edelmetalls im Wert von 3,5 Milliarden Euro als Sicherheit bieten. Eine Milliarde Euro sollte damit für die Firma verfügbar werden. Doch nun fand sich keine Bank, die Nickeldraht als Sicherheit annehmen wollte. Und dann trat auch noch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) auf den Plan, weil das Geschäftsfeld der abhörsicheren Anlagen als Dual-use-Produkt gilt, also für zivile wie militärische Zwecke verwendet werden kann, was wiederum die Banken abgeschreckt habe.

Genau vor einem Jahr war der Konkurs jedoch nicht mehr abzuwenden. Sogleich folgte die Beschwerde beim Zürcher Obergericht mit der Begründung, man habe ja noch Forderungen beim Serv offen. Der Sachwalter summierte jedoch die Schulden auf mittlerweile 160 Millionen Franken. Denn: Seit der Überschuldungsanzeige sei Qnective kein substanzieller Betrag zugeflossen.

Auf Anfragen zur Stellungnahme erhielt diese Zeitung keine Rückmeldung. Von einem Geschäft mit abhörsicheren Mobilfunksystemen ist heute keine Rede mehr. (aargauerzeitung.ch)

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Die CS-Chefs
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Die CS-Chefs
Am Anfang war der Eisenbahn- und Gotthard-Pionier: Am 16. Juli 1856 nimmt die von Alfred Escher gegründete Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Vorgängerin der heutigen Credit Suisse, ihre Geschäftstätigkeit auf. Der Politiker und Wirtschaftsführer leitete die SKA als erster Verwaltungsratspräsident von 1856-1877 und von 1880-1882.
quelle: alfred-escher-stiftung / alfred-escher-stiftung
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18 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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MediumRare
17.01.2026 23:25registriert Oktober 2020
Abhörsicher? Da hat genau niemand daran Interesse ausser der Endkunde. Wie war das doch gleich mit den Geräten der Crypto AG?
Wenn ich das Wort schon nur lese weiss ich dass man uns verarschen will.
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Antinatalist
18.01.2026 02:31registriert September 2019
Derweil Threema nach der Übernahme durch die Münchner Investmentfirma Afinum Management GmbH eben gerade in den vollständigen Besitz einer weitestgehend unbekannten Frankfurter Investmentfirma namens Comitis Capital GmbH, gegründet 2021, übergegangen ist, während keiner der Gründer noch in der Geschäftsleitung vertreten ist...

Ja, doch, Schweizer Kommunikationssysteme sind allerspätestens seit der Crypto AG besonders vertrauenswürdig.
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stronghelga
18.01.2026 06:28registriert März 2021
Qnective ist nicht an der Technik gescheitert, sondern daran, ein hochkomplexes Infrastrukturprojekt mit der Nonchalance eines Startups zu führen.
Nicht die Ingenieure haben versagt, sondern ein Management, das die Spielregeln von Grossprojekten, staatlichen Auftraggebern und harter Finanzmechanik offenkundig unterschätzt hat.

Der hochnotpeinliche Nickel-Deal ist kein Beweis für Betrug, aber der endgültige Kontrollverlust. Ab diesem Punkt wich professionelles Sanieren dem Prinzip Hoffnung.
Danach die Reissleine zu ziehen, war weniger Tragödie als Gnade.
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